Doch Theo schweigt eisern. Nach einer halben Stunde gibt Baer resigniert auf. „Wir haben uns sicher nicht zum letzten Mal gesehen“ sagt er zum Abschied, „ meine Telefonnummer hast du ja noch.“ Dann geht er.
6
Theo bleibt noch einen weiteren Tag in der Klinik, dann hält er es nicht mehr aus. Er muss einen Wisch unterschreiben, wonach er das Krankenhaus auf eigene Gefahr vorzeitig verlässt. Dann geben sie ihm noch eine Packung Schmerztabletten mit dem Hinweis, diese keinesfalls zusammen mit Alkohol einzunehmen. „ Wann soll ich die dann jemals schlucken?" fragt Theo, lässt die Packung liegen und begibt sich direkt zu seinem Büro.
Dort geht er zuerst in den Innenhof, weil er nachschauen will, ob die Bullen auch seinen Grand Am schön zurückgebracht haben. Dabei läuft ihm der Neger Erwin über den Weg. Erwin, der Hausmeister, ist kein Schwarzer, wird aber wegen seinem schwarzen Kraushaar von allen nur liebevoll Neger genannt. Erwin plappert sofort los: „ Mensch Theo, bist schon wieder da, Mann, wir haben´s natürlich alle gehört, was…“
„Mach mal halblang, es geht schon wieder „ unterbricht Theo den Redefluss . Ihm ist etwas eingefallen. Kann vielleicht nur Zufall sein, aber Fragen kostet nix.
„Hör mal, Neger,“ sagt er „ du hast doch vor zwei Tagen hier unten so einen Typ mit Kapuzenpulli verjagt, was war denn da?“
„Ganz komische Sache“ antwortet der Neger. „ Hab den Kerl nie vorher gesehen. Hat sich da hinten bei den Mülltonnen rumgedrückt und immer zur Hoftür geguckt. Ich frag´ ihn, was er da will, und da wird er ganz aggressiv und beschimpft mich auf spanisch und zeigt mir den Stinkefinger.“
„Spanisch?“ fragt Theo.
„Ja, kenn ich doch von Malle“ sagt der Neger „ und überhaupt hat der irgendwie so ausgeschaut…so, wie man sich halt einen Südamerikaner vorstellt. Du weißt schon, dieser Farbton der Haut, die Nase, die Augen- so wie eben die Südamerikaner im Fernsehen immer ausschauen. Ja und dann sage ich, wenn er nicht geht, hol´ ich die Polizei, und wie er Polizei hört, ist er ab wie der Blitz.“
Das kann jetzt natürlich auch noch alles Zufall sein, denkt Theo, aber es wird immer unwahrscheinlicher. „Kannst du mir den näher beschreiben?“
„Na ja, groß, so eins achtzig, kräftig, vielleicht Ende zwanzig, hatte so `ne auffällige Narbe unterm linken Auge. Und er hat ziemlich nach Knoblauch gestunken.“ Theo bedankt sich und fährt hinauf in sein Büro.
Olga fällt ihm um den Hals. „Chef, ich hab´s gewusst, dass sie früher kommen, wie geht´s ihnen? Einen Brandy zur Begrüßung?.“ Statt einer Antwort macht Theo mit den Fingern ein Zeichen, dass er einen doppelten will, und geht in sein Zimmer. Olga kommt mit den Gläsern nach, sie hat sich ungefragt selbst einen mit eingeschenkt, dann liest sie Theo die Anrufe der letzten Tage vor. Nichts Bewegendes. Theo greift in seine Jackentasche, das Foto von Beatrix ist noch da. Er trinkt aus und sagt:
„Olga, ruf mal bei den Stillers an, ob die verstorbene Freundin ihres Sohnes noch Angehörige hat.“ Olga räumt ab und geht. In der Zwischenzeit, denkt Theo, kann ich ja mal schau´n, ob jemand meinen südamerikanischen Freund kennt.
In diesem Geschäft sind Kontakte alles. Und nach zwanzig Jahren LKA und fünfzehn Jahren als Privatschnüffler kriegt man Kontakte, aber schon so was von, denkt Theo. Zum Thema Südamerika fällt ihm sofort Ernesto Colon ein. Dem gehört das „Santiago de Chile“ in Haidhausen, Anlaufpunkt und Kontaktbörse für alle Südamerikaner in der Stadt. Steht mittlerweile schon in den Reiseführern. Theo hat Ernesto einmal aus einer üblen Patsche geholfen und kann sich seither der höchsten Wertschätzung des Chilenen erfreuen. Er ruft ihn an.
„Ernesto, hier ist Theo…“weiter kommt er nicht, weil er erst einmal eine überschwängliche Begrüßung über sich ergehen lassen muss. Als Ernesto endlich fragt, was er denn für Theo tun kann, sagt der:
„Sag mal, ist dir in letzter Zeit ein neues Gesicht in eurer Gemeinde aufgefallen? Junger Mann, so Ende zwanzig, groß, kräftig, Narbe unter dem linken Auge, vielleicht im Kapuzenpulli und mit Knoblauchfahne?“ Ernesto überlegt, dann sagt er:
„ In meinem Lokal sicher nicht. Aber ich höre mich um und gebe dir dann Bescheid.“ Theo bedankt sich und legt auf.
7
Theo hat das Gespräch gerade beendet, als Olga hereinkommt. „Also, die Stillers haben gesagt, die Eltern von Beatrix, Franz und Christine Waldau, wohnen in Germering, Adresse und Telefonnummer hab ich aufgeschrieben. Und dann gibt es da noch eine ältere Schwester, Ruth, aber wo die lebt, haben sie nicht gewusst.“ Theo nimmt die Notiz entgegen und beschließt, erst mal in Ossis Eckkneipe eine Currywurst zu essen. Es ist eh Mittag. Olga nimmt er nicht mit, sonst artet das nur wieder aus. Ossi, der eigentlich Uwe heißt, aber von allen nur Ossi gerufen wird, weil er nach der Wende aus Sachsen hier eingewandert ist und die Kneipe übernommen hat, reißt die Augen auf.
„ Mensch, ich seh´ Gespenster!“ schreit er durchs Lokal. Theo wiederauferstanden!“
Die ganzen anderen Alkis, die wie üblich schon mittags um Ossis Tresen herumhängen, umringen Theo wie ein Haufen Fliegen den Kuhfladen. Er kommt nicht zum Bestellen, bevor er nicht erzählt hat: Ja, angeschossen, keine Ahnung warum, nur Streifschuss, unbekannter Täter mit Kapuzenpulli, möglicherweise, aber nur so eine Überlegung von ihm, Südamerikaner.
„Südamerikaner?“ unterbricht Ossi, und plötzlich wird es ganz still. „Mensch, so einen hab ich vor vier Tagen hier gesehen! Groß, kräftig, Kapuzenpulli. Ist bestimmt eine Stunde hier die Straße immer auf und ab gegangen und hat sich dauernd umgesehen. Dann ist er vor meiner Kneipe stehen geblieben und hat so durch die Scheibe gelinst, du weißt schon, so mit vorgehaltener Hand. Ich hab mir gedacht, der hat sich vielleicht verlaufen und bin zu ihm raus. Da hab ich sein Gesicht gesehen, so wie wenn du zum Fernsehen sagst, jetzt zeigt mir mal ´nen kolumbianischen Drogengangster, genauso würde der dann aussehen. Hatte ´ne Narbe untern Auge und fürchterlich nach Knoblauch gestunken. Aber wie ich ihn angesprochen hab, ist er wie der Teufel davon“
Soviel zum Thema Zufall, denkt Theo. Er hat keinen Appetit mehr auf Currywurst. „Ich muss noch mal ins Büro“ sagt er und geht.
„Schon wieder da, Chef?“ fragt Olga, aber Theo hat keine Lust auf Konversation. Er verschanzt sich in seinem Büro und rekapituliert: Ein Südamerikaner mit Narbe und Kapuzenpulli wird erst in seiner Straße, einen Tag später direkt in seinem Hinterhof gesehen, wobei er sich verdächtig verhält. Am selben Tag verübt jemand mit Kapuzenpulli einen Mordanschlag auf ihn. Die zehntausend-Taler Preisfrage lautet: Hat der Attentäter eine Narbe und riecht nach Knoblauch? Verzettel´ dich jetzt nicht, denkt Theo. Mach mal was anderes- denk an die Eheleute Waldau. Eine Stunde lang ruft Theo ständig dort an, aber keiner hebt ab. Schöner Tag heute, denkt Theo, vielleicht wursteln sie im Garten und hören das Telefon nicht. Theo hält das Rumsitzen nicht mehr aus. „Ich fahr nach Germering!“ ruft er Olga im Vorbeigehen zu.
Germering ist ein Städtchen westlich von München, in dem sich der Mittelstand, dem es in München zu teuer ist, gern ansiedelt. Genauso ein Idyll ist die Straße, wo die Waldaus wohnen.
Hübsche Einfamilienhäuser, nicht zu groß, nicht zu klein, in hübschen Gärtchen. Häuser, die in den Siebzigern, frühen Achtzigern von hoffnungsvollen Paaren gebaut wurden, um darin Ihre Kinder großzuziehen. Jetzt sind die Kinder ausgezogen, und die Eltern sitzen allein mit ihren Erinnerungen in den halbleeren Buden. Ich hab keine Kinder, denkt Theo. Ich werde im Alter auch allein sein, aber wenigstens nicht jeden Tag vergeblich auf einen Besuch meiner Kinder warten. Theos Ziel tut wenig, um seine trübseligen Gedanken zu vertreiben. Das Haus der Waldaus wirkt unbewohnt, Rollläden heruntergelassen, Rasen nicht gemäht, aus dem Postkasten quellen die Werbeprospekte. Theo steigt aus und läutet trotzdem. Natürlich vergebens, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
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