Ohne Hast begibt er sich ins Empfangsgebäude des Münchner Flughafens. Sein Pass ist in Ordnung, er hat nichts zu verzollen. Was er für seinen Auftrag braucht, liegt in einem Lagerhaus in Flughafennähe. Zur Abholung bereit. Durch den Zoll geschleust auf den bei Rauschgiftschmuggel üblichen Wegen. Er wird die beiden Koffer auf dem Weg in die Stadt mitnehmen. Nach Erledigung des Auftrags wird er sie samt Inhalt spurlos entsorgen. Carras benutzt nie einen Gegenstand zweimal. Am Mietwagenschalter holt er sich die Schlüssel für den reservierten Audi A6 ab. Stark und geräumig, aber noch unauffällig genug.
Nachdem er beim Lagerhaus seine Koffer geholt hat, gibt er im Navigationssystem die Adresse seines Hotels ein: Hilton, Am Tucherpark. Ganz in der Nähe ist die Kanzlei von Ruth Waldau. Aber die beiden kennen sich noch nicht. In seiner Hotelsuite öffnet Carras den Umschlag, der am Empfang für ihn hinterlegt war. Er enthält das Foto eines Mannes und etwas spärliche Informationen über ihn. Sein Auftraggeber hat bisher die Lösung seines Problems in die Hände eines, sagen wir, mäßig professionellen Mannes gelegt, denkt Carras süffisant. So etwas rächt sich immer. Der Halbprofi hat den Auftrag vermasselt und musste zum Schluss noch selbst beseitigt werden. „Das wird nicht mehr vorkommen“ sagt Carras zu sich selbst. Er greift sich eines seiner Prepaid-Handys und gibt eine Nummer ein.
„Ja?“
„Ich bin jetzt da.“
„Gut. Viel Erfolg.“
Carras verzichtet darauf, sich zu bedanken und unterbricht die Verbindung.
17
Montagmorgens legt Theo Olga das Foto von Beatrix Waldau als Gespenst auf den Schreibtisch. „Olga, mach mal eine Recherche, ob und wo in Graz dieses Haus steht. Internet, Street View, Fremdenverkehrsamt, was weiß ich.“ Olga nickt nur, darin kennt sie sich aus. Theo geht in sein Büro, verbrennt sich wie immer den Mund an Olgas miesem Kaffee, als das Telefon läutet. Es ist Bernd Stiller, Papa Äffchen. „Guten Morgen, Herr Strack. Ruth Waldau hat uns gestern Abend angerufen und uns von ihrer Zusammenkunft mit Ihnen erzählt. Sie hat gefragt, ob wir etwas dagegen hätten, wenn sie sie über neue Erkenntnisse informieren würden. Ich will nur sagen, uns stört das nicht. Sie gehört ja eigentlich fast zur Familie. In Wahrheit…, wissen sie, Marga und mich regt das alles furchtbar auf. Es wäre uns ohnehin lieber, wenn sie uns erst nach Abschluss ihrer Ermittlungen wieder kontaktieren. In der Zwischenzeit können sie gerne mit Ruth reden. Wir haben sie sozusagen…bevollmächtigt.“ Tausche zwei Urwaldäffchen gegen hübsche Anwältin, denkt Theo erfreut, kein schlechter Deal. „Soll mir recht sein, Herr Stiller“ sagt er fröhlich. „Sie hören dann wieder von mir“.
Theos Laune bessert sich noch, als Olga eine Stunde später hereinkommt. „Wir haben das Haus, Chef“ sagt sie, sichtlich stolz. Die freundliche Dame vom Fremdenverkehrsamt hat´s gewusst. Steht in Graz in der Altstadt, Adresse steht auf dem Zettel. Da ist so ein esoterischer Laden drin. Im Telefonverzeichnis hab ich aber keinen Eintrag dazu gefunden.“ Esoterischer Laden, denkt Theo, dazu würde der Drudenfuß passen. „Dann muss ich halt hinfahren“ sagt er und schaut zum Fenster hinaus. Es ist so ein herrlicher Spätsommertag, an dem der Himmel nicht hellblau-dunstig ist wie im Hochsommer, sondern von einem ganz klaren, durchsichtigen, ,kräftigen Blau. Die Luft hat eine gewisse Schärfe, man kann schon ein bisschen den kommenden Herbst riechen. „Allerfeinstes Reisewetter“ stellt Theo fest. Er guckt in seinen Kalender. „Sag meine Termine für Morgen und Übermorgen ab, Olga. Die armen Teufel erfahren noch früh genug, mit wem ihre Frauen sie betrügen. Ich fahre jetzt gleich.“
Theo packt noch schnell ein paar Sachen zusammen, für spontane Dienstreisen ist er stets gerüstet. Er schnappt sich seine Tasche, winkt Olga zu und verlässt das Büro. Auf dem Gang läuft ihm Hummel in die Arme. Spontan denkt Theo: Warum nicht? Der Kerl soll was lernen!
„Hummel, was hältst du von einer Dienstreise ins Ausland?“ Hummel strahlt. Dienstreisen sind toll. „Gerne, Chef, wann soll´s losgehen?“
„Jetzt sofort.“ Theo packt Hummel am Arm und zieht ihn hinter sich her.
„Aber, aber ich muss doch erst…“
„Was du brauchst besorgen wir unterwegs“ schneidet ihm Theo das Wort ab und schiebt Hummel in den Aufzug.
18
Die Fahrt nach Graz verläuft ohne Ereignisse, außer dass sie ständig zum Tanken müssen, weil der Grand Am bei Autobahntempo dreißig Liter braucht. Zum Ausgleich flieg ich nicht nach Thailand zum Baden, sagt sich Theo jedes Mal, wenn er die Zapfpistole an die Säule hängt. In einem Hotel in Zentrumsnähe hat Olga für Theo reserviert. Theo versenkt den Grand Am unter Beanspruchung zweier Stellplätze in der Tiefgarage und geht mit Hummel zur Rezeption. Olga weiß nicht, dass Hummel mitgekommen ist, aber auch für ihn ist noch ein Zimmer frei. „In einer halben Stunde im Foyer“ sagt Theo, bevor sie auf Ihre Zimmer gehen.
Als Hummel pünktlich wieder herunterkommt, hat sich Theo vom Portier schon den Weg zu der gesuchten Adresse beschreiben lassen. „Beeil dich, es ist schon früher Abend“ treibt er Hummel an.“ Wir müssen dort sein, bevor der Laden zumacht.“ Wie ein Bluthund, der Witterung aufgenommen hat, schießt Theo aus dem Hotel. Hummel hat Mühe zu folgen und fragt sich, wie Theo mit seinen Pfunden auf so ein Tempo kommt. Hummel würde sich ja gern die malerische Altstadt anschauen, aber er traut sich nicht, den Blick vom davon stürmenden Theo abzuwenden. Nach zehn Minuten haben sie die abgelegene Gasse erreicht. Theo holt Luft. Da steht es. Das gelbe Haus, wie auf dem Foto. Der Ausleger mit dem Drudenfuß, alles unverändert da. Eine hölzerne Eingangstür, daneben ein winziges Schaufenster, voll mit esoterischem Krimskrams, Tarotkarten, Pendel, Glaskugeln, Ouija-Bretter, Fläschen mit Tinkturen, Beutel mit Kräutern, alles mögliche. An der Tür ein Messingschild:
Melisande Stumm Medium Esoterische Lebensberatung
Jetzt kommt der Moment der Wahrheit, denkt Theo. Entweder wir finden hier was, oder ich kann den Stiller-Fall zu den Akten legen. Er drückt die Klinke und betritt den Laden.
Drinnen sieht es aus wie im Schaufenster, nur dass der Krimskrams hier aus Regalen quillt, die alle Wände von oben bis unten bedecken. Es riecht nach Weihrauch und Kräutern. Eine Lampe in der Ecke beleuchtet mit warmen Licht einen winzigen Tresen, hinter dem eine junge Frau erwartungsvoll von ihrer Lektüre aufschaut. „Guten Abend, Fremde“ sagt sie freundlich. Dem Akzent nach ist sie nicht von hier. “Ich bin Pandora. Kann ich euch helfen?“ Theo räuspert sich. „Guten Abend, mein Name ist Strack, und das ist Herr Hummel. Wir würden gerne mit Frau Stumm sprechen.“
„Habt ihr einen Termin?“
„Nein, leider, wir sind extra aus München hergekommen, um Frau Stumm zu sehen.“ Pandora blickt verträumt an die Decke. „Oh, die Menschen kommen aus der ganzen Welt hierher, um Melisande zu sehen. Aber ohne Termin, ohne Vorbereitung, empfängt sie keinen Besuch. Soll ich euch einen Termin machen? In einem halben Jahr…“
„Vielleicht können sie uns ja auch helfen“ sagt jetzt Hummel. „Wie lange arbeiten sie schon hier?“
„Seit etwa einem Jahr, wieso?“
Mist, das ist nicht lange genug, denkt Theo, es geht nicht ohne Melisande Stumm. „Vielleicht können wir es ja so machen“ sagt er zu Pandora „wir sind Privatdetektive auf der Suche nach zwei vermissten Personen. Eine der Personen wurde vor etwas über zwei Jahren vor diesem Haus fotografiert.“ Er legt das Bild von Beatrix auf den Tresen. „Die Frau war in Begleitung dieses Mannes.“ Theo überreicht eine Aufnahme von Frank Stiller. „Könnten sie Frau Stumm fragen, ob sie diese Menschen jemals gesehen hat? Es wäre wirklich wichtig.“
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