Das sind die Medikamente die dich so fertig machen. Du wirst sehen, in ein paar Tagen bist du wieder wohl auf.“ Sein Vater hob die Hand und streckte den Zeigefinger aus und sagte: „Unterbreche mich nicht. Ich weiß sehr wohl wie es um mich steht. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, also verplempere sie nicht mit Phrasen. Ich habe nur eine Bitte an dich. Werde ein besserer Chef als ich und kümmere dich um deine Schwestern. Zeige ihnen den richtigen Weg, ohne sie zu gängeln. Bringe die Firma wieder auf Vordermann. Du hattest damals Recht gehabt, ich hätte auf dich hören sollen. Aber mein verdammter Stolz hat es nicht zugelassen. Bitte verzeihe mir meine Fehler die ich gemacht habe.“ Seine Stimme wurde immer leiser. Dann sagte er zum letzten Mal: „Versprich es mir, bitte.“ Thomas hatte schon Tränen in den Augen und sagte: „Ja Vater, ich verspreche es. Ich hab dich immer geliebt, es gibt nichts, was ich dir verzeihen müsste.“ Ein leises: „Danke mein Junge, aber ich muss nun zu deiner Mutter, ich kann sie doch nicht so lange warten lassen“, war das Letzte was Thomas von ihm hörte. Herrmann Bergmann war soeben verstorben. Sein Gesichtsausdruck war friedlich und hatte ein kleines Lächeln hinterlassen. Thomas verließ nach einer Stunde das Zimmer. Er hatte sich in aller Ruhe von seinem Vater verabschiedet. Als er wieder auf den Flur kam, kamen gerade seine anderen drei Schwestern zur Tür herein. Sie sahen Thomas gleich an was geschehen war. Unendliche Trauer ergriff die vier, nur Franzi fehlte. Sie hatte von Dr. Arnold eine Beruhigungsspritze bekommen und schlief daraufhin fest. So hatten sich die fünf das Wiedersehen, nach über zwei Jahren, nicht vorgestellt.
Zehn Tage später. Die Beerdigung war schon einige Tage her. Thomas Bergmann saß im Arbeitszimmer seines verstorbenen Vaters und telefonierte mit seinem Büro in Frankfurt. Am anderen Ende der Leitung war seine Sekretärin Frau Haber. Thomas: „Hat Dr. Gordon nicht hinterlassen, wann er wieder kommt?“ Frau Haber: „Er hat nur gesagt, dass sie erst alles erledigen sollen, bevor sie wieder zurückkommen. Dr. Gordon bat mich ihnen auszurichten, dass sie bis Ende des Monats frei gestellt sind und das mit vollen Bezügen, praktisch als Sonderzulage für ihre Verdienste in der Bank.“ Thomas: „Das hat er so gesagt, Frau Haber?“ Frau Haber: „Wortwörtlich, Chef. Bitte bringen sie alles zu Hause in Ordnung. Aber ich muss dann wieder an meine Arbeit, Herr Vandenberg wartet auf einen Abschlussbericht und sie wissen ja, wie ungeduldig er ist. Ich bin froh, wenn sie wieder hier sind, Chef. Also, bis dann.“ Thomas konnte sich für das kleine Kompliment nicht einmal mehr bedanken, da hatte seine Perle, so nannte er sie, bereits aufgelegt. Auf sie war Verlass und sie hat immer loyal zu ihm gestanden. Er legte auf und sah zum Fenster hinaus. Der Wind strich durch die Äste der kahlen Bäume, die ringsum das Anwesen standen. Es war merklich kälter geworden und der Wetterbericht brachte wieder Frost mit Glatteisgefahr und Schneeschauer. Genau wie vor knapp zwei Wochen, als seine Eltern den Unfall hatten. Auf einer Brücke war es geschehen. Blitzeis hatte es dort gegeben und der entgegenkommende Fahrer eines Kleintransporters, bemerkte es zu spät. Der Unfall war dadurch unausweichlich und forderte zwei Todesopfer, seine Mutter und seinen Vater. Der Fahrer des Kleintransporters erlitt schwere Verletzungen, hatte aber überlebt. Franzi, seine jüngste Schwester, kam ins Zimmer. Sie erklärte: „Im Sommer ist es hier viel schöner. Es sieht dann nicht so düster und trostlos aus, aber das weißt du ja. Wann kommt der Anwalt?“ Thomas sah auf die Uhr und meinte: „In zwei Stunden, Franzi. Lass uns etwas essen. Sind die anderen schon da?“ Mit „anderen“ meinte er seine restlichen drei Schwestern. Sie nahmen es mit Terminen nicht so genau. Sie waren der Meinung, wenn ich da bin, bin ich eben da, basta. Tommi hasste dies. Er war es gewohnt stets pünktlich zu sein. Es war das A und O seiner Arbeit. Auch war es ein Zeichen von Höflichkeit, Verlässlichkeit und Respekt dem anderen gegenüber, wenn man pünktlich ist. Franzi schüttelte den Kopf und meinte: „Nein, die kommen bestimmt erst kurz vor dem Termin, du kennst sie ja und weißt wie sie sind.“ Tommi: „Franzi, ich weiß nicht wie sie sind, dafür war ich zu lange weg. Ich habe euch ja nur einmal in vier Jahren gesehen. Eigentlich weiß ich überhaupt nichts von meinen Schwestern. Ich habe nicht einmal eine Ahnung, was sie den ganzen Tag über machen, wo sie arbeiten und mit wem sie zusammen sind.“ Franzi: „Mit wem sie zusammen sind, weiß ich ja selbst nicht. Das ändert sich manchmal täglich. Und arbeiten tun meine Schwestern bestimmt nicht, soviel ist sicher.“ Tommi: „Und was machen sie den ganzen lieben langen Tag?“ Franzi: „Sie sind halt beschäftigt.“ Tommi: „Beschäftigt mit was? Franzi: „Halt beschäftigt. Was denkst du, was eine Frau den ganzen Tag alles machen muss, wenn sie abends gut aussehen möchte?“ Tommi überlegte gut und erwiderte: „Duschen, Haare föhnen, anziehen und ein bisschen Make up auftragen. Ach ja, noch ein wenig Parfum sprühen, fertig.“ Franzi lachte laut und meinte: „Mein Bruderherz, du hast absolut keine Ahnung von Frauen. Wenn eine Frau ihr erstes Date hat, bedarf es etwas mehr Aufwand, glaube mir. Das fängt bei den Schuhen an, über Klomotten und Frisör, bis hin zur Kosmetik und dem rasieren. Oh, Mundhygiene hätte ich fast vergessen.“ Tommi hörte ihr interessiert zu und staunte immer mehr, je mehr Franzi aufzählte. Dann fragte er sie: „Wenn das wirklich so ist, warum macht ihr dies alles? Warum brezelt ihr euch so auf und vor allem für wen?“ Franzi schaute ihn entsetzt an und meinte: „Für wen wir das alles tun? Na, für die Herren der Schöpfung, für euch Männer. Welche Frau schaust du genauer an? Die, die aussieht wie Jennifer Lopez oder wie Gundula Meier?“ Tommi: „Wer ist Gundula Meier? Die kenne ich nicht.“ Franzi: „Das ist die graue Maus, die neben Jennifer Lopez steht. Die wird einfach übersehen von euch Männern.“ Tommi: „Es gibt aber noch andere Werte, wie ein gutes Aussehen. Charakter, Treue, Humor oder Loyalität, um nur einige zu nennen.“ Franzi: „Und warum schauen dann die Männer immer zuerst auf die Titten und den Arsch, wenn doch der Charakter und Treue so wichtig sind? Ich kann es dir sagen Bruderherz. Weil ihr Männer immer nur zuerst ans bumsen denkt und nur daran. Wenn ihr eine Frau sieht die in euer Beuteschema paßt, denkt ihr immer nur mit dem Schwanz. Tut mir leid, aber es ist so.“ Tommi: „Du sprichst schon fast so wie deine Schwester Charlotte. Bist du etwa auch eine Feministin geworden? Ist auch egal. Und ihr Frauen, wo schaut ihr zuerst hin, wenn ihr einen Mann sieht? Und komm mir nun ja nicht mit dem Spruch: „In die Augen“. Zuerst auf den Arsch und dann auf das, was er in der Hose hat. Später, welches Auto und wie dick sein Konto ist. Falls das alles paßt, dann erst kommen die Augen dran. Da kann der Typ noch so hässlich sein, das ist dann alles egal, denn Geld und Status machen immer sexy und sind erotisch. Man kann sich ja, wenn man ihn an der Angel hat, immer noch einen jugendlichen Liebhaber suchen.“ Franzi schüttelte mit dem Kopf und meinte: „Ich möchte nicht wissen, welche Dumpfbacken du auf den Leim gegangen bist. Bestimmt blond und vollbusig, aber einen IQ von Dosenbrot. Ich habe schon gesehen, ich muss dich mal mitnehmen, damit du richtige Frauen kennenlernst.“ Tommi: „Danke Franzi, aber meine Frauen suche ich mir noch immer selbst aus.“ Sie liefen nun hinaus zur Küche. Dort war die Hauswirtschafterin gerade dabei das Essen anzurichten. Sie hieß Maria Hall, war 52 Jahre alt und arbeitete bei den Bergmanns schon 25 Jahre. Maria kennt die Kinder von klein auf, hat allen das Fläschchen gegeben und auch manchmal die Windeln gewechselt. Sie kannte all ihre Stärken und Schwächen.
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