Das Hippodrom Istanbuls ist ein in jedem Reiseführer erwähnter Platz, der dem Touristen zur Besichtigung empfohlen wird. Wo zur Reisezeit Autobusse Stoßstange an Stoßstange stehen, spielten sich einst Wagenrennen unter den Blicken von hunderttausend Zuschauern ab. Ein historischer Ort, den noch immer ein ägyptischer Obelisk, die Schlangensäule aus Delphi und der Pfeiler des Konstantin schmücken. Einst das Zentrum der Stadt, wurden hier zirzensische Spiele abgehalten, hohe Persönlichkeiten empfangen, Einzelhinrichtungen bis hin zu Massengemetzel vollzogen. Auf ein besonderes Ereignis, bei dem Blut fließen wird, bereitet man sich an diesem Sonntag vor.
Einige hundert Betten sind schon in Reih und Glied aufgestellt, um die Opfer aufzunehmen. Zwar sind die Bettgestelle noch mit Plastikfolien zugedeckt, wegen der grauen Regenwolken am Himmel, aber schon am Kopfende mit einer großen, roten Schlaufe geschmückt, mit bunten Bändern verziert und mit farbigen Luftballons dekoriert. Das bevorstehende Ereignis kommentiert der Polizist, den der Fremde fragt, mit der Zeichensprache. Er streckt den Zeigefinger der linken Hand und führt mit dem ebenfalls gestreckten Zeigefinger der rechten Hand eine schnelle Schneidebewegung über der Fingerkuppe des ersten Fingers aus. Dabei grinst er über das ganze Gesicht. Wer es noch nicht kapiert hat, dem erklären es die kleinen Jungen noch einmal. Sie bewegen Zeigefinger und Mittelfinger wie eine Schere. Damit auch wirklich keine Missverständnisse entstehen, führen sie die symbolische Schere noch an den Ort des Geschehens. Sie müssen es wissen, denn schließlich ist heute ihr Tag. Der Tag, an dem sie beschnitten werden.
Die Beschneidung der Söhne ist ein Brauch, der aus dem jüdisch-arabischen Raum stammt und dort seit ewigen Zeiten gepflegt wird. Diese aus medizinischer Sicht hygienische Maßnahme, die inzwischen zu den Pflichten eines Moslems gehört, da schon Mohammed beschnitten war, hat selbstverständlich einen mythischen Ursprung. In einer langen und verwickelten Geschichte wird der Beschneidungsakt bereits von Abraham abgeleitet. Ausgangspunkt ist die kinderlose Ehe Abrahams, der dieses Problem Dank einer ihm auf einer Reise geschenkten jungen Frau löste, die ihm alsbald einen Sohn gebar. Da die angetraute Ehefrau etwas gegen das Geschenk und den geschenkten Sohn hatte, musste Abraham beide verstoßen, was ihn später reute, und er die beiden wieder suchte, fand und bei sich aufnahm. Die Ehefrau, die sich inzwischen mit der Sache abgefunden hatte, verlangte aber noch eine symbolische Strafe. Das bedeutete für Abraham, dass ihm anstelle der Lippen, mit denen er die Mutter seines Sohnes küsste, lediglich der Bart gestutzt wurde. An den Fingern, mit denen er seine Geliebte streichelte, wurden im die Fingernägel gekappt. Das Organ, mit dem er seinen Sohn zeugte, verlor bei dieser milden Abrechnung auch nur die Vorhaut. Nach dieser Version ist Abraham der erste Beschnittene.
Bei Moses fordert dagegen Gott Vater den neunundneunzig Jahre alten Abraham auf, sich und alles männliche Gesinde als Zeichen des gemeinsamen Bundes zu beschneiden.
Francisci wurde aber 1664 eine ganz andere Geschichte erzählt. Danach geht die Beschneidung gar auf Adam zurück. In paradiesischer Muse bestaunte der erste Mensch die Schönheit und Funktionalität seiner Körperteile, in denen sich die göttliche Weisheit niedergeschlagen hatte. „Wie er aber das Glied der Geilheit betrachtet, und seine Art recht bedacht, sei er darüber in so große Furcht geraten, dass er besorgte, es möchte ihn dieses Glied einmal in große Not und Schande stürzen, dass er also bald beschlossen, solches Glied vom Leibe wegzuschneiden, um künftige Schmach also zu verhüten.“ Der Engel Gabriel konnte diese radikale Selbstverstümmelung gerade noch verhindern.
So blieb es bei einem kleinen Schnitt, der bei den Jungen in der Türkei normalerweise zwischen dem dritten und dreizehnten Lebensjahr durchgeführt wird. Die Operation kann aber auch unmittelbar nach der Geburt erfolgen. Die obere Altersgrenze ist das neunzehnte Lebensjahr. Wer allerdings als Mann zum Islam übertritt, muss sich selbst im hohen Alter dieser Prozedur unterziehen.
Für die Jungen ist es auf jeden Fall zunächst ein Festtag, an dem sich alles um sie dreht. Sie werden in ihren ersten Anzug gesteckt, der durch Umhang, Zepter, Schärpe und Mütze den Charakter einer Fantasieuniform hat. Umhang und Mütze sind mit falschem Pelz und künstlichen Perlen geschmückt. Auf dem Rücken des Umhangs ist oft noch ein mächtiger Greifvogel aus schillernden Glimmerblättchen aufgestickt. Weiß, Zart-rosa, Rot und Blau sind die Farben, die hier auftauchen. In den Auslagen der Bekleidungsgeschäfte stößt man auf Schaufensterpuppen, die diese Prachtuniformen zur Schau stellen. Während das Zepter und der Umhang fehlen kann, spannt sich die Schärpe mit der Aufschrift Maschallah fast bei allen Jungen, denen heute das Ereignis ihres Lebens bevorsteht, quer über die eher noch schmale Heldenbrust.
Ob den Jungen aber so großartig zu Mute ist, wie dies der äußere Rahmen vorgaukelt, bleibt ungewiss. Zu Zeiten des Erasmus Francisci „geschah die Beschneidung in dem Winkel oder Kerker eines Schlachthauses. Denn die Türken halten ihre Beschneidung nicht mit solcher Herrlichkeit, wie die Juden, sondern verrichten diese Ceremonien gemeinlich unter den Fleischscharren, damit Ochsen- und Türkenblut miteinander fein vermischt werde."
Hier hat sich auf jeden Fall etwas geändert, denn in den Städten bieten auf Schildern und Plakaten klinische Beschneider ihre Dienste an. Ein gewisser Kemal Özkan hält einen eigenartigen Rekord. Er soll an einem Tag 2000 Beschneidungen durchgeführt haben. Bei dieser Beschneidung am Fließband ist eigentlich ein Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde längst überfällig. Während die reicheren Familien die Dienstleistung einer Klinik, die zwischen 100 und 200 Dollar kostet, in Anspruch nehmen, wird dieser wichtige Brauch bei ärmeren Familien oft von der Gemeinde oder einer Partei bezahlt. Im Übrigen sollte es eigentlich eine Verpflichtung für einen Reichen sein, nicht nur die Beschneidung seiner eigenen Söhne, sondern auch den religiösen Ritus für ärmere Nachbarskinder zu finanzieren.
Was sich da auf dem Hippodrom zu Istanbul abspielt, ist dann auch so eine von der Stadt für ärmere Bevölkerungskreise organisierte und gesponserte Massenbeschneidung, die aber auf historischem Boden statt findet. Hier wurde einst die Beschneidung eines Sultansohnes mit großem Aufwand gefeiert. In einem Fugger-Bericht aus dem 16. Jahrhundert heißt es über diese Festlichkeit: „Am siebenten Tag wurden im Hippodrom fünftausend Janitscharen nebst Aga tractiert. Sie speisten auf Teppichen.“ Als 1720 die Beschneidung von vier Söhnen Ahmets III angesagt war, dauerte die Party, bei der noch fünftausend andere Jungen ihre Vorhaut verloren, fünfzehn Tage und Nächte.
Der heutige Festplan sieht eine Bosporusfahrt, den Besuch der Moschee, Verköstigung und Unterhaltungsprogramme für Groß und Klein vor. Aber selbst Clowns und Zauberer können nicht verhindern, dass es irgendwann einmal zur Sache geht.
Während in der einen Ecke der Vater den Sohn eben noch einmal pinkeln lässt, kommt ein anderes Familienoberhaupt mit seinem bereits beschnittenen Stammhalter auf den Armen aus dem Beschneidungsraum und legt ihn in eines der bereitstehenden Betten unter freiem Himmel. Das Beschneidungshemd zeigt noch die Spuren der blutigen Zeremonie. Der Vater drückt eine gelbe Salbe auf das malträtierte Organ. In der Zwischenzeit hat sich die ganze Verwandtschaft um das Bett versammelt, spendet Trost, trocknet die Tränen, rückt die Kleidung zurecht, legt Mütze und Umhang dekorativ um den noch blassen Jungen. Rote Schleifen oder sogar Geldscheine werden ihm ans Hemd gesteckt. Und wenn er zu den Auserwählten gehört, hält ihm möglicherweise ein Fernsehreporter das Mikrofon vor den Mund. Zum Beweis der erfolgreichen Beschneidung von Sultan Mohammed im Jahre 1583 wurde „das Ergebnis der Beschneidung in goldener Schale der Sultanin Chasseki, Mutter Sultan Mohammeds, das blutige Messer der Sultanin Walide, Mutter Sultan Murads, zugesendet.“ Damals griff der Wesir selbst zum Messer, was sich auszahlte, denn für seinen Beschneiderdienst wurde er „mit Geld und Geldeswert bis an achttausend Dukaten“ belohnt.
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