Selbstverständlich brachte er dem Urvater des Menschengeschlechts der laut Bibel nach der Sintflut an den Hängen des Berges zum Ackermann mutierte und die ersten Weinstöcke anpflanzte, ein Weinopfer dar. Der Berg, der einst als der höchste der bewohnten Welt galt, auf einer Landkarte von 1780 direkt neben dem Paradies eingezeichnet ist, „in der Mitte der Linie der größten Längenausdehnung der alten Welt, zwischen der Südspitze Afrikas und der Beringstraße liegt und zugleich den zentralen Knoten der afrikanisch-asiatischen Wüstenzone bildet“, der einst den Schiffern auf dem Kaspischen Meer der Orientierung diente, ist gerade mal zum höchsten Berg der Türkei zusammengeschrumpft. Selbst der Erstbesteiger musste Federn lassen, trägt der Gipfel doch nicht mehr seinen Namen, sondern den des Gründers der modernen Türkei. Nach der türkischen Ararat-Legende gibt es auf dem Gipfel des Ararat einen Brunnen, der in das Erdinnere hineinreicht. Aus diesem Brunnen haben die Menschen einst das erste Feuer gestohlen. Vom Berg bemerkt, wurden sie in Steine verwandelt, die seither die Abhänge bedecken. „Niemals hat der Ararat dem Vergeben, der seinen Gipfel bezwang“, heißt es in der Bergsage. Also wieder einmal Glück gehabt.
Wer die Arche wirklich sehen will, muss nicht das Risiko einer Bergbesteigung auf sich nehmen. Ein paar Kilometer in Richtung iranischer Grenze hat man den Landungsort der Rettungsinsel aus der Bibel genau geortet: 39°26’4 nördlicher Breite und 44°15’3 östlicher Länge. Dort schaut man auf ein Gebilde, das von einem Bauern 1948 entdeckt wurde und die Form eines Schiffes aufweist. Was da zu sehen ist, sollen die Umrisse der Arche sein, die aus einem zementartigen Material bestand. Die Innenverkleidung aus Holz wurde später von Noah verheizt, denn während die Sommer hier knackig heiß sind, können die Winter lausig kalt sein.
Von Noahs Arche hat man einen schönen Blick auf Noahs Berg, von dem Tournefot 1776 schreibt: „Dieser Berg, welcher zwischen Süd und Südost der drey Kirchen liegt, hat das traurigste und widrigste Ansehen, was in der Welt sein kann.“ Für den Besucher Wagner 1852 war es „eine grandiose Bergscenerie, die mit keiner anderen Landschaft in drei Erdteilen einen Vergleich aushält.“
Vielleicht hängt die Einstellung einfach davon ab, wie viel man von Noahs Rebensaft konsumiert hat. Das biblische Flair der Landschaft jedenfalls hat sich wahrscheinlich nur wenig verändert, so dass es wohl niemand wundern würde, wenn dem mit Stroh beladenen, sich mühsam den unbefestigten Weg hinauf quälenden einachsigen Ochsengespann mit Holzscheiben als Räder, der vom Feld zurückkommende Urvater Noah entstiege.
EIN BESUCH IM HAMAM
Obwohl ich es immer wieder versucht habe, mich mit dieser für viele so beglückenden Einrichtung anzufreunden, bin ich kein Fan des türkischen Bades, da konnten auch vier Jahre Türkeiaufenthalt und zahlreichen Badebesuche nichts ändern. Nichts habe ich ausgelassen, was das Bad vorgibt, an Genüssen zu bieten. Aber weder an mir vollzogene Waschungen noch Massagen hinterließen eine positive Wirkung oder führten gar zu einer Einstellungsänderung. Nichts hat geholfen! Nach meiner ersten Kese gar hatte ich nicht das Gefühl der Sauberkeit, sondern ein brennendes Verlangen mich zu duschen, aber wo? Zu Hause natürlich, denn das klassische türkische Bad kennt diese moderne, praktische Erfindung der Dusche noch nicht. Auch die Massage war eine herbe Enttäuschung - danach ging es mir zwei Tage so schlecht, dass ich glaubte, das Ende sei nahe. Gesundheitlich waren das die schlimmsten Tage meiner gesamten Türkei-Zeit, und das will schon etwas heißen. Auch die Art der Kleidung, wie eine Mumie in ein Tuch gewickelt, erscheint mir eher hinderlich als besonders praktisch oder gar entspannend. So wird das Bad vermutlich nur noch von denjenigen genutzt, denen zu Hause geeignete Waschmöglichkeiten fehlen und natürlich von Touristen, denen man für den eigentlich billigen Spaß viel Geld abknöpft. Zur Ehrenrettung des Bades sei jedoch gesagt, ich habe auch Bekannte, die sind begeisterte Hamam-Besucher und schwören auf diese türkische Einrichtung, selbst dann, wenn sie am gesamten Körper schon von den verschiedensten Pilzen heimgesucht wurden. Worauf ihr Enthusiasmus zurückzuführen ist, habe ich bis heute nicht nachvollziehen können. Trotz meiner Abneigung, lasse ich mich doch immer wieder zu Besuchen verführen. Test it!
Der Wind weht mir feinen Nieselregen ins Gesicht. Ich versuche den schweren, kalten, von den Dächern herunterfallenden Wassertropfen auszuweichen und dabei gleichzeitig die Wasserlachen auf der Straße im Auge zu behalten. Aus den Schornsteinen quillt Rauch und zieht wie Nebelfetzen durch die engen Straßenschluchten. Das Thermometer zeigt 5°C. Bonjour Tristesse! Ein Aprilmorgen in Istanbul.
Ein Tag wie geschaffen für den Besuch des Hamams, des viel gerühmten und oft beschriebenen türkischen Schwitzbades. Ein Jungbrunnen, der nicht nur den Körper reinigt, sondern auch Geist und Seele wieder ins rechte Lot bringt, glauben die Anhänger dieser uralten Einrichtung. Eine ideale Brutstätte für Mikroorganismen, in der man sich allenfalls den Pilz holt und nach einer Massage reif für den Orthopäden ist, prophezeien die Skeptiker. Probieren geht über studieren, denke ich, als ich die Tür des Galatasaray Hamami öffne.
Im Kopf das berühmte Bild des französischen Malers Ingres, „Türkisches Frauenbad“ von 1859, auf dem in der Kulisse eines türkischen Bades nackte Frauen tanzen und sich räkeln, werde ich schnell von der nüchternen Realität eingeholt. Wer bisher geglaubt hat, ihm stehe vielleicht ein angenehmer Vormittag mit dem anderen Geschlecht bevor, wird gleich desillusioniert, denn im klassischen türkischen Bad herrscht strikte Geschlechtertrennung. Männer und Frauen benutzen verschiedene Eingänge sowie eigene Baderäume und werden jeweils von gleichgeschlechtlichem Personal betreut.
Lady Mary Wortley Montagu, die 1717 die Damenabteilung eines Hamams in Istanbul besuchte, machte folgende Beobachtungen: „Kein zügelloses Lächeln, keine lockere unanständige Gebärde... der Anblick so vieler schöner Frauenleiber in verschiedenen Stellungen.. Einige Damen plauderten; einige machten Handarbeiten, andere wieder tranken Kaffee und Sorbet oder lagen lässig auf ihren Polstern und ließen sich von Sklavinnen das Haar in verschiedenen Arten aufstecken. Kurz und gut, dies ist das Damenkaffeehaus, wo alle Stadtneuigkeiten besprochen, Skandalgeschichten erfunden werden usw.“.
In der Eingangshalle erwartete man mich bereits, ohne mir Zeit zu lassen, die Informationen an der Kasse zu verarbeiten oder die träge im Barockbrunnen herumschwimmenden Goldfische in Ruhe zu beobachten. Ehe man sich`s versieht, erfolgt schon die erste Dienstleistung. Man ist seine Schuhe los und schlurft in mehr oder weniger passenden Sandalen eine Treppe hinauf, wo man zu einer Umkleidekabine geführt wird - Teil zwei des Services. Dort legt man seine Kleidung ab und windet sich ein vom Bauchnabel bis fast zu den Knien reichendes Tuch um den Leib. Wer diesen Sichtschutz einfach an der Hüfte zusammenknotet wie einst Gunther Sachs, wenn er an den Stränden von St. Tropez auftauchte, hat sich bereits als Erstbesucher geoutet, was früher oder später sowieso passiert wäre. Die Beschreibungen des türkischen Bades verlieren sich nämlich meistens in allgemeinen, fast philosophischen Betrachtungen, die den Leser nur neugierig auf den Besuch dieser Badeeinrichtung machen, ohne ihm genau mitzuteilen, was man zu tun oder zu lassen hat. Das Tuch jedenfalls schlingt man sich solange um den Leib, bis es aufgebraucht ist, was natürlich je nach Leibesfülle zu einer unterschiedlichen Zahl von Lagen führt. Klemmt man das Ende oben unter den Rand und schlägt diesen noch zwei- oder dreimal um, bekommt die Sache Halt. Diese Badebekleidung wird von Schweigger 1608 lobend erwähnt: „Sie bedecken sich im Baden fein züchtig und ehrbarlich, und nicht so schimpflich wie die Deutschen, wo es das Ansehen hat, als wollt einer die Scham mit Fleiß zeigen.“
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