Jüngster Zeit sind dort ein paar Häuser erstanden zum Staunen der Bauern.
Auf alten Grundmauern ist ein schönes, großes Landhaus gebaut worden, das sich über dreifach übereinandergetürmten Kellern erhebt. Das Haus liegt an einem sanften Abhang, der auch dem tiefsten der Keller ein wenig Tageslicht durch die gewaltigen Grundmauern zukommen läßt.
Niemand weiß, aus welcher Zeit die alten Mauern stammen, geradeso, wie es das Bäuerlein von sich selbst nicht auszusagen wußte. Dem Bauherrn aber hatten es die drei Keller angetan. Er konnte nicht von ihnen los.
Drei Keller übereinander im Tal am Bach, zur nahen Burg wohl gehörend, die einst nicht unweit auf hohem Riff weit die Seen und Wege überschauend sich erhob. Aus römischer Zeit stammen die Keller nicht – dachte der Bauherr – „Germanisch“ Schatzbewahrer – Nahrungsbewahrer – Hort.
Die römische Zeit lag seinem Wesen fern, trotzdem ein zweitausendjähriges Zeugnis jener Epoche außen am alten Kirchlein eingemauert war und von fremden Leben, das hier einst herrschte, zeugte, von fremden Mächten, fremder, hoher Kultur in der Einöde. Die Giebelseite eines hohen Sarkophags mit dem Steinbild eines römischen Paares. Beide schön, rassig, vornehm. Gesichter und Hände abgehauen. Die weltbezwingende Linie der Schönheit aber hatten alle Bauerngeschlechter nicht verwetzen, zerschaben, zerhauen können. Sie war da – unsterblich – und leuchtete über die Bauerngräber hin, fremd, voll Geheimnis. Dem Bauherrn aber waren seine drei Keller voll Geheimnis und Leben, das ihn selbst anging.
„Drei-Kellermann übereinand“, sagte sein Weib, der die Keller eigentlich nicht nach ihrem Sinn waren, zu tief, zu dunkel um darüber fröhlich zu wohnen.
„Laß gut sein, Götterweib“, meinte der Bauherr verschwiegen lächelnd.
Das Haus aber ruhte mächtig auf den alten Grundmauern – und siehe da: Es hatte selbst seinen Baumeister erstaunt, denn es war in die Höhe gewachsen, wie aus eigenem Gutdünken. Die alten Grundmauern ließen nicht mit sich spaßen. Sie konnten und willten das nicht werden, was sie werden sollten: eine tadellose, moderne Villa. Sie hatten sich in die Höhe gereckt in ungewohnten Maßen.
Und so stand es nun wieder da, das Haus von einst! Die Bauern schauten, und wer sonst vorüberging schaute. Tüchtig stand es da, aus einer festen Zeit, in der Haus und Mann sich nach ureigenen Ideen gebärden konnten.
Vor dem großen Krieg war es aus den Kellermauern herausgekommen und hatte sich ein spitzes Dach augesetzt, unter dem es sich behaglich fühlte -. Nun mochte sich in ihm einnisten, wer da wollte! Ihm blieb’s gleich.
Es hatte Glück! Sein Bauherr und neuer Bewohner war ganz der rechte: ein schlichter, gerader Mann, der, wie sein Haus es getan, als es sich ein Dach nach den Ausmaßen seines tiefsten Grundes aufgestülpt hatte, sich auch nach des Lebens Arbeit, einen Schutz hatte wachsen lassen, der ihm Kopf und Herz schirmte wie ein gutes wetterfestes Dach – seinen schlichten Humor – den ein ordentlicher Mensch genau so braucht, wie das Haus sein Dach.
Sie gehörten also zueinander die beiden, der Mann und das Haus. Das Weib gehörte auch dazu, trotz der drei Keller übereinand’. Eine Schwester war auch noch da, „die Tatten“. Beide Weiber von gutem Schlag dienten ihrem Herrn in aller Ruhe, im Wohlstand und im Behagen des beginnenden Alters. Alle drei stämmige, ausdauernde Gestalten, gut genährt, gesund und brav.
So zogen die drei fröhlichen Alten ein in das Haus, frei und ledig aller Sorgen – und nach einem arbeitsreichen Leben mochten sie vorhaben, die kommenden Jahre wie ein heiteres Fest zu begehen.
Und so lebten sie gute, reichliche Zeiten, hausten sich ein. Alles gedieh. Der Garten stand im Blumenflor wie ein Wunder, die Gemüse bildeten steinharte Köpfe im höchsten Pflanzenwohlleben. Die Beerensträucher, die Obstbäume mustergültig, stramm und glatt, und trugen, wie hierorts nie Bäume getragen hatten. Tomaten glühten, als wüchsen sie im Paradies. Die Hühner legten, wie Bauernhühner es nie vermocht hätten, und zogen wertvolle Völker auf. Alles zeugte von Pflichttreue.
Die Bauern, die am Anwesen vorübergingen, blieben bedächtig stehen, stießen den bayerischen Urlaut, der im Lande viel gilt, aus, mit dem Mann und Weib, bei Staunen, Schadenfreude, Teilnahme, Ärger vortrefflich auskommen – Kurz ausgestoßen und ganz hinten im Hals: „Ah! – ah! – ah! – ah!“ – „Gibt’s des aaah?“ setzten nach langer Schau die Geschwätzigeren noch hinzu – und gingen kopfschüttelnd weiter. Und wenn Tatten, so hatte man sie genannt, hinter einem Johannisbeerstrauch hockend, Beeren pflückte, und solch einen Ausbruch der Gefühle belauschte, schlug ihr das Herz vor Stolz über das reichlich mit Neid gemischte Lob ihrer Geschwister, und es tat ihr wohl vom Wirbel bis zur Zehe.
Ihre Stellung als Wirtschafterin auf herrschaftlichen Gütern hatte sie aufgegeben, um sich ganz dem Haushalt ihrer Geschwister zu widmen. Sie fühlte sich als sommerlicher freier Bach, den nichts mehr hemmte, und liebte, was sich nur lieben ließ.
So lebten sie, als der große Krieg hereinbrach.
Die Söhne zogen hinaus. Der älteste ließ Weib und Kind zurück. Wie Abertausende wurden sie aus ihrer Bahn gerissen und gingen, getrieben von ungeheueren Mächten, ihrem Schicksal zu. – Aus der Bürgerlichkeit ins Urweltliche hinein, das immer gegenwärtig ist – immer bereit, vorzubrechen.
Das Weibervolk trat in das große passive Dulden ein.
Die beiden Frauen über den drei Kellern überkam es dem schweren Südwind gleich, der den dunkeln, treuenden Bergwall vor sich herzutreiben scheint, alles Holde zu zermalmen.
HANS BRANDENBURG Herbst am Ammersee
Die Ufer des Ammersees sind Jugendland, und Herbsttage am Ammersee sind mir Tage der Lebensernte und der Erinnerung an Arbeit und Erholung. Dazu paßte es, daß zwei meiner Jugendbekannten heute dort einer Stätte der Arbeit, und zwar der Arbeit an der Jugend, und einer Stätte der Erholung vorstehen: Ernst Reisinger dem Landerziehungsheim Schondorf und Else Barbara Karst dem Erholungsheim „Bayern“ in Buch.
Von Stegen wandert man erst am Strand hin, dann auf waldigem Steilrande nach Buch. Mit der Ostseeküste ist die Landschaft hier verglichen worden: der durchblickreiche Buchensaum über der anbrandenden blauen Wellenfläche, die leichte, grünbewipfelte Höhe, aus der versteckte Sommersitze lugen. Vom Wörthsee und Pilsensee schwillt dies stillste Breitbrunner Ufer herüber, ein Naturpark im Wandel von Wiesen und Baumgruppen. Und in einer Lichtung thront jenes Erholungsheim, das der Verein der Bayerischen Verkehrsbeamtinnen sich baute, das aber auch andere Gäste beider Geschlechter während des ganzen Jahres aufnimmt, hell und heiter über dem See. Es hat einen Garten sich zu Füßen, der, hinter einer Girlande bunter Herbstblumen, ein großer Wiesenhang mit Laub[unleserlich] freistehender Eichen bis hinab zum Wasser ist zu seinem eigenen Stück Strand, über dessen Wipfelschleier es zum anderen Ufer nach Schondorf blickt.
Der Dampfer oder der Kahn trägt hinüber. Was ist aus dem Fischerdorf Unterschondorf geworden, seit ich es kenne! Zwar begründete schon Wilhelm Leibl seinen stillen Ruhm für die deutsche Kunst, den in unseren Tagen Hans Pfizner, viele Jahre hier lebend und schaffend, festsetzte, die Fischerei ist geblieben. Stahlharte Muskeln kämpfen im Sommer und Winter um den Fisch, das alte Gasthaus steht noch, und das romanische Kirchlein daneben mit seinem frühen gekrönten Kruzifixus im Innern, das älteste Gotteshaus ringsum baucht noch immer seine tuffsteingequaderte Apsis gegen den See. Aber Kaianlage und Strandpromenade haben den Schilfgürtel zurückgedrängt, Sporthäfen deuten auf den Wettstreit des erholungsbedürftigen Städters mit den handwerksmäßigen Besiegern von Wind und Wetter. Villen überwuchern das alte Ortsbild, der ehrwürdige Weidenbaum von Leibls berühmtem Jägergemälde, mit einer Gedenktafel versehen, ist von dem Plankenzaun eines modernen Strandbades beengt, und neben der zeitgemäß erneuerten Dorfstraße führt ein gelber Torbogen in den Bereich des Landerziehungsheims.
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