Der Berg Andechs ist der höchste Punct an den Ufern des Ammersee’s. Du kannst dir denken, daß die Aussicht von diesem erhabenen Orte Weite und Pracht hat. Besonders überrascht dich der veränderte Anblick des Sees, von dem, was dir von Seefeld aus gen Dießen hin als seine Länge erschien, hier nur als quere Breite sich darstellt. Wende dein Auge gen Süden. Eine weitauslaufende Ebene trägt dich über zerstreute Dörfer – zwischen Wiesengrün bis gen Weilheim, dem freundlichen Städtchen, und weiterhin über Polling nach den Tyroler-Alpen, die mit majestätischer Pracht das Bild der herrlichen Landschaft begränzen. Oder du steigest vom südöstlichen Ufer des Sees in sanften Erhebungen durch dunkle Wälder aufwärts, bis sich mit kühnem Schwung der Peißenberg emporhebt, von dessen Gibel ein einsames Kirchlein herab winkt. Du magst dich dort einstweilen in Träumen einer göttlichen Aussicht wiegen, bis dir die Wirklichkeit die ungeahneten Schönheiten eröffnet, die den kühnsten Idealen der Phantasie spotten.
Dießen
Wenn nicht schon der, an Menschen- und Häuserzahl beträchtliche, reinliche und gewerbsame Marktort, nebst dem schönen, geräumigen Schlosse (ehemaligen Kloster) die Aufmerksamkeit des Reisenden verdienen würde; so dürfte doch gewiß die ehemalige Klosterkirche, eine der vorzüglichsten des Königreichs, die reinste Bewunderung des Künstlers erhalten.
Eine langweilige Bootspartie
Zum Theil lag die Schuld in der Einförmigkeit des Sees, der sich nun allmählig zwischen unfreundlichen Ufern verenget, und endlich in einen breit- und tieflosen Wasserstand ausläuft. Zum Theil aber möchte wohl dieses Mißbehagen auch daher rühren, weil mein Auge, verwöhnt an herrlichere Seen, keine Sättigung mehr fand.
OTTO JULIUS BIERBAUM Pankrazius Graunzer
XXII.
Ein brief des Herrn Pan-
krazius Graunzer an seinen
Freund Peter Kahle. Handelt
von idyllischen Plänen.
Dießen am Ammersee, im Rosenmond.
Lieber Peter!
München ist eine herrliche Stadt, aber es wird zu viel Kunstsimpelei dort getrieben. Das Kunstschaffen ist ein köstlich Ding, aber das Kunstschwatzen ist ein greulicher Unfug. Schlimm ist es, wenn dieser Unfug von Künstlern begangen wird, schlimmer, wenn ihn die Philister treiben, am schlimmsten, wenn ihm Kunstgelehrte obliegen.
Denn, wie sagt doch schon der göttliche Sterne in Tristram Shandys drittem Teile? Dort steht im zwölften Kapitel also geschrieben: „Von allem Geschwätze, das in dieser geschwätzigen Welt geschwatzt wird, ist das Kennerkunstrichtergeschwätz das Unausstehlichste.“ Sei mir gepriesen, Mann aus Clonmel!
Ich hatte das Unglück, mit einem besonders degoutanten Exemplar dieser Spezies hier in Berührung zu kommen.
Apage monstrum! Der Kerl hat mir die Lust an München vergällt, ich nahm meinen Rucksack und schob ab.
Nach dem Ammersee.
Du! Der ist schön! Schöner als der Starnberger, fand ich. Der ist schon ein bißchen Bassin geworden, „umkränzt von Villen“. Ich danke für diesen Kranz.
Der Ammersee dagegen hat noch viel Natur. Item: es gefällt mir hier.
Ich habe mich in Dießen eingenistet. Vorerst im Kloster oben, das jetzt ein Gasthaus ist. Aber ich bin auf der Suche nach einem Bauernhaus, in dem ich wohnen könnte. Mich gelüstet’s nach Idylle. Ich möchte `mal bloß naturbeschaulich leben, ohne Wollen, ohne Ziel.
Ob’s geht?
Retournons a la nature, d.h. auf Deutsch: sehen wir uns `mal in uns selber um.
Wie ich hier lebe? Ganz schäferlich. Wandre hin, wandre her und weide meine Schafe.
Ich bin Herr von einer großen Herde,
Und die ganze Welt ist meine Weide,
Meine Schafe weiden selbst im Himmel.
Es ist doch kein Kritiker in der Nähe? Wie würde der witzig den Bleistift spitzen, wenn er läse, daß ich meine Gedanken und Gefühle Schafe nenne.
Man wird so angenehm müde bei dieser Beschäftigung, so ruhig, so abwartend, so haßlos. Das Vegetieren ist die gesundeste Beschäftigung.
Nerven? Was ist das für ein Wort?
Ärger? Wo hab ich doch dieses Substantivum `mal gehört?
Die größte Aktualität sind mir jetzt Rosen. Wunderbare gibt es davon hier.
Und dann das Bauernblumenzeug, das in den Gärten blüht. Welch eine Pracht!
„Bäurisch!“ würde das wandelnde Pergament sagen. Fahr’ ab, Greuel!
Du solltest einmal hier zu meinem Fenster hinausblicken können. Grün ringsum, aber in der Weite vorn der blaue See und drüber her der Himmel mit weißen Flaumwolken.
Auch die Menschen gefallen mir hier im ganzen. Es ist eine gute Mischung: Schwabbayern. Besonders gut gefällt mir die Sprache, dieses mit Schwäbischem durchsetzte Altbayrisch.
Beim Gingalawirt,
Beim Gingalawirt,
Da kehra d’Schwabe ei’
Und trinken `s Gläsle Branntewei’
Und schiewe s’ Gläsle ein’.
Schwaben und Oberbayern stoßen hier hart aneinander, und es ist, obwohl sie eigentlich ineinandergeflossen sind, immer noch mancher Rest von früherer Gegnerschaft vorhanden, jetzt nur in Redensarten und leichten Spöttereien. Man könnte fast versucht sein, „Studien“ zu machen. Aber da sei Gott vor! Ich fang mir nur hier und da ein alt Liedel ein und freu’ mich d’rüber.
Was sagst Du zu diesem schwäbischen Schnapphahnlied:
I bin dei und dei,
Und du bischt mei und mei,
I geh ins Schtädtla nei
Und du in Tenna,
I schtiehl a Schtrimpfla mehr
Und du a Henna.
Ist das nicht wunderhübsch?
Solcher Lieder fliegen hier viele durch die Luft.
Weiß der Himmel, welcher Brandsohlenläufer sie einmal erfunden hat, aber wenn ich die Wahl hätte, wem ich den Kranz geben soll: ihm oder einem der reputierlichen Reimfriseure von heute, ich würde mich nicht lange besinnen.
Verliebt ist aber das Volk hier, - es ist zum Hinwerden! Ich würde Dir noch eine ganze Reihe von Liedern aufschreiben, wenn sie nicht ausschließlich von der Person eingegeben wären, die Fischart „Das federlinde Töchterlin“ nennt.
Hans und Grete,
Grete und Hans,
Ueberall derselbe Tanz.
Immerfort derselbe Kreis.
Von Adam her im Paradeis
Zielt alles auf denselben Strich, -
Das Ding ist unabänderlich.
Dein
Pankraz.
XXIII.
Einige Stücke aus Herrn
Pankrazius Graunzers
Gerschle-Pepi-Buch. Man
wird erfahren, was dies für
ein Buch ist.
25. Juni.
Gott verläßt keinen Junggesellen: ich habe mein Bauernhaus gefunden. Hier sitze ich auf meiner Altane zwischen hellen Weinblattwänden und blicke über Wiese und Busch weg zum See.
Gesegnet seist du, o Gerschle-Pepi, die du zwar nicht schön bist unter den Jungfrauen, aber du hast mir gegeben, was ich gesucht habe, und dafür preist dich meine Dankbarkeit. Dir zum Ruhme sei dies Buch genannt, in das ich meine einsamen Freuden eintragen will.
27. Juni.
Die Kleine ist wirklich allerliebst. Ich habe sie durch Zufall wiedergesehen. Im Kloster oben.
Es war da so eine Art Tonleiterkletterübung von einem Gesangverein. Und während die wackeren Mannen baßgründig und tenorverwegen zum Himmel riefen:
„Heil dir, o König, Heil!
Heil, Heil, Heil, Heil, Heil, Heil!“
(mehr ist mir von dem Text nicht geblieben), stand sie auf einmal schräg vor mir neben einem Fliederbusch.
Guter Himmel: wie reizend sah sie aus!
Ha, ja: Jugend!
Und irgendein Reim-Flügelbübchen mit rosaroten Hinterbäckchen ließ sich von der blühenden Akazie herab auf meine Schulter und skandierte mir ins Ohr:
Ein Mädel gedrechselt sein wie ein Figürchen
Auf Rokokotischen galanter Markisen...
Nun sag’ mir aber eins: wie kommt so was Feines hierher?
Eine Städterin ist sie nicht. Gestern sah ich sie ja, wie sie mit der Wäsche hantierte.
Aber schon da fiel es mir auf, wie ihre ganze Art im Gegensatze war zu ihrer Hantierung. Und wieder das Reimgottchen:
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