LUDWIG AURBACHER Aurbachers Jugenderinnerungen
Unser Musiklehrer war ein grämlicher Mann, der nicht Geduld genug besaß, in den allerdings langweiligen Anfängen dieser Kunst Unterricht zu erteilen. Indessen bin ich dem Manne Dank schuldig; denn er dressierte mich doch in kurzer Zeit so weit, daß er mich nach Jahr und Tag als Singknabe nach Kloster Dießen empfehlen und dort unterbringen konnte (1793).
Nun hielten mich meine guten Eltern für versorgt, oder doch auf rechtem Wege, dereinst versorgt zu werden. Denn die Klöster waren allerdings liebvolle Mütter und Ammen der Jugend; und der Knabe, der einmal das Glück hatte, unter ihre Pflege und Obsorge genommen zu werden, bedurfte von Haus aus keiner Unterstützung mehr; und selbst seine Zukunft war bei der großen Verbrüderung der Stifter in sichere Aussicht gestellt.
Es bedurfte jedoch all der ärmlichen, genügsamen Erziehung, die ich genossen, um es in diesem neuen Zustande auszuhalten. Wir Dutzend Knaben bewohnten ein einziges Zimmer, zu ebener Erde, gegen Norden gelegen, stark vergittert wie ein Gefängnis, wo wir zugleich essen, schlafen und studieren mußten. Da saßen wir denn eingepfercht die ganze lange Zeit, ohne andere Beschäftigung als die wenigen Aufgaben, die zu machen waren. Denn der alte Herr, dessen Lehre und Aufsicht wir anvertraut waren, ließ sich selten sehen, als um uns Singknaben die Messe einzugeigen, die eben an der Tagesordnung war. Die schriftlichen Pensa(1) sah er flüchtig durch und bemerkte die Fehler, worauf sodann die seltsame Exekution eintrat, daß wir einander selbst der Reihe nach so viel Streiche ad posteriora(2) versetzten als der Folgende an Fehlern mehr hatte. Daß diese gegenseitige Züchtigung nun eine ungeheure Animosität unter uns verursachte, war natürlich, und der Stärkere holte denn auch meistens am Schwächeren proprio motu(3) die Streiche nach, die jener ihm ex officio(4) mehr zugeteilt hatte.
In der bessern Jahreszeit war es uns öfter vergönnt, unsern düstern Vogelbauer zu verlassen und teils in dem geräumigen Hofe zu spielen oder in der Umgegend umherzuschweifen. Noch erinnere ich mich mit Freuden dieser Spaziergänge, auf denen uns, wenn’s die Zeit zuließ, der verehrte Lehrer begleitete. Er erzählte uns mitunter von den ungeheuren Begebenheiten in dem fernen Frankreich und von dem schauderhaften Königsmorde(5), den die wütende Horde verübt, und ermangelte nicht, das Land zu preisen, wo noch Gottesfurcht galt und die Liebe herrschte zum Landesvater. Auch für die körperliche Erquickung ward gesorgt in dem nahen Meierhofe(6), wo Milch und Butter zu speisen waren oder in den Dörfern, da manche gutmütige Bäuerin uns einen Kirsch- oder Zwetschgenbaum preisgab und wir wie Spatzen zwischen den Aesten saßen, um nach Herzenslust zu naschen.
Die wahre Erntezeit für uns war aber der Christmonat(7). Außer dem St.Nikolaustag, der uns aus der Propstei Schuhe, Strümpfe nebst anderen Wohltaten zukommen ließ, wurden wir zu einer kleinen Musikantenbande abgerichtet, die in den Klöpflesnächten(8) zuerst das ganze Konvent, dann die Pfarre zu St. Georgen und zuletzt den Marktflecken selbst von Haus zu Haus abstappelte(9) und so das freiwillige Deputat(10) für unsere Dienste in den Kirchen bei den Gläubigen einholten. Obgleich dann die Beiträge spärlich flossen bei der Dürftigkeit der meisten Bewohner, so wartete unser doch mancher gute Bissen in den vermöglichern Häusern und auch die Kasse füllte sich dermaßen, daß wir nicht nur am letzten Tage eine köstliche Letze in einem Wirtshause bestreiten, sondern auch ein für unsere Bedürfnisse hinreichendes Taschengeld hinterlegen konnten.
Die Klostergemeinde [überhaupt] stellte das Bild einer exemplarischen Familie dar, in welcher, Zucht, Ordnung und Frömmigkeit herrschten. Der prächtige Tempel, der tägliche feierliche Gottesdienst, besonders auch der Chorgesang der Männer machten großen Eindruck auf mich und drängten das ärmliche Bild des Kapuzinerklösterchens zurück, das nun schon außer dem Bereiche meiner Wünsche und Pläne lag. Der Knabe betrachtete sich gern als einen künftigen Chorherrn und es ward ihm auch nicht undeutlich zu erkennen gegeben, daß im Falle meines Wohlverhaltens Aussicht zu dereinstiger Aufnahme vorhanden sei.
Nach Verlauf von drei Jahren wurde ich als Singknabe entlassen und nach München ins Seminarium empfohlen.
LUDWIG AURBACHER Mein Ausflug nach dem Ammer-See und seinen Umgebungen
Anfang des ersten Briefes
Fahren kann jeder, (dachte ich mir, als ich zur Stadt hinaus eilte,) aber nicht jeder kann gehen. Zu jenem bedarf es höchstens einer Equipage, und diese kann sich nöthigen Falls auch der Bauer – aus seinem Holzwagen machen; aber zum Gehen braucht man gute Füße, und diese wunschet sich oft ein König vergebens. Daher glaube ich, daß das Sprichwort „bettelmännisch gefahren sey besser als edelmännisch gegangen“ von einem Phlegmatikus erdacht sey, der zum Gehen, wie einst Hume zum Schreiben, zu alt, zu reich, zu dick und zu faul war.
Ueberhaupt, sagte ich zu mir selbst (denn ausser meinem Pudel begleitete mich niemand) hat das Gehen seine Bequemlichkeiten. Man hat zuvörderst niemand dazu nöthig als sich selbst, besonders wenn man sein Herr und Bedienter zugleich ist, d.h. den Reisebündel selbst trägt. Dann darf man sich nach keines andern Laune schicken – weder des Schwagers noch seiner Pferde; ein wichtiger Umstand, der dem Reisenden oft mehr Aerger verursacht, als alle Wirthe. Und gerade die Wirthe – da sie im Fußgänger meistens nur einen armen Schlucker vermuthen, haben doch mehr christliche Nachsicht mit dessen Beutel, als mit der Chatoulle des Fahrenden; wenigstens darf er keine fremde Zeche bezahlen, z.B. für den Schwager gegen Accord.
Über die Idylle des Landlebens
Die glücklichen Menschen! Mehr als jemals lösete sich mir deutlich das Räthsel, daß über Menschenglück das Bedürfnis mehr entscheide, als der Besitz. Weil diese Menschen, abgerissen von der feinern Welt und ihren Gelüsten, eingeschränkt auf ein arbeitsames Leben und einen mäßigen Genuß, - weil sie wenig besitzen, bedürfen sie wenig, und weil sie wenig bedürfen, so genießen sie das Seltene mit desto reinerer, unverfälschterer Freude.“
Über die Bewohner am Ammersee
Genügsamkeit und Arbeitsamkeit theilen sie mit den übrigen Baiern; an Gutmüthigkeit nähern sie sich, wie in der Sprache, schon mehr den Schwaben. Bey einer humanen Regierung erhält sich die Mittelmäßigkeit ihres Vermögens noch so ziemlich unter dem harten Druck der Zeit. Arme sah ich viele; aber keinen Bettler. Ich traf manche Spur einer reinen Vaterlandsliebe. Von den fatalen gebenedeyeten Gesichtern fand ich keine; aber wohl devote. Ueberhaupt scheint hier überall noch eine Reinheit der Sitten und eine Frömmigkeit der Gemüther zu herrschen, die wahrlich dem öffentlichen Gehorsam und dem Privatglück mehr zuspricht, als eine Aufklärung, die bloß den leeren Kopf bescheinet, ohne das kalte Herz zu erwärmen. –
Auf der Südterrasse des Schlosses Seefeld,
wo den Beschauer eine Aussicht entzücket, mit der sich vielleicht wenige in Baiern vergleichen lassen. Nur ist hier alles noch näher, also malerischer und lebendiger dargestellt. Die beyden Seen [gemeint sind Pilsen- und Ammersee] scheinen eine ununterbrochene, gegen vier Stunden lange Wasserfläche zu bilden, die sich in eine verhältnismäßige Breite ausdehnet, und zu beyden Seiten hinter ausgebogenen Ufern in ungeahneten Räumen sich verlieret. Am Schlusse des Sees ruhet das Auge mit Wohlgefallen auf dem schönen Markte Dießen, worauf dessen erhöhteres Schloß mit Glanz und Würde herabschaut. Will es noch weiter ausschweifen, so mag es von Hügel zu Hügel fortfliegen, bis es im tiefsten Hintergrunde auf himmelanstrebenden Gebirgen gesättigt ausruhet.
Andechs
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