Im hohen Norden regierte Boreas mit eiskalter Macht, Euros, der Geist des Ostwindes, zog sich in den Orient zurück, um die vom Morgenstrahl der Sonne vergoldeten Gefilde zu umwehen. Der sanfte Notos, Windgeist des Südens, umhüllte sein Land mit regentragenden Wolken und dichtem Nebel. Das Abendland schließlich, mit seinen von der untergehenden Sonne beseelten Gestaden, war den Kräften des Cephyros anvertraut. Den vier Windgeistern zu Ehren erschuf die weise Göttin ein ehernes Monument, das fortan den höchsten Punkt der Welt bezeichnen sollte. Hoch über den schneebedeckten Gipfeln des Mahilaya-Gebirges, dort, wo die Erde dem Himmel am nächsten ist, ragte der Turm der Winde in die Luft. Und die Große Göttin sah, daß es gut war.
Auf Erden herrschte reges Treiben, Getier aller Art und Größe tummelte sich dort. Doch eines fehlte: ein aufrechtes Wesen, das mit seinem Geist alle anderen Lebewesen überragen sollte. Also erschuf die Große Göttin das erhabenste aller Wesen nach ihrem Bilde, und sie nannte es »Mensch«. Die weise Schöpferin beseelte die ersten Menschen mit ihrem göttlichen Atem, sodann befreite sie ihre Kinder aus den Stämmen der magischen Bäume von Gathas.
Als nun das erste Menschenkind seinen Fuß auf die Erde setzte, schenkte ihm die Große Göttin das Wort. Das Wort gebar die Frage. Die Frage, so entschied die Zeit, barg in sich eine Vielfalt, die Vielfalt wiederum erschuf eine neue Frage: Es war die Frage nach dem Sinn.
Es neigte sich der sechste Tag der Schöpfung dem Ende, da lüftete die Zeit ihre Schleier und offenbarte ihr Angesicht. Sie zeigte der Welt die Farbe des göttlichen Lichts, auf daß die Welt in Wahrheit gehüllt sei. Die Wahrheit, Alethejah genannt, war Teil der göttlichen Prophezeiung, die sich selbst erfüllen mußte.
Nachdem der erste Schöpfungszyklus vollbracht war, schenkte die Zeit der Weltenkugel zwei magnetische Pole: Einen Nordpol mit Namen »Thalamos« und »Wanamos«, den südlichen Pol. Fortan war alles Leben, das die Urmutter gebar und in die Welt aussandte, an den Wechsel von Schatten und Licht gebunden. »Also«, sprach die weise Göttin, »Mit Schatten und Licht mögen Glück und Leid über alles Lebendige kommen, und jedwede Existenz auf der Welt soll verurteilt sein, das Glück zu suchen und das Leid zu meiden!« Also erschuf die weise Göttin den Schlaf, auf daß das Leben mit allem Glück und Leid, das es mit sich brachte, Linderung erfahre, und so geschah es.
Da aber die Urmutter all ihre Geschöpfe liebte, schenkte sie ihnen die Hoffnung. Sodann erschuf sie den Bruder des Schlafes, den großen Erlöser, und sie nannte ihn: Tod. Als nun aber die Zeit den Tod in die Welt hinausgesandt hatte, auf daß er den großen Kreis schließe, begann das Leben sich selbst zu erschaffen. Und die göttliche Urmutter sah, daß es gut war. Sie verhüllte ihr Antlitz, und mit ihrem Gesicht verhüllte sie die Farbe allen Seins. Damit aber das Große Gleichgewicht auf ewig gewahrt bleibe, schenkte sie der Welt die Großen Schöpfer, vierundzwanzig an der Zahl.
Zwölf strahlende, von Licht beseelte und zwölf finstere, von Chaos beseelte Ahnen sandte sie in die Welt. Gemeinsam waren sie die Havatheri, die Hüter des Großen Gleichgewichts. So geschah es am achten Tage der Schöfpung.
Den zwölf Weißen Ahnen gab die Urmutter die Namen: Athamae, die Ahnenmutter, Estra-Rah-Diva, die Limbische, Hathora, die aus Nebel geborene, Idyllanora, die Paradiesische, Stellavera, die Sternenwahrerin, Venetir, der Vielfältige, Chrysostomos, der Unwägbare, Diotimos, der Zweigeist, Spirogard, der Begnadete, Quietos, der Friedvolle, Theotastros, der aus Demut geborene, und Zenonnios, der Rastlose.
Den zwölf Dunklen Ahnen gab sie die Namen: Leviathorr, der Ahnenvater, Nihilostromos, der Verweigerer, Rhamenorr, der Verschleierer, Thorrherrsios, der Globale, Ynfamos, der Gewissenlose, Zagreus, der Entherzte, Bromosthenia, die Imposante, Cruelifé, die Bestialische, Eleazara, die Animalische, Feritassandra, die Verführerin, Dhaimonea, die Wüstenfee, und Ultrizia, die Unentfliehbare. Am Ende des letzten großen Schöpfungstages sah die Große Göttin, daß es gut war.
Als das große Werk vollbracht war, begab sich die Göttin zur Ruhe. Bis heute schlummert sie im Verborgenen. Unsichtbar und schweigend dirigiert sie alles Werden und Vergehen. Als Wächterin allen Lebens verbirgt sich die gesichtslose Göttin im Schatten ihrer selbst.
II. Die Entdeckung Auroriens
»Den Goldenen Tod« nannten die Ureinwohner Auroriens das Schicksal all jener Abenteurer, die jahrhundertelang mit ihren Schiffen den Ozean überquert und versucht hatten, sich die Insel Untertan zu machen. Doch Aurora, die Goldene, hatte allen Anstürmen zu trotzen vermocht. »Das verwunschene Atoll« ward sie dereinst gerufen, doch an Größe und Erhabenheit glich sie dem unentdeckten Kontinent.
Im Nordosten war ihr sandiges Herz umsäumt von der undurchdringlichen Vegetation des Dschungels, dessen östliche Begrenzung von einer langgezogenen Gebirgskette gebildet wurde. Im Südwesten schmiegte sich ein schier unendliches Steppen- und Savannenland an das rotgoldene Wüstenherz. In den südlichsten Gefilden aber, wo die Insel ihrem Schwesterkontinent am nächsten war, herrschte die Macht der Winde über bizarre Bergketten, liebliche Weintäler und endlose Sandstrände.
Aurora verdankte ihren Namen den sagenumwobenen Sandwüsten, die das Herz des vergessenen Eilands bildeten. Wie gleißendes Gold ergoß sich das Sonnenlicht über Auroriens weichen Wüstensand. Jenen, die sie liebten und ihr voller Demut begegneten, öffnete die Insel ihre wundervollen Schätze. Selbst ihr karges Wüstenherz war reich an Nahrung für all jene, die »der Goldenen« ihr Schicksal bereitwillig anvertrauten. Doch jenen, die danach trachteten, Aurorien zu erobern, ihren Willen niederzuringen und ihre unermeßlichen Schätze zu rauben, brachte die Insel nichts als »den Goldenen Tod«.
Als nun die Große Göttin den Urkontinent Gajapana teilte und seine Kinder, die Erdteile Euradon und Wanado ins Meer entsandte, waren zwei voneinander unabhängige Hemisphären erschaffen: das nördliche Thalamarrh und das Südland, Wanamarrh. So geschah es, daß auch der erste Ozean, das Äonische Meer, zerfallen mußte in das nördliche Panthalassa und Wanossa, die Südsee.
Nachdem der zweite Schöpfungszyklus beendet war, sah die Große Göttin, daß es im Inneren des Erdballs noch immer wallte und brodelte. Da ließ sie das Erdreich erbeben, die großen Erdteile dehnten sich aus und zerbarsten. Auf diese Weise entstanden die Kontinente und die großen Ozeane. In jener Phase der Schöpfung waren die auf der südlichen Hemisphäre gelegenen Erdteile Aurora und Elyandria noch eng verbunden, während das nördliche Thetania sich bereits als selbständiger Kontinent von Gajapana abgespalten hatte. Bald darauf hatten sich auch Atlanada und Archatlanada voneinander gelöst, während Aurora mit dem Kontinent der Großen Schöpfer noch immer eine fest verbundene Einheit bildete.
Doch Auroriens Erdenseele dürstete es nach Freiheit: Schwere Erdbeben und Vulkanausbrüche, gefolgt von schrecklichen Fluten, plagten das Land. Da entschied der Rat der Großen Ahnen, das Goldene Eiland freizugeben. Getrennt von Elyandria, ihrer kontinentalen Schwester, trieb Aurora gen Norden ins offene Meer. Lange Zeit blieb sie verschollen, ihr Name geriet in Vergessenheit. Die Bewohner der Zwischenwelt glaubten, die Goldene Insel sei im Ozean versunken, eingetaucht in die Arme der Zeit und auf ewig verschollen in den Fluten der Unendlichkeit.
Nun geschah es im Jahre 1803 nach Zeitrechnung der Wolkenkinder, daß die altehrwürdigen Galaxanten auf der Erde landeten. Sie kamen, um sich mit den Großen Schöpfern zu beraten. Nach langer Konferenz und sorgfältigem Abwägen entschieden die Unsterblichen, daß die Welt nun bereit sei für den nächsten großen Schöpfungszyklus. Mit dem Eintreffen der Galaxanten hatte das zweite große Zeitalter begonnen, das die Wolkenkinder »Gaya« tauften. Die Ehrwürdigen waren gekommen, um den Großen Ahnen die Erschaffung der weltlichen Götter aufzugeben. In einer feierlichen Zeremonie überreichten sie den Havatheri zwölf Edelsteine. Auf dem Berg Pallas, dem höchsten Gipfel der Welt im schneebedeckten Mahilaya-Gebirge wurden die zwölf magischen Steine mit dem Atem des Göttlichen beseelt. Aus diesen zwölf Steinen wurden die zwölf Weltengötter geboren, die fortan das Schicksal der Menschheit und aller anderen Sterblichen dirigieren sollten.
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