„Ich werde Frau Essig nicht diesbezüglich ansprechen. Prinzipiell kann man nicht ausschließen, dass es einen Angriff auf Sie oder Ihren Konzern geben könnte. Ich habe eine Bitte an Sie: Können Sie in Ihrem Führungskader jemanden damit beauftragen, sich um diese Problematik zu kümmern, also alles, was verdächtig erscheint. Wir würden diesen Mitarbeiter mit Abstand begleiten, um ihm gegebenenfalls zur Seite zu stehen. Von unserer Vereinbarung sollte er aber nichts wissen.“
„Ich glaube, dass es Neider gibt, Neider, die auch zur Tat schreiten. Ich habe keine konkrete Vorstellung, wer das sein könnte, aber ich bin vorsichtig und möchte die Entwicklung des Konzerns nicht gefährden. Wie stellen Sie sich das vor, wenn ich Ihnen einen Namen nenne?“
„Lieber Herr Steig, Neid und Neider gibt es immer, auch dort, wo man sie nicht vermutet – unsere Erfahrung. Das nur als Randbemerkung. Wir werden Ihren Vertrauten einfach begleiten und zwar so, dass er es nicht merkt. Dafür sind wir ja ausgebildet. Zudem verfügen wir über technische Mittel, die eine solche Aufgabenstellung sehr erleichtern. Wenn Sie mir vertrauen?“
Steig vertraute. Der Name war Jens, Dieter Jens. Fels versenkte ihre Notizen in der Handtasche.
Im ihrem Büro fand Fels Nachrichten von ihren Kollegen aus Braunschweig vor. Der Bericht über Krysztof Rybinski war umfangreicher als sie erwartet hatte. Sie studierte die Unterlagen. Dieser Mann hat ja eine lebhafte Vita. Erst als Flugbegleiter, da ist er bestimmt viel herumgekommen. Seit einiger Zeit ist er als Agent der polnischen Bank tätig und wirbt um Kunden in Deutschland. So mag er auch an Herrn Kuszynski geraten sein. Von dort habe ich keine ergänzenden Informationen. Eigentlich müsste ja eine Datei bei ihm existieren, in welcher Kundenkontakte aufgezeichnet sind. Diese Informationen reichen mir nicht aus. Schließlich ist dieser Mann ermordet worden. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das ohne jedes Motiv geschehen ist, abgesehen von dem Umstand, dass es bisher keinen Hinweis auf den Täter gibt. Ich werde die Kollegen in Braunschweig um eine Durchsuchung seiner Wohnung bitten. Dort werden bestimmt Hinweise auf sein Umfeld gefunden.
Fels erstellte einen kurzen Bericht und setzte sich mit den Kollegen in Braunschweig in Verbindung.
Am nächsten Morgen las Jens das Protokoll der letzten Managementsitzung:
„Die aktuellen Entwicklungsergebnisse erlauben und erfordern eine neue Positionierung des Unternehmens. Schwerpunkte in der Anwendung der neuen Produktgeneration werden in der Medizin einerseits und andererseits in der Chemie- und Pharmaindustrie andererseits liegen. Hierbei ist der Bereich der Entsorgung zusätzlich besonders zu berücksichtigen. Hier liegen in der Zukunft Reserven in der Rohstoffbeschaffung. Zu dem Unternehmensbereich Augmented Reality, der computergestützten Erweiterung der Realitätswahrnehmung, wird eine Arbeitsgruppe zusammen gestellt werden. Dieser Bereich wird die Aktivitäten unseres Hauses deutlich erweitern und einen Sprung in das tägliche Geschäft mit Informationen ermöglichen. Dazu ist die Nutzung all unserer innovativen Kapazitäten erforderlich. Zu einem ersten Meeting erfolgt eine separate Einladung.
Alle Unternehmensbereiche sind auf eine qualifizierte und stabile Beschaffung angewiesen, weil mit den neuen Produkten eine deutlichere Abhängigkeit von neuen Rohstoffen, nämlich bestimmten Seltenen Erden entstanden ist. Daher sind die entsprechenden Verträge mit Lieferanten zu ergänzen, um eine Alleinstellung zu sichern.
Wegen der Wichtigkeit zur verstärkten Geheimhaltung ist das Intranet in eine entsprechende höher verschlüsselte Sicherheitsstufe zu bringen.
Kurzfristig sind entsprechende Marketingpläne für die definierten Zielgruppen vorzulegen. Hierbei sind die Kernmerkmale der neuen Produktgeneration hervorzuheben, nämlich die Analyse von Flüssigkeiten in geschlossenen Systemen, wie zum Beispiel Blut in Adern oder Flüssigkeiten in geschlossenen Behältern, also Fässern, Kanistern und vergleichbaren Behältnissen. Diese Aspekte sind in einer Pressemitteilung an die Fachjournalisten herausgegeben worden. Das Geschäft mit Amerika wird persönlich von Herrn Steig abgewickelt.“
Das Telefon klingelte.
„Bitte seien Sie so freundlich und melden sich doch gleich bei Herrn Steig.“
Es war Essig. Der Chef fand keine Zeit zu einer ausführlichen Begrüßung, fragte auch nicht nach dem gestrigen Abend, was er sonst immer zu tun pflegte, sondern kam gleich zu seinem Anliegen.
„Ich habe hier eine Liste von Kunden, die sich in den letzten beiden Tagen über unsere neuen Messgeräte beklagt haben. Insgesamt drei Reklamationen, wenn es überhaupt welche sind. Ich habe da meine begründeten Zweifel. Im Moment sehe ich keine plausible Erklärung für diese Beanstandungen. Es ist mir unverständlich. Unsere Untersuchungsergebnisse im Labor waren hervorragend, sonst hätten wir ja die Geräte nicht ausgeliefert. Die Sache stört meine Pläne gewaltig. Wenn etwas davon ans Ohr von Paul McCartinson kommen sollte, sind wir geliefert.“
Jens warf einen Blick auf Steigs handschriftliche Telefonnotizen.
„Ich möchte, dass Sie sich der Angelegenheit persönlich annehmen. Sie tragen Sorge dafür, dass wir so schnell wie möglich aus dieser Gefahrenzone heraus kommen. Was etwaige technische Details angeht, setzen Sie sich bitte bei irgendwelchen Zweifeln oder Fragen mit den Kollegen Doering und Kuszynski in Verbindung, wenn es nötig sein sollte.“
Steig machte eine Pause. Er sah gealtert aus, besorgt. Leer, als wenn sein Lebenswerk einen Riss bekommen würde. Sein USA-Geschäft - der Durchbruch in die so genannte Neue Welt - könnte nach Lage der Dinge gefährdet werden. Jens fragte nach dem zeitlichen Rahmen für sein Amerikavorhaben:
„Gestern habe ich Ihnen ja schon gesagt, dass noch ein paar formelle Prüfungen und eventuelle Anpassungen an die US-Vorschriften notwendig sind, um den Auftrag zu erhalten. Diese Prüfungen werden in Frankreich bei der Tochtergesellschaft von McCartinson – SudMet Sarl - vorgenommen. Die Geräte sollen zum vereinbarten Termin dort eintreffen. Die Reklamationen könnten diesen Liefertermin beeinträchtigen. Das möchte ich vermeiden.“
Jens unterbrach ihn in einer Atempause:
„Wissen wir, ob und welche Konkurrenz mit anbietet?“
„Da machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu McCartinson. Wir haben auf jeden Fall den Vorrang. Dafür kennen wir uns zu gut. Ich nehme an, dass aus Vergleichsgründen noch andere Firmen anbieten werden. Aber da sehe ich keine Probleme. Unsere neue Produktserie ist zurzeit einmalig und damit führend auf dem Markt.“
Steig unterbrach sich selbst und suchte eine Unterlage auf seinem Schreibtisch.
„Also, Jens, Sie kümmern sich um zwei Dinge. Erstens, die Geräte müssen pünktlich nach Frankreich geliefert werden. Und zweitens müssen die Beschwerdekunden beruhigt werden. Da fährt Doering hin. Sie berichten mir, wie sich das entwickelt.“
Er übergab ihm die handgeschriebenen Telefonnotizen mit den Namen der drei Beschwerdeträger. Dazu eine weitere Liste, die die Namen der Chemie- und Pharmaunternehmen enthielt, die Jens betreuen sollte.
„Noch eins, Jens. Die wichtigste Beschwerde kommt vom Sankt-Marienhospital aus Aachen. Sie hat Priorität. Dort fährt Doering zuerst hin. Wir müssen zügig wissen, ob die Reklamationen begründet sind.“
Langsam stieg sorgenvolles Grau in sein Gesicht. Er schaute durch das Fenster auf das Firmengelände, als ob er von dort eine Gefahr erwarten würde. Oder eine Lösung erhoffte. Steig erschien Jens wie ein Nebel seiner selbst. Ein Geist mit Vision und einer unerfüllten Sehnsucht, als gäbe es eine unbekannte Suche.
„Um McCartinson werde ich mich natürlich selbst kümmern, sobald es nötig wird.“, lenkte Steig seine Gedanken wieder in die Zukunft. Er schloss das Gespräch ab:
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