Nach diesem Motto lebte er. Das hatte für ihn zur Folge gehabt, dass er alle Dinge seines Lebens alleine bewältigen wollte und sich selbst danach richtete. Er war immer der Meinung, dass man die berühmte Suppe auch alleine auszulöffeln hat. Darum hatte er immer sein geschäftliches von seinem privaten Leben getrennt. Damit bekannte er sich auch dazu, seine Geschäfte allein regeln zu können, was auch bedeutete, dass er privat nicht darüber zu sprechen pflegte.
Else ist über einen Kopf kleiner als er und hat klitzekleine Sommersprossen auf der Nasenspitze. Das war ihm schon damals aufgefallen, als sie sich in diesem Lokal näher kennen lernten, das geschah fast zwangsweise, weil an einem Tisch zwei Plätze frei wurden.
Er vermisste jetzt diesen Platz neben ihr. Ist da nur diese eine Frage nach dem Arbeitstag in der Firma übrig geblieben? Seine Füße gingen weiter. Langsam. In seinem Heim. In das Wohnzimmer. Im schlossähnlichen Heim. Vor dem Deister. Die Tageszeitungen lagen an ihrem Ort. Daneben Fachzeitschriften. Eine davon war schon vierzehn Tage alt. Immer gibt es neue Informationen. Sind sie alle immer so nützlich? Er fragte sich nach sich selbst. Else war einfach vorbei gegangen. Ohne richtigen Kuss. Steig erlaubte sich Zweifel. Unsicherheit. Würde sich irgendetwas ändern? Würde das sein weiteres Leben sein? So ganz ohne Spannung im Zwischenmenschlichen? Einfach so weiter? Sein Sessel war wie immer.
„Hallo, großer Meister!“
Das war die Anrede, die Sohn Florian seit einiger Zeit benutzte.
„Was machen die Dollars?“
Steig verstand nicht, warum Florian immer nur von Dollars redete.
„Guten Abend, mein Sohn. Die Dollars gibt es jenseits des Grossen Teiches. Dazu gibt es durchaus immer Konkurrenz im Geschäftsleben. Was willst Du denn eigentlich wissen?“
„Nur so. Nichts Besonderes.“
Florian war Mitglied bei attac, einer Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger und Bürgerinnen, und betrachtete die Welt der Wirtschaft kritisch.
„Ihr müsst immer nur kämpfen!“
„Christel ist noch in ihrem Zimmer. Sie schaut sich einen Film an.“, reagierte Else auf den suchenden Blick ihres Mannes. Wenig später saß die Familie um den runden Esstisch aus altem Mahagoni beim Abendessen. Man schwieg. Steig mochte seine Tochter besonders und hätte sich ihre Nähe gewünscht, weil er hoffte, dass sie ihn allein mit ihrem Dasein unterstützen würde. Ihre Abwesenheit machte ihn unsicher.
„Ich habe heute Abend noch eine geschäftliche Besprechung. Man will die Einkaufskonditionen verschlechtern.“
Er war sicher, dass ihm niemand zuhörte.
Fels hatte mit Steig einen Termin vereinbart, ohne am Telefon den konkreten Grund für das gewünschte Gespräch genannt zu haben. Essig ließ die Besucherin mit kritischem Blick ein und schloss auf Bitten Steigs die Verbindungstür zu ihrem Büro.
„Vielen Dank, Herr Steig, dass Sie mir die Gelegenheit geben, ein vertrauliches Gespräch mit Ihnen zu führen. Hier sehen Sie bitte meinen Ausweis, und hier haben Sie meine Visitenkarte.“
„Frau Fels, oder muss ich Sie mit Frau Hauptkommissarin anreden?“
„Um Gottes Willen, nein. Ich möchte eigentlich nicht als Beamtin der Polizei erkannt werden. Meine Mission ist etwas ungewöhnlich.“
„Bitte nehmen Sie doch Platz. Im Sitzen redet es sich doch leichter.“
Essig brachte unaufgefordert Kaffee, Wasser und ein wenig Gebäck. Steig hatte die Visitenkarte vor ihrem Eintreten an sich genommen und in seine Jackentasche gesteckt. Er übernahm die Aufgabe, die üblicherweise von Essig wahrgenommen wurde. Er schenkte Kaffee ein und bot Milch, Zucker und Gebäck an.
Fels schaute zur Verbindungstür zum Sekretariat und wartete bis diese geschlossen wurde.
„Darf ich davon ausgehen, dass Ihr Büro abhörsicher ist?“
Steig nickte.
„Vielen Dank für Ihre Zeit und den Kaffee. Ich möchte sofort zu dem Anliegen kommen. Südlich von Hannover ist vor kurzer Zeit ein Mann ermordet aufgefunden worden. Die Presse hat schon darüber berichtet. Es handelt sich bei dem Opfer um einen freien Mitarbeiter einer großen polnischen Bank. Er hatte keine Informationen bei sich, bis auf eine Visitenkarte mit dem Hinweis auf diese polnische Bank. Das war für uns zunächst der einzige Hinweis. Nach Rücksprache mit der polnischen Bank wurde uns bestätigt, dass es eine geschäftliche Anbahnung mit einem Investor geben sollte. Eine Verbindung zu ihrem Betriebsleiter Herrn Kuczynski. Er hatte sich bemüht, Kapital zu beschaffen, um bei der bevorstehenden Investition in Ihrer AG mitzumachen. Also, kurzum, er wollte sich an der weiteren Entwicklung der AG durch Erwerb von Anteilen engagieren. Das hört sich nach einer Kapitalerhöhung an. Könnte sich das mit Ihren Absichten und Plänen decken?“
Fels nannte den Namen des Beraters der polnischen Bank nicht.
„Für unsere Zukunftsplanung sind Investitionen vorgesehen. Das ist wahr. Es ist auch richtig, dass ich die Leitenden Angestellten dazu eingeladen habe, sich an dieser Entwicklung zu beteiligen, indem sie im Zuge einer geplanten Kapitalerhöhung Anteile erwerben können. Dass hier eine polnische Bank ins Spiel gekommen ist, ist ja angesichts der Entwicklung der EU nichts Besonderes. Dem stimmen Sie doch zu, Frau Fels?“
„Das ist völlig in Ordnung. Für mich stellte sich nun die Frage, wer daran Interesse haben könnte, eine geplante finanzielle Beteiligung eines Ihrer Manager oder auch möglicherweise anderer denkbarer Investoren zunichte machen oder gar verhindern zu wollen. Können Sie mir bitte die Lage Ihres Unternehmens im Umfeld der Wettbewerbssituation schildern. Ich würde mir gerne ein Bild darüber machen.“
Steig überlegte kurz, ob er Geheimnisse weitergeben müsse, wenn er die Lage des Konzerns detailliert schildern würde. So konzentrierte er sich darauf, die Problematik der Versorgung mit Seltenen Erden in den Vordergrund zu stellen. Fels erfuhr so von der aufkommenden Abhängigkeit der vergleichbaren Industrie von einer fast monopolartigen Versorgung mit Seltenen Erden. Die Steig AG befand sich in einem globalen Wettstreit um die Verfügbarkeit von Seltenen Erden. Sie nahm die Entschlossenheit ihres Gesprächspartners auf, als er erwähnte, dass er bestrebt sei, an den wenigen noch verbleibenden Ressourcen direkt Anteil haben zu wollen. Er erläuterte seine Motive:
„Sonst können wir nicht vernünftig auf den Märkten arbeiten. Dies besonders deswegen nicht, weil wir durch unsere Innovation nicht nur neue sehr konkurrenzfähige Produkte haben, sondern auch noch auf den amerikanischen Markt expandieren wollen und können.“
„Global Player. Monopolistische Versorgung mit Seltenen Erden. Eigene Versorgungswege in Vorbereitung.“
Fels murmelte diese Worte vor sich hin, als sie ihre Notizen über den bisherigen Verlauf des Gesprächs machte und schaute dann von ihrem Notizblock auf.
„Wenn ich das richtig verstehe, Herr Steig, dann könnten Sie mit dem Bestreben der Selbstversorgung die Interessen anderer stören. Wissen Sie, welche Gruppen oder Unternehmen das sein könnten oder haben Sie vielleicht sogar schon einen Verdacht, wenn Ihr Vorhaben überhaupt bekannt sein sollte.“
Steig lächelte.
„Neben den üblichen Verdächtigen, nämlich den direkten Wettbewerbern, kommen vielleicht diejenigen Infrage, die mit der Versorgung zu tun haben. Aber die können nicht wissen, was ich vorhabe. Davon weiß, so bin ich überzeugt, keiner. Das habe ich quasi privat eingeleitet. Zum Wohle der Firma.“
„Gibt es über Ihre Absicht Aufzeichnungen? Und wenn, haben Sie die selbst erstellt.“
Steig schilderte sein uneingeschränktes Vertrauen zu seiner rechten Hand, Frau Essig. Fels fand den Namen in ihrer Liste wieder.
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