Elfriede nickte.
»Name!«
»Elfriede Wild.«
»Nich’ von dir, Mädchen, vom Parfüm. Meine Frau hat bald Geburtstag. Dann hätte ich wenigstens ein Geschenk für sie. Bräuchte ich mir nicht weiter den Kopf zu zerbrechen.« Er wusste, dieser Duft, er entsprach genau der Nase seiner Frau. »Oder ich schenk ’s ihr einfach so.«
»Lucky Old Lady«, antwortete Elfriede eingeschüchtert.
»Was geht das dich an!« Braun glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Seit wann erdreistete sich eine Tatverdächtige, seine Frau als Lucky Old Lady zu bezeichnen. Das war unerhört. Einfach unmöglich war das! »Ob meine Frau glücklich ist, das geht dich gar nichts an. Und ‘ne Old Lady , das ist sie schon mal gar nicht!«
»Wie bitte?«, stammelte Elfriede. Als sie begriff, sagte sie rasch: »Lucky Old Lady ist der Name meines Parfüms. Den wollten Sie doch wissen.«
»Ach so. Klar. Habe auch nichts anderes verstanden. Degen, dass Sie aber auch immer falsch kombinieren«, fuhr er den Polizisten an.
»Ich, Chef, aber was habe ich denn …?«
»Still jetzt. Kein Ton mehr!« Braun wandte sich Adda zu. »Ihr Name?«
»Ich hab kein Parfüm an mir.« Adda schnupperte an sich. Mit viel Wohlwollen konnte man eventuell noch leichten Frittengeruch wahrnehmen, aber das war’s auch schon.
»Habe ich etwa nach Parfüm gefragt? Ich will wissen, wie Sie heißen, und warum Sie das Opfer getötet haben!«
Adda hob die Hand. »Jetzt hören Sie mir einmal gut zu, junger Mann …«
»Edgar Braun. Kommissar Edgar Braun. Und ich ermittle hier, nicht Sie. Folglich, wenn hier jemand zuzuhören hat, dann sind Sie das, und nicht ich!«
»Das ist mir ganz egal. Sie übersehen wohl ganz, wen Sie hier vor sich haben!«
Braun lachte. »Zwei ältere Mädchen.«
»Nix da, von wegen älteren Mädchen . Ich bin mal gerade neunundsechzig, und meine Kleene hier, die hat bald ihren Fünfzigsten. Von wegen ältere Mädels!« Sie funkelte ihn böse an. »Außerdem, spricht man in dieser Art mit einer Kollegin?«
»Adda!« Amtsanmaßung, auch das noch! Elfriede überlegte bereits, wie viel Monate oder Geldstrafe das einbrachte.
»Adda Fried«, stellte sich Adda vor. »Meine Tochter, Elfriede Wild, kennen Sie ja bereits.«
»Und weiter?« Braun zog eine Packung mit Zahnstochern aus der Tasche und schob sich einen zwischen die Zähne.
»Was heißt hier und weiter ? Ich sagte doch bereits, dass ich so etwas wie eine Kollegin bin. Habe, wenn man’s genau betrachtet, eigentlich täglich mit Totem zu tun.«
Braun wurde hellhörig. Er konnte ja nicht ahnen, dass Adda Fried in diesem Moment mehr an Wiener Würstchen, Hamburger und all solche fleischigen Darbietungen dachte, als sie dies sagte.
Braun schwenkte um: »Nun, wenn wir Kollegen sind«, er zog die Packung Zahnstocher aus der Tasche, »auch eins?«, bot er Adda an.
»Nein danke. Gummibärchen sind mir lieber. Mag den Gottschalk nämlich, der macht immer Werbung für diese Dinger.«
» Gummibärchen hab ich nicht. Leider.«
»Geht auch ohne. Ich besitze ja auch keinen Gottschalk .« Adda sah zu dem Arm, der immer noch zwischen den Pommes frites hervorragte. »Schon eine Ahnung, um wen es sich bei der Leiche handelt?«
Braun schüttelte den Kopf. »Nee, muss erst noch die Spurensicherung ran. Bisher weiß ich noch nicht einmal, ob Männlein oder Weiblein.«
»Weiblein«, stellte Adda fest. »Sieht man doch an den lackierten Fingernägeln.«
»Adda, wirst du wohl!«
Adda drehte sich zu Elfriede. »Bin doch gerade dabei. Und jetzt stör mich nicht weiter. Wie du siehst, ich unterhalte mich doch gerade so gut mit dem Kommissar.« Adda grinste den Kommissar an. »Ich bin die Adda. Darf doch Du zu dir sagen, Herr Kommissar?«
Edgar Braun sah die Frau verwundert an. War schon eine ulkige Nudel. Nein, die war ganz sicher nicht die Mörderin. Aber was war mit der Tochter? Vielleicht war alles auch nur inszeniert und diente als pures Ablenkungsmanöver. Plan B, sozusagen. Er biss sich wieder auf die Unterlippe. Gut, würde er eben einfach auf ihr Spiel eingehen und sehen, wohin es führte. »Klar, Adda, kannst du Du zu mir sagen. Ich bin der Edgar.«
»Na, dann auf gute Zusammenarbeit, Edgar.«
»Adda! Mutter!«, schnaubte Elfriede, und japste nach Luft.
»Bist du jetzt endlich still! Edgar und ich, wir müssen uns zu allererst auf den Stand der Dinge bringen.«
Während Braun und Elfriede sie verwundert ansahen, zog Adda ihre Schuhe und Strümpfe aus, krempelte die Hosen bis unter die Knie, danach stieg sie kurz entschlossen übers Geländer und stapfte zwischen den Pommes zu dem hochstehenden Arm. »Igitt ist das kalt und klitschig«, schimpfte sie, und musste aufpassen, dass sie nicht ausrutschte und womöglich ebenfalls unter den Pommes unterging.
»Wirf mir mal einer Handschuhe zu!«, rief Adda und drehte sich vorsichtig zu Kommissar Braun um.
»Handschuhe? Wozu?« Edgar Braun spuckte das Streichholz aus.
»Wegen der Spuren. Will keine verwischen«, antwortete Adda, verwundert, dass Edgar das auch noch fragen musste. War er hier der Kommissar oder sie? Nun ja, sie durfte mit Edgar auch nicht zu streng sein. Immerhin, sie war ja die Miss Marple von Mannheim und nicht er.
»Degen, wird’s bald. Handschuhe!«
»Wie bitte, Kommissar Braun?« Degen sah den Kommissar verdutzt an.
»Haben Sie’s nicht gehört? Kommissarin Adda braucht Handschuhe. Los jetzt, ein bisschen dalli!«
Während Egon Degen sich auf die Suche nach Handschuhen machte, winkte Adda ihrer Tochter zu.
»Haste’s gehört, Elfriede? Edgar hat’s sofort erkannt, dass ich eine Kollegin bin. Kommissarin Adda hat er mich genannt.«
»Mutter, bitte!« Elfriede wurde ganz heiß, bei der Vorstellung, was passieren würde, käme Kommissar Braun erst einmal dahinter, dass ihre Mutter alles andere, nur keine Kriminalbeamtin war.
Adda Fried sah ihre Tochter spitzbübisch an, während sie weiter in dem Pommesberg herumstapfte. »Was hast du denn jetzt schon wieder, Elfriede? Edgar hat doch alles verstanden.« Sie blickte zu Kommissar Braun.
»Klar, Adda. Hab alles verstanden!«, rief er zurück, während er Degen die Handschuhe abnahm.
»Bring sie mir doch bitte, Edgar!« Adda winkte Edgar zu.
»Ich?« Kommissar Braun besah den Pommesberg. Igitt, da sollte er durchwaten? Es widerte ihn schon jetzt, bei der Vorstellung, die klitschigen Dinger unter den Füßen zu spüren.
»Jetzt stell dich doch nicht so an, Edgar. Bin doch auch reingestapft. So schlimm ist es gar nicht. Kalt und klitschig, aber mehr auch nicht. Musst nur aufpassen, dass du nicht auf den Hosenboden fällst.«
Widerstrebend nahm Edgar Braun die Handschuhe, legte sie sich zwischen die Zähne, und krempelte die Hosen hoch. Als er gerade über das Geländer steigen wollte, hörte er Adda rufen: »Aber, Herr Kommissar, wirst du gefälligst die Schuhe ausziehen!« Entrüstet sah sie ihn an. »Man latscht doch nicht mit Schuhen durch Lebensmittel! Selbst die Traubentreter stampfen barfuß in den Trauben.«
»Aber, Adda, diese Dinger isst doch keiner mehr.« Er blickte zu Degen. »Oder vielleicht doch, Degen? Glauben Sie, dass die nochmals durchs Wasser kullern und womöglich doch noch verkauft werden?« Alleine die Vorstellung daran, ekelte ihn.
»Aber ich bitte Sie, wo kämen wir hin, täten wir dies! Sicher vernichten wir in so einem Fall die Lebensmittel auf der Stelle. Eine Entsorgungsfirma ist mittlerweile bereits mit der Beseitigung der Pommes frites beauftragt worden.« Diplom-Ingenieur Prometheus Bach, stellvertretender Betriebsstättenleiter, unterdessen von dem Geschehen unterrichtet worden, sah den Kommissar vorwurfsvoll an. »Wir könnten schließen, würden wir in einem Fall, wie diesem, die Pommes frites noch verkaufen wollen.«
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