Wecken am Sonntag um sechs Uhr. Brr... Welcher Morgenmuffel, außer mir, lässt sich auf solch einen Blödsinn ein? Ich schaue aus dem Fenster. Es regnet. Trotzdem dröhnt um sieben Uhr die Haustürglocke. Mein Lebensgefährte schreckt kurz auf, kuschelt sich gemütlich zurück in die warmen Kissen und pennt weiter. Der Beelzebub soll ihn in den Allerwertesten beißen.
Meine Mädels, acht an der Zahl, pünktlich und wetterfest, warten unten schon auf mich. Wir fahren zur Wolfsburgstraße, stellen die Autos ab und steigen den Burgweg hinauf. Es ist klamm, klitschig und zwischen den Bäumen noch düster. Der Regen verwandelt sich nach und nach in ein leichtes Nieseln, damit kann man zurechtkommen. Außer Atem gelangen wir oben an. Wir können unser Glück kaum fassen: die Wolkendecke reißt auf. Ein schüchterner Sonnenkönig schickt uns probeweise einen Lichtstrahl herunter. Geli jubelt ihm zu.
Die »Wolfsburg« ist die Ruine einer Höhenburg mit teilrestaurierten Umfassungsmauern. Sie gehört zu meinen Lieblingskraftplätzen. Wir biegen in den Wald ein, suchen uns jede einen Baum aus, der heute unser „Freund“ werden soll. Nicht zu weit auseinander stehend, dass ich ohne Megaphon auskomme, wenn ich meine Anweisungen gebe. Ich nehme Anleihe bei einem Text von Osho, der zum heutigen Thema passt: Schließe Freundschaft mit einem Baum. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Meine Mädels sitzen bequem auf Decken bei ihren Bäumen. Ich spreche deutlich, dass sie jeden Schritt nachvollziehen können:
„Rede mit deinem Baum. Berühre ihn, umarme ihn, fühle ihn. Sitze neben dem Baum. Lasse ihn fühlen, dass du ein guter Mensch bist. Dass du ihm nichts Böses antun willst. Du wirst dich langsam mit ihm anfreunden. Bald spürst du, dass der Baum sich wandelt, wenn du dich ihm näherst. Wenn du die Rinde berührst, fühlst Du, dass eine ungeheuere Energie durch den Baum fließt. Wenn du den Baum anfasst, ist er glücklich wie ein Kind. Sitzt du bei ihm, wirst du vieles empfinden. Bist du etwa bekümmert, wirst du bald spüren, dass deine Traurigkeit in seiner Nähe schwindet. Jetzt wirst du verstehen lernen, dass die Beziehung gegenseitig ist. Du kannst den Baum glücklich machen. Der Baum kann dich glücklich machen. So hängt alles Leben miteinander zusammen.“ Den Zusammenhang nennt Osho göttlich. Ich stimme ihm zu. Biggi ulkt ein respektloses „Amen“ hinterher.
Wir widmen uns eine Weile unseren Freunden, bevor wir mit der Meditation beginnen. Ich fange mit einer Atemübung an, bevor ich die Frauen „in Bäume verwandle“. Wir stellen uns mit leicht gespreizten Beinen und geschlossenen Augen vor unseren Bäumen auf. Es ist eine kraftvolle Übung, die ich gerne auch für mich alleine durchführe. Man nimmt sowohl die Kraft des Baumes als auch die Energie der Erde in sich auf. Von den Füßen an, die zu Wurzeln werden, die sich im Erdreich verankern, über Beine und Körper, die den Stamm formen. Die Arme bilden die Äste aus. Der Kopf wird zur mächtigen Krone mit Zweigen, die saftige Blätter tragen. In solcher Vollkommenheit verweilen wir, bis ich das Kommando zur Rückwandlung gebe. Langsam werden wir wieder zum Menschen, angefangen beim Kopf bis hinunter zu den Füßen. Wir atmen mehrmals tief ein und aus, bevor wir die Augen öffnen. Obwohl wir uns etwas benommen fühlen, ist unsere Wahrnehmung geschärft. Wir hören kleines Getier im Gebüsch rascheln, nehmen um uns das Summen von Bienen und anderen Insekten wahr. Über uns in den Bäumen singen Vögel. Wir merken erst jetzt, dass von den Blättern Wasser tropft, das uns peu à peu durchnässt.
Nach dem üblichen Dehnen und Strecken kommt Bewegung in die Gruppe. Die Mädels raffen die Decken zusammen. Der in der Nähe abgestellte Picknickkorb wird aufgehoben. Es gibt ein Küsschen für den Baumfreund, danach geht es ab in den Sonnenschein. Wir laufen rauf zur Ruine, vor deren Außenmauer sich ein Grünstreifen für unser Frühstück anbietet. Da wir früh genug dran sind, haben wir die Burganlage noch für uns alleine. Die Burgschänke öffnet erst um zehn, dann wird es laut, weil die Wanderer inzwischen aus ihren Betten gefallen sind. Wie stets gebührt Mutter Erde der erste Schluck Kaffee, bevor wir mit knurrenden Mägen über das Essen herfallen.
Satt und zufrieden diskutieren wir später darüber, wie es wäre, die Burg wieder aufzubauen. Ist illusorisch, da der Denkmalschutz das nicht erlaubt. Ein bissel rumspinnen ist jedoch nicht verboten. Wir stellen uns vor, hier ein generationenübergreifendes Lebensmodell zu verwirklichen. Das beflügelt unsere Einbildungskräfte. Christa und Lotte sehen sich schon wie kleine Robin Hoods durch die Wälder streifen, um mit Pfeil und Bogen Wildschweine zu jagen. Schließlich gälte es viele hungrige Mäuler zu stopfen.
Laute Rufe nach Leberwurstbroten, Schmalzstullen und Pfälzer Schorle stören unsere Überlegungen. Wir haben die Zeit vergessen, über all den Phantastereien. Die Wanderer sind erwacht und vertreiben uns aus Utopia. Wir packen eilends unsere Sachen und machen uns auf den Heimweg, nicht ohne den obligatorischen Apfel am Rastplatz zurückzulassen.
9 Begegnung mit einem Hippie
Leo war der erste Hippie, den ich traf. Ein Pflastermaler. Der fremdartigste, hübscheste Junge, den ich je gesehen hatte. Hellbraune lange Locken, von einem bunten Indianerband aus der Stirn gehalten, eine braune Wildlederweste mit Fransen auf der nackten, gebräunten Brust. Er hielt ein Buch in der Hand, aus dem er Da Vincis Abendmahl abmalte. Ich stand da, glotzte ihn an und bin heute noch froh, dass er nicht einmal den Kopf hob. Es wäre mir im Nachhinein noch peinlich. Er schien derart in seine Malerei vertieft zu sein, dass er die schäbigen Kommentare der umstehenden Erwachsenen nicht mitbekam. »Die gehören allesamt ins Arbeitslager«, »Bei Adolf hätte es solche wie die nicht gegeben«, »Ab ins KZ mit den faulen Schweinen«. »Dreckiger Gammler« war noch das Netteste, das sie über ihn sagten. Ich schäme mich, dass ich damals Reißaus vor diesen Giftspritzen nahm. Heute würde mir das nicht mehr passieren.
Mir spukte der langhaarige Bursche die ganze Nacht im Kopf herum. Am nächsten Tag kratzte ich all meinen Mut zusammen. Ich lief zum Paradeplatz, atmete auf, als ich ihn sah, und sprach ihn an. Bald hockten wir nebeneinander auf dem Pflaster, in ein ernsthaftes Gespräch über Kunst und Künstler vertieft. Es dauerte nur Minuten, bis ich ebenfalls zur Zielscheibe der Gehässigkeiten wurde. Die braven Bürgersleute schimpften mich »eine eklige kleine Hure, die es mit dreckigen Gammlern treibt«. Leo ignorierte sie. Er führte mich einfach weg von dieser hasserfüllten Meute. Wir spazierten Hand in Hand zum Rhein hinunter und setzten uns am Ufer ins Gras.
Leo erzählte mir von dem Leben, das die Hippies führten. Er war schon über ein Jahr on the road, teils allein, teils mit Gleichgesinnten, die er unterwegs aufgabelte. Er erklärte mir, was für ihn und seine Freunde „Freiheit“ bedeutete. Sie brachen aus einer Gesellschaft aus, in der sie
sich nicht heimisch fühlten. Sie nächtigten unter freiem Himmel, bettelten bisweilen um Geld oder Essen, wenn Malerei und Gitarrespiel nicht genug einbrachten. Niemand mochte sie. Keiner interessierte sich für die Gründe, die sie bewegten, eine solche Lebensweise zu wählen. Leo trampte nach Spanien, wo er die nächsten Monate bleiben wollte. Das Wort kannte ich nicht. Er „verdeutschte“ es mir. „Tramper“ nannte man Leute, die Autos anhielten und die Fahrer baten, sie ein Stück mitzunehmen. Das machte man so lange, bis man sein Ziel erreicht hatte. Ich staunte. So einfach war das. Daumen hoch und weg. Frei wie ein Vogel.
Ich fragte ihn, ob ich mitkommen könne. Er lehnte ab. Ich sei zu jung. Wenn sie uns erwischten, schickten sie mich nach Hause, zurück zu meiner Mutter, und er landete im Knast. Ich hielt ihm zugute, dass er zumindest eine Sekunde darüber nachgedacht hatte. Es dunkelte bereits, als er mich zur Straßenbahn brachte. Unterwegs küsste er mich. Wozu, wenn er mich doch nicht mitnehmen wollte?
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