Zurück zur Demo. Die Demonstranten verhielten sich friedlich. Ich lief in ihrer Mitte, stolz wie ein Spanier, meine erste Demo. Peter und Winnie nahmen mich zwischen sich, um besser auf mich aufpassen zu können. Untergehakt, in dichten Reihen, zogen wir zur Deutschen Oper. Dort hatte am 2. Juni 1967 eine Demonstration gegen den Schahbesuch stattgefunden, die den Studenten Benno Ohnesorg das Leben kostete. Erschossen durch den Polizeibeamten Kurras, unter mysteriösen Umständen, die bis heute nicht geklärt sind. Kurras wurde in zwei Prozessen freigesprochen. Unschuldig oder absichtliche Vertuschung eines Mordes? Kurras, ein Stasi-Mann? Verwechselte er Benno gar mit seiner eigentlichen Zielperson?
Wir marschierten unter roten Fahnen, Transparenten und Plakaten von Rosa Luxemburg, Trotzki, Marx, Lenin, Che Guevara, Ho Chi Minh, begleitet von Sprechchören, durch die Straßen. Ich steckte in diesem Pulk einer zu Recht entrüsteten Jugend. Die sich nicht provozieren ließ von der hasserfüllten Masse an den Straßenrändern, die lästerte, ausspuckte, uns beschimpfte. Die uns die Plakate entriss und damit auf uns eindrosch. Ich wurde von Peter und Winnie getrennt, aber sofort von einer anderen Reihe aufgesogen. Die Polizei war präsent, mischte sich zum Glück nicht über Gebühr ein.
Später erfuhren wir, dass Leute mit ihren PKWs absichtlich zwischen die Demonstranten gefahren waren. Einer erwischte Rainer Langhans, der sich sofort wieder in den Zug einreihte. Chapeau Rainer, muss dir doch einiges wehgetan haben.
Mittlerweile fand sich zumindest Winnie wieder bei mir ein. Peter war uns abhandengekommen. An der Deutschen Oper fand eine Schlusskundgebung statt. Was genau sich vorne abspielte, konnte ich wieder einmal nicht erkennen. Die Typen, die vor mir auf und ab hüpften, stahlen mir die Sicht. Erst als ein paar Verwegene unter Gejohle einen Baukran erkletterten, um Plakate und Vietcongflaggen zu montieren, hatte ich freien Blick auf das Geschehen. Auch auf Männer in „Blaumann-Tarnanzügen“, junge Christdemokraten, die den Studenten folgten und die Flaggen anzündeten. Ich erinnere mich an Dutschkes Stimme, die, verstärkt durch ein Megaphon dazu aufrief, sich nicht provozieren zu lassen.
Noch heute kann ich das Gefühl spüren, das mich bei dieser Demo erfüllte. Zorn, Euphorie, Kämpfen für eine gemeinsam Sache, Hoffnung auf das Beenden eines sinnlosen Sterbens auf allen Seiten, verbunden mit unmenschlicher Grausamkeit. Nach einem beschissenen zweiten Weltkrieg, nachdem man es hätte besser wissen müssen. Hoffnung auf eine gerechte Welt? Auf anständige Menschen? Wie naiv wir waren, an das Gute, Veränderungen und Verbesserungen zu glauben und die menschliche Gier außer acht zu lassen.
Der Westberliner Bürgermeister und der Senat holten wenige Tage später zum Gegenschlag aus. Sie riefen die „aufrechten“ Demokraten, die ordentlichen, friedliebenden Bürger zu den Fahnen. Die aufgeputschte Masse, man sprach von 150.000 Leuten, geriet außer Kontrolle. Sie offenbarten ihre Totschlägermentalität, die noch immer unter der Oberfläche schlummerte. Was nach StudentIn aussah, langhaarig oder bärtig, wurde gejagt und verprügelt. Sie schlugen einen Mann halbtot, weil sie dachten, es sei Dutschke, der zu diesem Zeitpunkt in Holland weilte. Ich erfuhr alles nur aus zweiter Hand, weil Jacko klug genug war, mich mit Mathenachhilfe in der WG festzunageln. Carsten und Jens rasierten sich in Folge die Bärte ab. Für Katrin und mich wurde »Zopfpflicht« angeordnet. Marlu trug ihr Haar ohnehin raspelkurz, die betraf das nicht.
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