Mika verbrachte die Weihnachtsfeiertage mit uns. Er kam an Heiligabend mit Gitarre, Mundharmonika und Rucksack. Als ich in die WG umzog, „adoptierte“ Moni ihn. Sie behielt ihn einfach bei sich. Ließ nicht zu, dass „der Bub“ alleine auf der Straße blieb, bis Bruder Ralf endlich einzutrudeln geruhte. Sie war ein Freigeist und ihr Herz schlug links. Sie bleibt stets ein Vorbild für mich.
Habe ich schon erzählt, dass Mika ein „Besatzungskind“ war, seine Mutter ein Vergewaltigungsopfer? Mikas Gesichtszüge waren fein, seine Haut sah aus, als hätte er den Sommer am Mittelmeer verbracht. Lediglich das schwarze Kraushaar verriet seine wahre Herkunft, die er nie leugnete. Ein tapferer Junge, in der Familie ungeliebt, in der Schule gehänselt. Einer der sich nie beklagte, der sich über einen Groschen mehr freute, als der heutige Smartphone-Süchtling über einen Hundert-Euro-Schein. Der niemals vergass, wie sehr ihm Moni und die alte Dame geholfen haben. Ich liebte ihn mehr als meine eigenen Geschwister.
16 Doris und die Engelfrage 2016
Doris rutscht mir gegenüber auf ihrem Meditationskissen herum, rast- und ruhelos. Bevor ich fragen kann, wo sie der Hafer sticht, platzt es aus ihr heraus: „Anna, was denkst du über Engel?“
Auweia, kalt erwischt. Ich gerate in Versuchung, ihr zu sagen, dass Engel ihre Probleme nicht lösen werden. Im letzten Moment beiße ich mir auf die Zunge. Stattdessen nehme ich Zuflucht zu einer allgemeinen Antwort: „Man kann davon ausgehen, dass sie aus der Zeit des alten Ägypten stammen. Schau dir Abbildungen von Isis und Osiris an, die wiederholt mit gefiederten Auswüchsen im Schulterbereich dargestellt werden. Geflügelte Götterwesen findest du in der gesamten Mythologie. Denk an Hermes, den Götterboten der Griechen oder Merkur bei den Römern. Oder Pegasus, das geflügelte Pferd, das Medusas Haupt entsprang, als Perseus sie tötete. Ich nehme an, dass man diese Flügelwesen aus den polytheistischen Religionen den monotheistischen einverleibte, weil Euer einer Gott auch nicht ohne Sendboten auskam.“ Zum Beispiel um den göttlichen Samen im jungfräulichen Schoß eines unbedarften Mädchens zu platzieren. Das zu sagen verkneife ich mir auch. Vorsicht, Anna, dünnes Eis. Bei Doris weiß man nie, wie viel Wahrheit sie verträgt.
Es gibt die Engel im jüdischen Tanach, in der christlichen Bibel und im Koran. Ich könnte anfügen, dass sie in der christlichen Bibel etwa 300-mal Erwähnung finden, wodurch ihre Existenz für mich nicht realer wird.
Ich weiß, dass Doris sich wieder auf einem esoterischen Vortrag herumgedrückt hat. Hoffentlich kommt sie nicht auf die Idee, ihre Probleme auf irgendwelche Engel abzuwälzen, statt den einzig vernünftigen Schritt zu wagen: ihrem ältesten Sohn endlich kräftig in den Hintern zu treten.
Doris wackelt, nicht überzeugt, mit Kopf und Zeigefinger. Sie setzt zu einer engagierten Rede über Lichtwesen an. Engel im Allgemeinen, Erzengel und Elohim im Besonderen. Letztere scheinen derzeit eine Favoritenrolle einzunehmen. Ich begreife, wessen Vortrag sie gehört hat und lasse sie schwätzen. Meine Gedanken driften ab.
Wie geldgeil und skrupellos muss jemand sein, um die Leute mit derartigen Hirngespinsten zu füttern? Unter denen sich vermehrt solche mit echten physischen, psychischen oder niederschmetternd-weltlichen Problemen tummeln? Wo bleibt die Verantwortung, die wir gegenüber dieser instabilen Klientel haben? Es lässt sich nicht vermeiden, dass ich aufgrund meiner Arbeit das eine oder andere esoterische Buch lese. Es will mir nicht in den Kopf, dass diese selbsternannten Propheten den eigenen Worten Glauben schenken können.
Ich halte viele Richtungen der Esoterik für genauso schädlich und volksverdummend wie herkömmliche Religionen. Nicht, dass ich den Glauben im Allgemeinen ablehne, im Gegenteil. Ich verschließe mich nur den Konstrukten, die Menschen dazu nötigen, Verstand und Selbstverantwortung an der Garderobe abzugeben.
»Elohim« stammt aus dem Tanach, bedeutet „Gott“ (Jahwe). Die Bezeichnung ist mutmaßlich der polytheistischen Götterwelt Kanaans entnommen. Ich kenne „Elohim“ aus der Fantasy-Literatur, die ich bisweilen zum Vergnügen lese. Unsterbliche, attraktive Männer, die mit dem Schwert aufeinander losgehen. Die uralte Mär vom Kampf zwischen Gut und Böse. Der „Gute“ ist stets blond, mit weißen Schwingen, verliebt in die holde blonde Maid. Der „Böse“ ist schwarzhaarig mit schwarzen Schwingen. Er will die Weltherrschaft und das Mädchen als Bonus obendrauf. Unnötig zu erwähnen, dass diese Brüder in der Lage sind, ihre gewaltigen, uralten Flügel unter moderner Kleidung zu verstecken.
Fazit: Doris überantwortet sich jetzt den „Elohim“. Sucht Unterstützung bei überirdischen „Mannsbildern“ mit großen Schwertern und noch größeren Schwänzen. Unter Umständen träumt sie von solch einer Lichtgestalt für ihr reales Leben? Ich würde ihr eher raten, ihrem Buben ein für alle Mal beizubringen, wer im Haus das Sagen hat. Stattdessen wird sich zu Problem eins Problem zwei hinzugesellen: die Enttäuschung, wenn sie einsehen muss, dass Problem eins sich trotz Elohim und Energiewässerchen nicht von selbst in Luft auflöst.
Im Moment ist sie hirngewaschen, da kann ihr niemand helfen. Eines Tages steht sie dann wiederum frustriert auf der Matte. Die Gruppe ist das gewöhnt. Wir päppeln sie erneut auf - bis zur nächsten Spinnerei.
Mein erstes Silvester in Berlin fiel zeitgleich mit meinem Einzug in die WG zusammen. Peter, Jacko, Carsten, Katrin, Jens und Marlu kannte ich bereits. Der Siebte im Bunde hieß Winnie. Ein riesenhafter Kerl, tapsig wie ein Teddybär, von uns allen finanziell am Schlechtesten gestellt. Winnie suchte ständig nach Essbarem. Bei der Statur kein Wunder. Wir fütterten ihn mit durch, nicht zuletzt, weil er für Probleme jederzeit ein offenes Ohr hatte. Speziell für uns Mädchen öffnete er auch die Arme, wenn wir eine Schulter zum Ausheulen brauchten. Winnie war die Hilfsbereitschaft und Herzensgüte in Person.
Ich bekam schon am ersten Tag mit, dass die Gruppe politisch aktiv war. Da Peter sich für mich verbürgte, stand es mir frei, mich an ihren Sitzungen zu beteiligen, die in der Gemeinschaftsküche stattfanden. Sie ließen mich zwar nicht auf die Bibel schwören, aber sie trichterten mir ein, dass ich Stillschweigen zu bewahren hatte, über alles, was da gesprochen wurde. Sonst gab es keine Hausordnung mit Männerbesuchsverbot, keine großartigen Verhaltensregeln. An der Wand hing ein Wochenplan mit der Einteilung wer was wann wo zu putzen hatte, und einem Vermerk, dass der wöchentliche Haushaltsbeitrag pünktlich montags im Sparschwein zu entrichten war.
Als WG-Nesthäkchen, das zurzeit sein Abi nachholte und hinterher in Berlin studieren wollte, förderten sie mich, wo immer sie konnten. Katrin und Jacko, die Naturwissenschaften studierten, gaben mir Nachhilfe in Mathe, Physik und Chemie. Die anderen, alle Geisteswissenschaftler, lachten nur, wenn ich unaufgefordert in ihre Zimmer stürmte, um mich mit frischem Lesestoff zu versorgen. Ich war von Kindesbeinen an eine Leseratte. Bei ihnen fand ich philosophische, psychologische, politische und geschichtliche Werke. Bücher, die ich noch nicht kannte. Dabei plünderte ich hauptsächlich Marlus Bücherschrank, der von allen am besten bestückt war. Ich las planlos. Woolf, de Beauvoir, Proust, Grass, Kafka, Walser, Joyce, Flaubert, Adorno, Camus, Zweig, Jung, Dostojewski, Nabokov, Bloch, Tolstoi, Hesse, Beckett, Bukowski, Horkheimer, Hegel, Freud. Viele andere, alle durcheinander, wie man unschwer erkennen kann. Ursprünglich kam ich nach Berlin, weil ich dachte, dort steppt der Bär und ich steppe mit. Die Freiheit, die ich suchte, fand ich in der WG. Entweder bei endlosen politischen Diskussionen oder auf dem Bett liegend, platsch auf dem Bauch, ein Buch vor der Nase. Anders als geplant lernte und las ich, nicht nur für mein Abi.
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