Was mich zu jener Zeit wenig bis nicht interessierte, betraf die Frauenbewegung. Ich wurde von meinen Großmüttern zur „freien Frau“ erzogen. Die Emanzipation lieferte mir keinen einzigen Grund, mich damit zu beschäftigen. Das kam erst viel später. Vorerst sah ich für mich nirgendwo Einschränkungen. Das Frauenwahlrecht bestand seit 1918. Über meinen Körper bestimmte ich selbst, ich nahm die Pille. Mit Ehe hatte ich nichts am Hut. Ich musste niemanden um Erlaubnis fragen, wenn ich eine Arbeit annehmen wollte. Wenn mir irgendetwas nicht passte, war ich daran gewöhnt, das klar und deutlich in Worte zu fassen. Die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz gehörte für mich zur Arbeiterbewegung. Im Übrigen dachte ich eher über eine Emanzipation der Menschen nach und nicht über die der Geschlechter. Zu meinen Überlegungen zählte unter anderem die Abschaffung von Kirche und Religion. Ich pflegte anarchistisches Gedankengut, ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein.
Es regte mich nie auf, wenn die Jungs mich baten, ihnen ein Hemd zu waschen, einen Knopf anzunähen oder etwas für sie zu tippen. Wozu auch? Ich dealte mit ihnen: ich tue was für dich, du tust was für mich, und alle Beteiligten sind zufrieden. Sexuelle Gegenleistungen standen außer Debatte. Du kommst mit jeder Art von Anmache in Berührung, wenn du jung und hübsch bist und hauptsächlich unter Männern arbeitest. Du lernst aber auch, wie du sie dir vom Hals hältst. Notfalls brachte ich den Uneinsichtigen bei, dass man in Nullkommanichts zum Eunuchen mutieren kann. Bei den WG-Jungs waren solch drastische Maßnahmen unnötig.
Zur Feministin taugte ich nicht. Ich fand es albern einen Mann vor den Kopf zu stoßen, der mir die Tür aufhalten, in den Mantel helfen oder einen Kaffee spendieren wollte. Für geradezu kindisch hielt ich das Ansinnen, den BH in der Schublade zu lassen oder gar zu verbrennen. Erstens musste man die Dinger für teures Geld kaufen. Zweitens empfand ich es noch nie als besonders erotisch, wenn die Brustwarzen die Knie küssen. Drittens war ich dankbar, dass ich mich nicht mehr mit Miedern oder Schnürkorsetts herumplagen musste, wie zuvor meine Großmütter. Alice Schwarzer täuscht sich, wenn sie sagt, dass die BH-Verbrennungen von den Medien erfunden wurden und nie stattgefunden haben. Ich halte ihr zugute, dass sie nicht an allen Orten gleichzeitig sein konnte. Vielleicht war sie aber auch nur zu Besuch ihrer Alien-Familie auf einem anderen Planeten.
Den ersten wesentlichen Deal, den ich mit den „WG-Brüdern“ abschloss, hing mit dem Vietnamkongress zusammen. Ich wollte mit. Im Gegenzug bot ich zweimal Badputzen an und Freikarten von Moni für eine Brechtaufführung. Ich fand den Handel gerecht, zumal sie mir versprachen, dass sie mich zusätzlich mit Dutschke bekanntmachen würden. Was ein bisschen dauern konnte, da er „extrem beschäftigt“ sei. „Dutschke“ interessierte mich. Dauernd sprachen sie von ihm: Der Rudi hat dies gesagt oder der Rudi hat das gemacht. Das Wundertier, „diesen bedeutenden Studentenführer“ wollte ich live erleben.
An meinem ersten WG-Abend hörte ich von dem Vorfall in der Gedächtniskirche an Heiligabend. Eine Studentengruppe störte den Gottesdienst mit Parolen und dem Plakat eines vietnamesischen Folteropfers. Für mich eine überflüssige Aktion. War ihnen nicht klar, dass die edlen Christenmenschen sich nur für den vor zweitausend Jahren gekreuzigten Anführer ihrer Sekte interessierten? In dessen Namen sie entsetzliche Verbrechen verübten, in all den Kriegen, die auf ihr Konto gingen. Die Hexenverbrennungen, die Endlösung für das Weltjudentum, die Versklavung und Ausrottung von Völkern und Kulturen. Da hoffte eine intelligente Jugend, dass ein vietnamesisches Folteropfer Christen von den Kirchenbänken reißen könne? Eine drastische Fehleinschätzung.
Auf jeden Fall weilte auch Dutschke unter den Kirchgängern. Er lief bei dem Versuch auf die Versammelten einzuwirken direkt in die schlagbereite Krücke eines wahrhaft gläubigen Greises. Nach dem heillosen Geschiss, das sie um jenen Rudi machten: Was ist passiert, ist er schwer verletzt, wie gehts ihm?, war ich ordentlich gespannt auf den Knaben. Obwohl ich nicht an solch herausragende Lichtgestalten glaubte, seien sie nun himmlischer oder irdischer Natur.
18 Vietnamkongress und Demonstration
Am 17. und 18. Februar 1968 hockte ich zwischen Winnie und Peter auf dem Boden des Auditorium maximum der TU. Einem mit Menschen vollgepfropften Raum, die frenetisch klatschten und »Ho Chi Minh« skandierten. Neben den deutschen Teilnehmern nahmen zahlreiche Delegationen aus dem Ausland an dem Kongress teil. Das zentrale Thema war der Widerstand gegen den Vietnamkrieg. Darüber hinaus stand der westliche Imperialismus am Pranger. Wenn ich mich heute umsehe: viel geändert hat sich nicht. Großmannsucht, Weltmachtstreben, Krieg, Elend, Armut. Wir hätten es uns genauso gut zu Hause gemütlich machen können.
Die „Revoluzzer“ hatten keine Chance, die träge Masse auf ihre Seite zu ziehen. Geschweige denn, den Kampf gegen Krieg, Machtgier, Besitzgier, Ausbeutung und Unterdrückung zu gewinnen. Trotzdem wünsche ich mir bisweilen, dass unsere Jugend genug Mut und Verstand aufbringt, genau diese Gegenwehr wieder aufzunehmen, um dem unmenschlichen Treiben ein Ende zu bereiten. Nicht die nationalsozialistisch angehauchten Neo-Bräunlinge. Ich meine intelligente junge Menschen. Die, die nicht dem Sumpf der allgemeinen Verdummung, Technikanbetung und Korruption anheimgefallen sind. Die, die nicht glauben, dass Politik nur „für die Alten gemacht wird“.
Ich kann nicht sagen, inwieweit sich die Wunschwelt eines Rudi Dutschke hätte verwirklichen lassen. Ich weiß auch nicht, welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft gehabt hätte. Dass Kapitalismus und Neoliberalismus unserem Planeten ein friedliches Miteinander bescheren, wage ich jedoch zu bezweifeln. Eine Welt, in der 65 Personen soviel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung zusammen, das heißt 3,75 Milliarden Menschen!, ist weder unterstützenswert noch überlebensfähig. Zumindest das hätte ein Dutschke uns vor Augen geführt, anstatt es schön zu reden. Ich frage mich, was er zu den Grünen sagen würde, die mit der CDU koalieren? Unter Umständen hätte er gefragt, wie man die eigene Entstehungsgeschichte derart verleugnen kann? Man kann. Die SPD lebt es vor.
Ich saß eingekeilt in der Menschenmenge und wartete ungeduldig auf Rudis Rede. Es gelang mir nicht, die Initiatoren des Kongresses auszumachen, bevor sie ans Rednerpult traten. Mir fehlten ein paar Zentimeter Körpergröße. Als ich Dutschke endlich wahrnahm, staunte ich über den Allerweltstypen im Arbeiterkaro. Der berühmt-berüchtigte Studentenführer, der „Politgammler“, der „Staatsfeind Nr. Eins“ entsprach nicht der Vorstellung, die ich mir von ihm gemacht hatte. Ich hatte einen „WOW-Typen“ erwartet und keinen kleinen, grauen Mann.
Der Kumpel von nebenan entpuppte sich dessen ungeachtet als charismatischer Redner trotz seines quengeligen DDR-Slangs. Wie man sich täuschen kann. Mucksmäuschenstill saß ich da, versuchte zu verstehen und zu verdauen, was er aus sich herausquetschte. Er sprach uns mit „Genossen, Antiautoritäre, Menschen“ an. „Menschen“! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Für diese Anrede hätte er einen Nobelpreis verdient. Wer spricht uns normalerweise als „Menschen“ an? Niemand. Als er zum Schluss kam: „Es lebe die Weltrevolution und die daraus entstehende freie Gesellschaft freier Individuen!“, klatschte und schrie ich mit, bis mir Hände und Hals schmerzten. Ich lieh mir von Peter einen Stift und malte diesen Spruch auf meinen linken Arm, weil ich kein Schreibzeug dabeihatte.
Nach Abschluß des Kongresses, am 18. Februar fand sich ein Demonstrationszug von ca. zwölftausend Teilnehmern zusammen. Ich muss die offizielle Zahl akzeptieren, ich habe sie nicht gezählt. Mir schwebt noch der genaue Text vor Augen, der auf dem Plakat stand, das zur Demo aufrief: „Der Kampf für die vietnamesische Revolution ist Teil des Kampfes für die Befreiung aller Menschen von Unterdrückung und Ausbeutung.“ Ein herrlich anarchistischer Gedanke. Was sagen die ehemaligen Teilnehmer zu den heutigen Brandherden in Nahost, in Afrika? Ich höre nichts. Oder doch? Stimmt, Cohn-Bendit, hat sich im Fernsehen zur Fußball-EM geäußert. Europa, Flüchtlingskrise, Brexit etc., keine Themen für dich, Dany le Rouge? Zumindest Gretchen Dutschke-Klotz findet auf FB ehrliche Worte zu den Zuständen in der Europäischen Union.
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