Jutta und ihr Schönheitstick. Es ist jedes Mal das Gleiche. Ich lasse das Ganze eine Weile laufen, bis ich genug habe von jeglichem „Brigitte“-Schwachsinnn. Ich lade sie für den nächsten Tag auf einen Kaffee und ein Gespräch von »Frau zu Frau« ein. Vorausgesetzt, sie hält für den Rest des Abends ihren Schnabel.
Jutta ist pünktlich, der Espresso dampft in den Tässchen. Ich nehme mir vor, heute herauszufinden, wo Jutta der Schuh wirklich drückt. Eher lasse ich sie nicht gehen. Ich bin ehrlich, nenne ihr den Grund meiner Einladung, bin jedoch nicht auf die Tränenflut gefasst, die ich damit auslöse. Ich nehme sie in den Arm und warte, bis nur noch ab und zu ein herzergreifender Schluchzer ihrer Kehle entrinnt.
Im Anschluss erfahre ich die übliche Geschichte: Alter Narr vögelt junge Kollegin. Kann ja mal vorkommen. Für Jutta stellt das allerdings ein Drama dar. Sie schleppt einen drei Tonnen schweren „Ich-bin-alt-und-hässlich“-Komplex mit sich herum und kriegt den Blues. Sie findet sich fett, unattraktiv und reizlos. Was kompletter Blödsinn ist, da sie mit ihren sechsundfünfzig Jahren eine passable Figur, schönes Haar und ein interessantes Gesicht hat. Nur der trotzige Blick in den Augen und der verkniffene Zug um den Mund stören den Gesamteindruck.
Ab vierzig sind wir eben alle keine Barbies mehr, haben aber eine Reihe anderer Vorzüge. Dafür kann ich mich verbürgen. Männer bleiben auch nicht ihr Leben lang »Ken«. Sie bilden sich das zwar gerne ein, sind aber meistens nur beliebte „Brieftaschen“. „Sugardaddys“ eben.
Ich bin weder eine Expertin für Schönheit noch an dem Thema interessiert. Das Älterwerden verursacht mir keine Probleme, obwohl ich die Sechzig weit überschritten habe. Ich habe gute Gene und somit wenig Falten, obwohl ich ein Kosmetikmuffel bin. Wenn ich mich vor dem Spiegel „aufhübsche“, mache ich das ausschließlich für mich. Das habe ich immer so gehalten, damit mussten meine Männer sich abfinden, und alle übrigen auch. Im Gegensatz zu früher wiege ich fünfzehn Kilo mehr, wem es nicht gefällt, der braucht mich nicht anzuschauen.
Jutta ist da anders gepolt. Sie hat ein echtes Problem mit sich selbst. Ich würde ihr gerne sagen: Lass den Alten laufen. Oder: Nimm dir einen Toyboy. Doch ich schlucke die Worte rechtzeitig hinunter. So, wie sie drauf ist, helfen sie ihr nicht. Sie faselt ohne Punkt und Komma von Gesichts-OPs, Fettabsaugungen und Bruststraffung. Ich denke derweil darüber nach, wie ich ihre Augen zum Blitzen bringen und den garstigen Zug um ihren Mund entkrampfen kann.
Nach und nach erschöpft sich ihr Verschönerungsrepertoire in ermüdenden Wiederholungen. Zeit, ihr meinen Gegenvorschlag zu unterbreiten: Selbstbewusstseinstraining, Meditation, Energiearbeit, Spaziergänge und Körperübungen. Sofort kommen gesunde Ernährung und das Wort »vegan« ins Spiel. Letzteres kommt nicht in Frage. Die Bemerkung „Ich züchte keine Veganer“ kann ich mir nicht verkneifen. Ich verspreche ihr, einen ausgewogenen Ernährungsplan zusammenzustellen, bei dem sie weder Vitamine noch Mineralstoffe substituieren muss. Bestimmt wird jemand aus der Gruppe an dem Programm teilnehmen. Ob es ihr hilft? Das weiß ich nicht. Ich kann nur hoffen damit ihre Einstellung zu sich selbst zu ändern. Vier Wochen, dann schauen wir weiter.
Zu meiner Überraschung lässt sie sich auf das Experiment ein. Ich weise sie daraufhin, dass alles davon abhängt, dass sie am Ball bleibt. Ich betreue sie in der ersten Woche jeden Tag, danach nur noch einmal wöchentlich. Meinen Nerven zuliebe.
Sie fragt mich, was ich mir davon verspreche. Ich erkläre ihr, wie unsere Ausstrahlung auf andere wirkt. Ein entspanntes Lächeln, das die Augen erreicht, unverkrampfte Gesichtszüge und ein Gang, der unsere innere Energie zum Ausdruck bringt. Dafür braucht man keine Modelfigur, keinen aufgepumpten Busen, keine aufgespritzten Lippen. Man muss nicht wie dreißig aussehen. Ich mache ihr klar, dass ich das Tor zwar für sie öffnen kann, sie aber selbst hindurchgehen muss. Da führt kein Weg dran vorbei.
Sie betrachtet nachdenklich meine Gothic-Kleidung und meine langen Haare mit den kunterbunten Strähnen. Ich muss lachen. „Vergiss es, das ist nichts für dich.“ Wirklich nicht: Ich bin verrückt, sie ist elegant.
Um niemanden auf die Folter zu spannen: Die ganze Gruppe hat sich an ihrer Verwandlung beteiligt. Wir sind stolz auf unsere Arbeit, denn wir haben eine neue Jutta erschaffen. Ihr Mann ist völlig aus dem Häuschen. Das „junge Gemüse“ ist vergessen. Aber wie heißt es doch so schön im Märchen? „Ach wie gut, dass niemand weiß .....!“ Möge er lange unwissend bleiben.
Ich lernte Claus zu Beginn meiner Ausbildung kennen. Er hatte ursprünglich in Berlin Chemie studiert, sattelte jedoch um, weil er in einigen Jahren das Hotel seines Onkels übernehmen sollte.
Ich fand in ihm den großen Bruder, den ich mir immer gewünscht hatte. Stattdessen drückte man mir nur ein nerviges Brüderchen aufs Auge. Gemeinsam mit Jeannine, seiner Verlobten, löste er mich Schritt für Schritt aus meinem familiären Umfeld heraus. Er verhalf mir zu einem Personalzimmer in unserem Ausbildungsbetrieb und fälschte geschickt meine Dienstpläne. Meine Mutter verlor bald den Überblick. Anfängliche Wut- und Gewaltausbrüche liefen mehr und mehr ins Leere. Ich lieferte gute Arbeit ab, daher standen auch meine Vorgesetzten hinter mir. Was immer sie unternahm, es fruchtete nicht. Ich hatte zum ersten Mal wieder Ruhe vor ihr.
Die Großmütter freuten sich von Herzen, als ich in den beiden jungen Menschen Freunde und Unterstützer fand. Sie selber kamen langsam in ein Alter, in dem ihnen die „neue Jugendkultur“ über den Kopf wuchs. Obwohl sie allem höchst aufgeschlossen gegenüberstanden. Jeannine betrachtete mit Abscheu die altbackenen Klamotten, in denen meine Mutter mich auf die Straße schickte. Sie plünderte ihren Kleiderschrank für mich und den ihrer Schwester gleich mit. Jeans und Superminikleidchen, die zu der Zeit dazugehörten, zu Hause aber auf dem Index standen. Ich brach in Jubel aus, als mir der Spiegel einen flotten Teenager der 60er/70er Jahre präsentierte.
Da Jeannine im Elsass arbeitete, hatte Claus oft Zeit für mich. Er zog mit mir um die Häuser, nahm mich mit ins Kino, zu Konzerten oder zum Tanzen. Die Mannheimer Ringstuben, ein provinzielles Pendant zum Hamburger Starclub, standen damals hoch im Kurs. Viele der Bands, die live dort auftraten, kannte er privat. Die Rainbows, die Rattles, die Lords ... Leute, die er in Berlin getroffen hatte. Man kann heute kaum mehr glauben, dass wir zu „My Baby, Baby balla, balla..“ wie irre herumhopsten und uns total cool vorkamen.
Claus legte die Bedingungen für unsere Ausflüge fest: Keine Drogen, keine unzüchtigen Handlungen in dunklen Ecken. Alkohol, Rauchen und Knutschen, alles in Maßen versteht sich, war erlaubt. Er, die erwachsene Begleitperson, konnte in Teufels Küche geraten, wenn ich über die Stränge schlug. Ich hielt die Regeln ein, weil ich das nicht wollte. Im Gegensatz zur heutigen Jugend waren die meisten von uns harmlose, einsichtige Kinder.
Im Heidelberger „Cave 54“, einem angesagten Studenten-Jazzkeller, der noch heute existiert, lernte ich Blues und Jazz kennen und lieben. Claus stellte mich seinen Szene-Freunden vor, die bald auch zu meinen wurden. Darunter Joy Fleming, Fritz Münzer, Saxophonist und Rhein-Neckar-Oberjazzer, seine Frau, die Sängerin Peggy Drake nebst den Musikern Joe Haider und Hartwig Bartz. Hartwig galt in jenen Tagen als bester deutscher Jazzschlagzeuger.
Sie nahmen mich anstandslos in ihrem Kreis auf, obwohl ich altersmäßig nicht dazupasste. Der Umgang mit ihnen, Claus und Jeannine trieb meine persönliche Entwicklung voran und stärkte mein Selbstbewusstsein. Die Großmütter, selbst sehr freiheitsliebend, unterstützten meinen Abnabelungsprozess.
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