Ich hebe Daumen, Zeige- und Mittelfinger und führe sie an meine Stirn.
»Im Namen des Vaters …«
Meine Finger führe ich an den Bauch.
»… Des Sohnes …«
Meine Finger berühren den rechten, dann den linken Brustkorb.
»… Und des Heiligen Geistes …«
Ich sehe auf und meine Augen richten sich in den großen Saal, in dem nun Fabian mit Yan auf den Arm schreitet und ruft. »Besuch!«
Er dreht sich zu mir und winkt mich zu sich.
»Amen«, beende ich mein Gebet und gehe nun bedächtig auf Fabian zu. Was auch immer gleich passiert. Ich beschließe, mich der göttlichen Ordnung zu überlassen. Ich gehe Schritt für Schritt in den Saal. Als ich im rechten Augenwinkel eine lange Tafel wahrnehme, halte ich verschreckt inne. Dort sitzen unzählige Menschen.
Es wird still und Köpfe drehen sich zu mir. Unendlich viele Augenpaare sehen mich an, aber das Augenpaar, das ich suche, finde ich nicht.
Totenstille, die unterbrochen wird und ich der geliebten Stimme zuordne, wegen der ich kam: »Ella!«
»Yanick!«, rufe ich und suche ihn in den vielen Gesichtern. Ich sehe, dass er am Ende der Tafel aufsteht und herbei eilt. Erleichtert atme ich aus und gehe ihm entgegen.
»Ella!« In seinem Gesicht sehe ich Freude.
»Yanick«, antworte ich noch einmal und mir bricht meine ohnehin schon heisere Stimme.
»Yanick!«, ruft noch jemand, allerdings zischender und unfreundlicher. Ninette hat sich ebenfalls erhoben. An der gegenüberliegenden Seite. Sie hastet zu mir und ihr Gesichtsausdruck verheißt mir nichts Gutes. Ihre Augen funkeln mich böse an. Sie sprühen vor Hass.
»Yanick!«, schreit sie erneut und ich bleibe stehen. Ich überlege, ob ich zu Yan eile. Er sitzt aber sicher bei Fabian auf dem Arm. Eine Frau steht neben den Beiden. Sicher Yanicks Mutter. Ich sehe zu der Pudelblondine.
»Yanick? Was macht die denn hier?«, entrüstet sie sich.
Da springt jemand auf und hält Ninette am Arm fest. Lisa.
Neben ihr erhebt sich Kai und baut sich ebenfalls vor der Pudeldame auf. Sie wird nun von den Beiden keinen Schritt weiter gelassen. Beide nicken unmerklich zu mir und geben mir zu verstehen, dass sie Ninette im Griff haben. Dankbar senke ich kurz meinen Kopf.
Diese begreift, dass ihr Weg zu Ende ist. Sie dreht sich zu Yanick, der jedoch zu mir sieht und mich anlächelt.
»Und bringt auch noch ein Balg mit!«, ergänzt sie bösartig und verabscheuend.
Yanick, der nur noch weniger Meter von mir entfernt ist, bleibt augenblicklich stehen. Sein Gesichtsausdruck wandelt sich.
Fehler!
Er senkt seinen Kopf. Sein Brustkorb hebt sich in Sekundenschnelle und saugt Luft für eine kleine Ansprache ein. »Ninette! Ich erlaube dir zu gehen. Keiner meiner Freunde würde ein Kind als Balg bezeichnen und ganz sicher nicht mein Kind! Ab sofort erwarte ich, dass du dich von meiner Familie fernhältst. Du entschuldigst mich sicher. Ich bin gerade dabei, meine familiäre Angelegenheit zu klären. Und wenn du meinen Sohn noch einmal als Balg bezeichnest …«, er hebt er seine Stimme um eine weitere Lautstärke. Die Gäste horchen auf und sehen neugierig zu Yan, der von seinen Großeltern gehätschelt wird. Er sucht die Stimme und reckt den Kopf, um sie zu orten.
Yanick senkt seine Stimme, spricht wieder leise und bedrohlich: »… Dann wahre dir Gott!«
Zornig tritt eine Ader an seiner Schläfe hervor. Sein noch zornigerer Blick lässt die Kinnlade von Ninette sinken. Yanick strafft sich und streicht die Krawatte glatt. Er hat das giftgrün dreinblickende Pudelchen mit einem Tritt aus seinem Leben befördert und dreht sich wieder zu mir.
Mein strahlend weißer Ritter in seiner strahlend weißen Rüstung.
Kurz bevor er bei mir ankommt, strecken wir unsere Hände zueinander aus. Wir fliegen uns entgegen. Dann berühren sich unsere Hände und er steht vor mir.
»Ich bringe dir ein Geschenk zu deinem Geburtstag! Eigentlich zwei. Das eine kam schon zu Weihnachten. Es gehört uns beiden, wie du schon weißt«, sage ich und deute zu Yan. Seine Eltern sehen zu uns. Ihre Gesichter strahlen. Yanick sieht von Yan zu mir.
Ich ziehe ein Schächtelchen hervor und reiche es ihm. »Das ist das zweite Geschenk und es ist von mir.«
Er sieht zu meinen Händen und nimmt die Schachtel in Ringgröße entgegen. Bewegt sieht er hinab und öffnet vorsichtig den Deckel. In der kleinen Schachtel liegen zwei Rosendornen und die Träne rollt aus seinen Augen, als er zu mir sieht.
»Alles Liebe zum Geburtstag, Yanick. Das sind meine. Du kannst deine hundert mit dazu legen«, flüstere ich. In einem Satz ist er bei mir und umschlingt mich für einen hingebungsvollen Kuss.
An meinem Ohr flüstert er atemlos: »Die perfekten Geschenke!«
»Es tut mir so unendlich leid, was ich dir angetan habe. Ich habe meinen Maßstab zur Überprüfung in die Werkstatt gegeben. Er war falsch eingestellt und einseitig nummeriert. Bitte bleib. Bleib bei mir an der Kapelle. Bleib bei mir in meiner Wohnung. Bleib bei mir in Warnemünde und für eine gemeinsame Zukunft bei mir.«
»Du bist gesprungen und ich wäre ein Narr, wenn ich das nicht auch wollen würde. Es bedeutet mir alles, dass du gekommen bist, Ella.«
Er besiegelt seine Worte mit einer festen Umarmung und zieht mich zu Yan.
Der sitzt mittlerweile bei seiner Großmutter auf dem Arm. Sie zieht mich sofort zu sich und begrüßt mich freundlich: »Du musst Ella sein. Ich habe schon so viel von dir gehört und ich freue mich, dich zu sehen. Ich bin Henriette, Yanicks Mutter.«
»Hallo, freut mich sehr. Ihr habt euch schon bekannt gemacht?«
»Ja«, sagt sie und sieht zu Yan. »Er ist so allerliebst. So aufgeweckt und freundlich. Ich mag ihn gar nicht hergeben.«
»Hallo, klein Yanick! Komm mal zu Papa!«
Yan lächelt und lässt sich ohne Protest hochheben. Stolz betrachtet er sich seinen Sohn, der ihn immer wieder anlächelt und sein Köpfchen dabei verschämt dreht.
»Ich sagte doch, dass du eines Tages wunderschöne Kinder haben wirst«, schmunzelt Yanick stolz. Er sieht verliebt zu mir. »Er ist schöner, als ich ihn mir immer vorgestellt habe.«
Ich betrachte beide und mein Herz schwillt mir über, sie zusammen sehen. Augen sagen mehr als tausend Worte und ich fühle mich im Herzen so voll und reich wie noch nie in meinem Leben. Das ist das Gefühl, dass mir mein Großvater beschrieb. Er schaut ganz sicher auf uns herab und freut sich. Ich schwöre an dieser Stelle inbrünstig, diesen Mann nie wieder auch nur einen Dorn in sein Herz zu stechen. Bis an meine Lebensende.
»Komm, ich stelle euch vor!«, sagt Yanick und zieht mich zu einer Stelle, von der aus jeder im Saal uns sehen kann. Seine kleine Familie.
Dort positioniert stellt er mich neben sich. Alle sehen zu uns. Er umschlingt mich und spricht freudestrahlend zu seinen Gästen: »Liebe Familie, liebe Freunde! Ich möchte euch jemanden vorstellen.«
Lisa unterbricht ihn und kommt eilig zu uns. Kai neben ihr erhebt sich ebenfalls. »Entschuldige bitte Yanick. Wenn du erlaubst, würde ich das gerne übernehmen. Kai und ich haben etwas vorbereitet«, sagt sie.
Yanick nickt.
Lisa ist nun bei uns und beugt sich für einen Wangenkuss zu mir. Liebevoll sieht sie zu Yan, streichelt über seinen Arm und besieht sich seine Fingerchen. Dann wendet sie sich an die Gäste.
»Yanick und ich haben an jedem unserer Geburtstage ein kleines Spiel gespielt. Das Spiel hieß: Wunsch-Geburtstag. Das ging so: Wer das lange Stäbchen gezogen hatte, der war an diesem Geburtstag die Nummer eins. So eine Zwillingssache. Einige von euch können sich sicher an dieses blödsinnige Spiel erinnern«, sagt sie und Ich sehe in nickende und lachende Gesichter. Besonders ihre Eltern stimmen bejahend zu.
»Seit 2010 ist dieses Spiel Geschichte. 2010 trafen wir Ella, die euch Yanick vorstellen wollte. Auf einem Steg tanzte sie zur dröhnenden Musik, die auf unserem Boot lief. Ich sah sie tanzen und habe so lange gebettelt, bis er umdrehte. Wir waren auf der Stelle verknallt. Na ja und wie ihr seht, hat er sie sich geangelt.«
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