Pause. Ich spule zurück.
Enttäuscht schaut sie zu Yanick.
Pause.
»Ich habe sie schon einmal gesehen«, flüstere ich und erinnere mich, wie er unten an den Treppenstufen zu ihr sagte: Sei still Gina!
»Wann?«, fragt Uta.
»Die Beerdigung von Mutter«, raune ich und erzähle Uta von der ersten Begegnung mit Yanick. Ich berichte von meiner Eifersucht auf die Frau, die ihn küsste und mich kleines Baby nannte. Unter Tränen schildere ich Uta, dass ich damals schwor mein Herz nie für jemanden zu öffnen und es in den Sarg meiner Mutter legte. Gut geschützt und aufbewahrt, bis irgendjemand kommt, der es von mir geschenkt bekommt. Falls ich es jemals wieder verschenken wollte.
»Du hast dich selbst vor dir verschlossen. Vielleicht solltest du es dir holen, wenn du kannst«, schlägt Uta vor und streift mir ihre Hand über meinen Rücken. »Jetzt verstehe ich besser, warum du Yanick von dir gestoßen hast. Du hast das verdrängt?«
Mir war das alles nie bewusst. Ja, ich erkannte ihn am Küchenfenster und auf seiner Terrasse war ich die glücklichste Frau der Welt, als ich ihn küssen konnte. Mein geheimer Wunsch seit jenem Tag vor der Kapelle. Bei aller Liebe, die ich für ihn empfinde, war ich zeitgleich immer zornig auf ihn und konnte es mir nie ganz erklären.
Es ist der zweite Dorn.
Tief Luft holend, drücke ich Play.
»Können wir uns alle bitte mal wieder konzentrieren!«, nörgelt Kai mit donnernder Stimme. »Es geht nämlich noch weiter! Wo waren wir?«
»Ich vögele gerade auf deinem Hausboot, in deiner Küche, auf deiner Arbeitsplatte.«
»Ja genau! Sie will deinen Dödel gerade bei sich … Ich kann sie echt nicht leiden … sorry Nicky. Aber du selbst magst sie ja auch nicht.«
Alle lachen wieder über die Art, wie Kai diese Situation beschreibt. Nur ich nicht denn ich war dabei. Aufmerksam verfolge ich das Video und senke leicht meinen Kopf vor Anspannung. Yanick wird rot. Ihm ist anzusehen, dass die Situation peinlich zu werden droht.
»Deine Augen sind zu. Sie fragt dich was. Ganz wichtig … und jetzt hör mir genau zu Nicky! Höre mir genau zu! Sie hat dich was gefragt. Du hast zwei Möglichkeiten. Du kannst sie vögeln, deine Augen geschlossen halten und schweigen. Oder du öffnest sie. Dann siehst du jemanden. Am Fenster. Sie sieht euch zu. Ihr kannst du antworten.«
Ich erschrecke bei Kais Worten. Er hat die Situation vom Küchenfenster auf seinem Hausboot beschrieben.
Pause.
Mein Atem geht schnell. Meine Augen suchen irgendwo Halt, während ich diese Information verarbeite, sortiere und verknüpfe.
Uta wartet geduldig und beobachtet mich.
Kai hat das 1994 gesehen? Also lange bevor … Yanick hat ihm das gar nicht an dem Abend erzählt, brauchte er gar nicht. Ich habe beiden immer unterstellt, dass sie Spiele spielten. Ich habe immer geglaubt, dass sie sich abgesprochen hatten. Ein fataler Irrtum meinerseits.
»Moment. Du? Er redet 1994 von dem Tag, an dem du zum Boot gesprungen bist und beobachtest beide, wie sie …?«, setzt Uta an, stockt jedoch. Sie zieht ihre Augenbrauen zusammen.
Einmal blinzeln.
Sie löst diese Anspannung und bekommt große Augen.»Hat er geantwortet?«
Einmal blinzeln und Utas Augen weiten sich samt Augenbrauen. »Was?«
»Ich liebe dich«, flüstere ich.
»Ich liebe dich?«
Einmal blinzeln.
Uta sieht zum Bildschirm und murmelt: »Ist ja krass. Ich hätte vermutlich gedacht, dass der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.«
Play.
Kai spricht weiter: »Also die, die am Fenster steht. Die wird dich erst dadurch beachten. Ihr beide werdet … Springen.« Kai lächelt ganz verzückt und scheint zu genießen, was er sieht.
Stopp.
Ich spule zurück.
»… dich erst dadurch beachten. Ihr beide werdet … Springen.« Kai lächelt ganz verzückt und scheint zu genießen, was er sieht.
Stopp.
Ich spule zurück. »… ihr beide werdet … Springen.«
Pause.
Mein Oberkörper beugt sich zum Boden und ich halte mir meine Hände über den Kopf. Die Gedanken rasen. Ich habe ihm nie geglaubt, ihn immer als Spinner abgetan.
»Alles okay?«, höre ich die besorgte Uta.
Einmal Nicken.
»Ja. Alles okay. Mir geht es gut.«
»Was meint er damit?«
Ich setze mich wieder auf und wische meine Hände über mein Gesicht. »Kai ist der Wahnsinn. Ich habe ihm nie geglaubt.«
»Was meinst du?«, will Uta wissen.
»Dir das zu erklären, würde Stunden dauern und selbst dann würdest du mir wahrscheinlich nicht glauben«, wiederhole ich Kais Worte sinngemäß.
»Ihr springt, wenn ihr euch liebt?«, überlegt Uta laut.
Ich muss lachen und falle an Utas Schulter. »Ja«, antworte ich und muss meinen Bauch halten. »Aber nicht im Sinne von hüpfen.«
Uta blickt skeptisch drein.
»Vergiss es! Ist schwer zu erklären. Später, okay?«
»Jetzt habe ich Kopfkino.«
Erneut schüttelt mich ein Lachanfall und ich ziehe Uta für einen Wangenkuss zu mir.
»Ich mach weiter«, sage ich und drücke Play.
Kai lächelt ganz verzückt und ich muss an das denken, was er mir in mein Ohr geflüstert hatte. So ein Spanner!
»Sie … Elisa«, sagt Kai und strafft sich. Sein Gesicht wird freundlich und entspannt. Yanick erschrickt und mit weit geöffneten Augen schaut er in die Kamera. »Mich?«, fragt Lisa, die sich hinter der Videokamera befindet.
»Nein! Nein, nicht du Lisa.« Kai legt seinen Kopf schräg. »Die, Elisa, die gesprungen ist. Die Springerin!«
Yanick hebt seine Hände fragend und sieht sich hilflos um.
»Deine Wahl Nicky. Antworte oder schweig«, murmelt Kai. »Lieblose Muschi vögeln oder Liebe. Ach, und lass dir nicht erzählen, dass sie das Würstchen gesehen hat!«
So ein Kerl! Er weiß es! Darum hat Yanick so gelacht, als ich wieder in das Boot einsteigen sollte. Er sagte, es sei ernster, als ich ahnen würde. Das sehe ich jetzt allerdings auch so. Warum sagt er mir das denn das alles nicht einfach? Aber andererseits, hätte ich ihm geglaubt? Wohl eher nicht. Er hat es ja versucht. Meine Reaktion war, dass er spinnt.
Kai nimmt erschöpft seine Hände von Yanicks Schulter. Die Kamera verweilt noch eine Weile auf den ratlosen Yanick, der sich nun verwirrt im Raum umsieht.
Dann wird der Bildschirm schwarz.
»Kai ist ein Medium?«, entfährt es Uta ungläubig und stiert auf den schwarzen Bildschirm.
»Ja«, flüstere ich und ich glaube ihm, weil nur ich wissen kann, dass ich Yanicks Würstchen gar nicht im Wasser gesehen habe, als ich zum Hafen in Friedrichshagen schwamm.
»Yanick weiß, er wird dich am Fenster sehen, weil er weiß, dass du die bist, die sprang … Weil er nun die Wahl hat, öffnet er seine Augen und sieht dich. Und ihr macht hüpfend Liebe.«
Uta ist köstlich …
Das Bild geht wieder weiter, diesmal vermutlich von einer Handykamera gefilmt. Ich erkenne mich, wie ich mit geschlossenen Augen auf der Terrasse des Hausbootes stehe. Gleich würde Kai mir die Hände auf die Schulter legen.
»Bereit?«, fragt er.
»Bereit«, antworte ich und seine Hände berühren meine Schulter. Auch er schließt seine Augen.
»Wir haben uns vorhin über deinen Großvater unterhalten …«
Nicken.
Kai legt seinen Kopf zur Seite und ein Lächeln huscht über sein verschmitztes Gesicht.
»Er hat dich sehr geliebt und wollte, dass du dich nie zu schnell für etwas entscheidest. Er sagte immer: Geh es ernsthaft an und prüfe stets dein Herz dabei.«
Pause.
Ich schluchze, weil ich erst jetzt im Rückblick begreife, warum er mich an Opas Rat erinnerte. Warum Yanick mich daran erinnert hatte. Ich denke, deine Maßstäbe zum Prüfen sind defekt.
Yanick und Kai hatten versucht, den Blick auf etwas zu lenken. Ich habe Yanick stets auf seine Fehler hin geprüft. Fehler, die leicht zu verzeihen gewesen wären. Nie habe ich meine als Maßstab benutzt, denn ich habe Fehler gemacht. Schlimme sogar.
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