Grinsend schüttele ich meinen Kopf und richte mich auf. Ich mache ein Handzeichen. Victory, welches wie ein Y aussieht und Yan bedeutet.
»Er schläft. Tief und fest.«
Ich bin beruhigt und dankbar fahre ich über Utas Hand.
»Was los war, kannst du aufschreiben oder später erzählen. Du weißt, dass ich eine Nachricht für dich habe?«, frag sie.
Aber ja, das stand im Brief von Yanick. Etwas mit Küche und Ninette. Ich nicke schnell.
»Möchtest du sie jetzt oder willst du noch warten?«
Ein erhobener Finger. Uta verschwindet für weniger als eine Minute, aus dem Zimmer. In ihren Händen hält sie einen Umschlag. Er hat die Größe einer DVD und sieht recht mitgenommen und ramponiert aus.
»Damals, als ich deine Fahrt nach Warnemünde organisiert habe, da habe ich auch die Fahrkarten für Yanick mit besorgt. Ich habe ihn vor Abfahrt des Zuges getroffen und ihm seine Tickets gegeben. Er bat mich, dir diese DVD zu geben, wenn du einen seiner Briefe, oder alle geöffnet hast. Seit dem trage ich sie bei mir und der Umschlag sieht nicht mehr schön aus. Er warnte mich damals, dass es dir schrecklich gehen würde, wenn du die Briefe geöffnet hast«, verlegen blickt sie her. »Ella, ich wollte dich nicht hintergehen, etwas hinter deinen Rücken organisieren oder dir was verschweigen. Ich habe das nicht gerne gemacht und hart mit mir gerungen. Du hast so gelitten …« Ihre Stimme bricht und Tränen stehen ihr in den Augen. Ich öffne meine Arme und Uta kommt zu mir geflogen. Eng umschlungen sitzen wir auf dem Fußboden und küssen uns unsere Wangen.
»Alles gut Uta! Alles gut. Du bist die beste Freundin auf der ganzen Welt!«, versichere ich ihr. Uta muss mich ansehen und atmet erleichtert und grinsend aus.
Sie ist noch nicht fertig und holt erneut Luft: »Ich habe gesehen, wie sehr du gelitten hast seit jenem Wochenende. Zuerst war ich auf Yanick wütend. Aber als ich ab und zu mit ihm sprach, merkte ich, dass er dich liebt und sich auch große Sorgen um dich macht. Den ganzen Aufwand betreibt doch keiner, weil er jahrelang eine Wette gewinnen will!« Uta rollt wie zum Nachdruck ihre Augen hoch. Ich muss lächeln und gebe ihr einen Kuss auf ihre Wange.
Zweimal zwinkern.
»Also gut«, sagt Uta beruhigt. Sie hat bestimmt eine meiner temperamentvollen Szenen erwartet. Sicher hat sie sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht. »Hier ist deine Nachricht.«
Ich nehme mit klopfenden Herzen die DVD in Empfang und drehe gespannt den Umschlag. Ich öffne ihn und lasse die DVD vor mir auf dem Boden purzeln. Sie ist beschriftet.
Für Ella. Channeling vom 10.04.1994 und 16.07.2010
»Channeling … hat das was mit Hellsehen oder so zu tun?«, fragt Uta interessiert, während ich die Hülle aufklappe und einmal nicke.
»Und der 16.07.2010 war doch der Tag, als du zum Boot gesprungen bist?«
Wieder nicke ich.
»Krass …«, sagt Uta.
Ich lege die DVD ein, nehme die Fernbedienung und setze mich vor dem Bildschirm. Uta will sich erheben, um mich allein mit meiner Nachricht zu lassen. Ich halte sie an ihren Arm zurück und schaue sie bittend an. Uta setzt sich wieder. Ich starte die DVD und erwarte gebannt das Bild.
Yanick.
Er positioniert sich gerade vor der Kamera. Ich erkenne seine Wohnung im Bootshaus. Als er auf dem richtigen Platz steht, nimmt er DIN A3 Papiere auf, die auf dem Boden liegen.
Ich lache ungewollt auf. Joris Oma hatte recht. Sein Werben war nie das Problem. Die Ideen mich zu beeindrucken, gingen ihm auf keinen Fall aus. Er hatte sich auch jetzt etwas Schönes für mich einfallen lassen. Aber er würde auf mich auch ohne seine Ideen Eindruck machen.
Das erste Papier ist leer. Er blickt in die Kamera hinein und wirft mir einen Luftkuss zu und ich lehne mich verschämt lachend an Uta, die mich amüsiert ansieht. Dann entfernt er den ersten Zettel.
Ich freue mich, dass du meinen Brief gelesen hast …
Er blättert zum nächsten Zettel.
Und diese Nachricht erhalten hast …
Er blättert zum nächsten Zettel. Jeden Satz hat er auf einem Blatt geschrieben.
Danke Uta, für deine Hilfe und dass es dich gibt …
Bewegt greife ich Utas Hand und küsse den Handrücken.
Ella, im Brief hab ich dir geschrieben …
Dann das in der Küche …
Mit Ninette. (Dazu später mehr, damit du mir glaubst.) …
Erinnerst du dich? …
Okay …
Hier, damit du mir glaubst …
Das Channeling vom 10.04.1994 …
Ich liebe dich! …
P.S.: Ach und ich habe die richtige Wahl getroffen …
Der Bildschirm wird eine Sekunde schwarz, dann erscheint ein Video. Das wurde mit einer Videokamera gedreht. Es herrscht Unruhe in einem schlecht beleuchteten Raum.
Ich entdecke Kai, der neben Yanick steht und Lisa, die vor der Kamera herumläuft. Sie haben typische Klamotten aus den neunziger Jahren an und sind Teenager. Uta posaunt: »Schau mal. Was sie anhaben, ist voll retro. Wann war das?«
»Zwei Jahre vor Mutters Beerdigung«, antworte ich.
Ich pausiere kurz und mein Finger deutet auf Yanick. Mein Großvater hatte damals recht. Er war ein Junge, als ich ihn das erste Mal traf. Er war gerade mal sechzehn Jahre und hier auf dem Video ist er 14 Jahre.
»Yanick«, sagt Uta und sieht genauer hin. »Er sieht so jung aus.«
»Vierzehn Jahre«, antworte ich geistesabwesend. Ich zeige auf Kai und flüstere: »Kai.«
Uta führt ihren Finger zu Lisa und fragt: »Lisa?«
Einmal blinzeln. Ich drücke Play und der Film läuft weiter.
Kai fragt Lisa, die jetzt hinter die Kamera eilt: »Bist du nun bald fertig, Lisa Mäuschen?«
»Ja, habe euch drauf. Kann losgehen!«, trällert Lisa und hatte schon damals diese sinnliche Stimme.
»Okay. Yanick, willst du etwas Bestimmtes wissen, oder soll ich was raus suchen?«
Der Angesprochene zuckt mit den Schultern. »Such du was raus!«
»Also gut«, sagt Kai. Nach einer Weile stellt er sich hinter Yanick und legt ihm beide Hände auf die Schulter. So hatte er das auch bei mir gemacht. Kai schweigt eine Zeit. »Du bist in einer Küche, alles aus Holz … Wow, es ist meine Küche! Hey Leute ich werde ein Hausboot haben!«, ruft er erfreut aus.
Gemurmel im Publikum. Auch Yanick sieht zu Leuten. Von ihnen sind jedoch nur die Beine an rechten Bildschirmrand zu sehen.
»Du … Bohaaa …«, angewidert neigt Kai sich leicht nach vorne. Es wirkt, als müsse er sich übergeben. »Mir wird schlecht, Nicky.«
Yanick bekommt große Augen. »Was denn Kai?«, will er wissen. Er scheint ungeduldig zu werden.
»Du vögelst gerade eine … Bohaaa! Ich darf nicht vergessen die Arbeitsplatte zu desinfizieren! Ihr vögelt auf meiner Arbeitsplatte, Mann!«, posaunt Kai los und wirkt angewidert.
Ich reiße meine Augen weit auf, suche den Pausenknopf und bitte Uta um den Schreibblock. Als sie ihn mir reicht, schreibe ich hektisch: Das habe ich in dem Moment auch gedacht.
»In welchen Moment und was gedacht?«, hakt Uta nach. Mir wird klar, dass ich ihr sehr wenig erzählt habe, was damals geschah.
Als Yanick und Ninette in der Küche … Ich überlegte, ob ich Kai sagen soll, dass er lieber seine Arbeitsplatte desinfizieren soll.
Uta blickt verwirrt drein und ich kritzele hastig weiter: Ich dachte, Kai ist ein Schwindler, der sich nur eins und eins zusammenreimt. Ich dachte immer, dass Yanick Kai erzählt hat, was in der Küche passiert ist.
»Weiß Null, was du mir sagen willst. Mach mal weiter!«, sagt sie und zieht ihren Kopf in den Hals.
Play.
Das kleine Publikum lacht.
»Nein Gina, dich vögelt er nicht. Tut mir leid, aber du bist da längst Geschichte.«
Kai ist sehr direkt in seiner Wortwahl. Die Brünette zieht einen Schmollmund und die Kamera fängt ihre Geste ein. Enttäuscht schaut sie zu Yanick.
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