»Wie, selbst wenn ich wollte. Wie kann ich ihm je wieder unter die Augen treten? Nach all dem, was ich ihn angetan habe? Tut mir leid Yanick. Ach, und das ist übrigens dein Sohn.«
Verzweifelt hebe ich meine Arme und lasse sie entmutigt sinken.
Uta überlegt. »Warum nicht?«
Ich verziehe mein Gesicht. »Uta. Überlege mal! Das hier ist doch kein Groschenroman.«
»Das sagt er dir doch in seinem Brief. Warte, ich hole ihn schnell.« Uta läuft den Brief holen und kommt mit ihm in der Hand zurück, setzt sich wieder an den Tisch und überfliegt die Zeilen. »Da! Ich bitte dich nun Ella! Wenn dir ein ganz Kleines bisschen unserer Liebe heilig ist … Ein ganz kleines Fünkchen nur … Dann genügt es aus, um zu mir zu kommen .« Sie sieht mich an und ich nehme ihr den Brief aus der Hand, um selbst noch einmal zu lesen. »Er legt dir kleine Steine zur Orientierung hin, Ella.«
Uta füllt zwei Teller und stellt sie auf den Tisch.
»Ich lese nur, dass er doppelt moppelt – kleines Fünkchen? Ein weißer Schimmel, keine Steine, Uta.«
»Mensch! Das meine ich nicht. Ich meine den gesamten Absatz. Lies!«, fordert sie mich auf und tippt auf den Abschnitt. Ich verstehe nicht, was sie meint, lege den Brief müde zur Seite und widme mich der Gemüsesuppe.
»Ein kleiner Tipp?«, fragt Uta.
Einmal zwinkern.
»Ich weiß nicht, was er genau meint. Aber …«, sie holt bedeutungsvoll Luft und ich sehe sie gespannt an, »er legt dir kleine Steine zur Orientierung hin.«
Das sagte sie schon. »Du meinst so wie bei Hänsel und Gretel? Das waren Brotkrumen und die wurden von den Vögeln gefressen.«
»Gut. Wie du willst.« Uta isst mit erhobenen Augenbrauen die Suppe. Ich schiebe meinen Teller von mir und lege den Löffel ab. Das letzte, was ich jetzt mag, sind Rätsel.
»Sag, was du weißt. Ich bin müde. Wenn du etwas siehst, was mir weiterhelfen könnte, sag es doch bitte einfach!«
Uta setzt sich aufrecht hin. »Ich sagte dir: Er legt dir kleine Steine zur Orientierung hin. Aber ohne zu etwas zu sagen, wie: Tu dies, mach das! Er will, dass DU drauf kommst. Alles was ich weiß habe ich dir gesagt. Es muss irgendwo hier zwischen den Zeilen zu finden sein.« Sie greift zum Brief, hält ihn hoch und sieht mich eindringlich an. »Da es eure Beziehung ist, musst du die Steine erkennen, Ella. Nicht ich! Überlege also bitte, was er dir mit diesem Absatz sagen will!«
»Okay, das ist doch schon mal ein Tipp. Warum sagst du das nicht gleich?«
Uta löffelt weiter ihre Suppe und rollt mit ihren Augen. »Ich mochte dich mehr, als du nicht so viel geredet hast«, sagt sie leise, aber laut genug, dass ich es hören kann. Sie grinst. Ich werfe sofort mit einem Stück Brötchen.
»Hier«, lache ich und rupfe ein neues Krümelchen ab. »Ein kleiner Stein zur Orientierung. Und hier, noch einer.«
Uta lacht und wehrt die Brötchenkrümel ab, die ich auf sie abfeuere.
Später schläft sie bei mir im Schlafzimmer. Ich hocke über den letzten Absatz und zermartere mir meinen Schädel. Schlafen kann ich sowieso noch nicht.
Ich habe Uta gebeten zu bleiben, denn ich wollte heute nicht alleine sein. Sie sagte mir, dass sie so oder so nicht gegangen wäre.
Am Küchentisch sitzend, lese ich immer und immer wieder den Absatz durch und folge Utas Tipp. Es war der letzte Brief von Yanick. Das musste einen Grund haben.
Mit ich bitte dich Ella, verwies er auf das, was er von mir erwartet. Soweit klar. Dann redet er von etwas, dass auch mir an der Liebe zu ihm heilig sein sollte.
Heilig …
Ich schließe meine Augen und gehe die Begrifflichkeit des Wortes durch. Also gut. Ausschlussverfahren.
Heilig, im Sinne von heiligsprechen. Nein.
Heilig, im Sinne von religiöser Verehrung. Heiliger Gral, heilige Gegenstände … Nein.
So komme ich nicht weiter.
Anderer Ansatz:
Was bedeutet ihm das Wort heilig. Wofür würde er es benutzen?
Keine Ahnung, er hat es nie benutzt. Soweit ich weiß, ist er auch nicht religiös.
Verflixt!
Ich bin zu müde. Es fällt mir immer schwerer, klar und logisch, zu denken. Also schleppe ich mich ins Bett. Was ist ihm heilig, ist die letzte Frage, die ich vor dem Wegdämmern immer wieder stelle und um Antwort bitte.
Yan weckt mich. Ich hebe ihn aus dem Bettchen, damit Uta noch ein wenig Schlaf bekommt. Meine Küsse und leisen Worte beruhigen ihn.
»Fein geschlafen mein Schatz? Mama macht Essen. Hast du deine Hose voll?«
Ich wechsele ihm seine Windel und er sieht schon zufriedener aus. Jetzt bekommt er sein Frühstück und dann kann er spielen. Wir gehen wir in die Küche.
Gestern habe ich Brei vorbereitet, den ich nun in die Mikrowelle stelle. Das Geräusch kennt Yan und beginnt zu jammern. Um ihn abzulenken, küsse ich seine Wange und gehe ihn sacht wiegend in der Küche umhertragen. Ich murmele leise, dass das Essen gleich fertig ist.
Als wir vor dem Kühlschrank stehen, erkläre ich ihm die Fotos, die dort hängen. Er schaut interessiert zu meinem Finger, der abwechselnd auf die bunten Bilder zeigt. Durch die Farben aufmerksam geworden, wird er still. Ich sehe, dass sich seine Augen nicht bewegen. Er starrt etwas an. Mich interessiert, was es ist, damit ich es ihm erklären kann. Also folge ich seinen Augen. Ich erblicke das gefaltete Bild von Joris und ich trete dichter.
»Das hat uns Joris gemalt. Du warst noch nicht auf der Welt oder in meinem Bauch. Aber er hat dich gemalt. Kleiner, schlauer Junge Joris …« Ich beende den Satz nicht.
Die Mikrowelle piepst, aber ich kann meinen Blick nicht von dem Bild abwenden. Nicht einmal Uta nehme ich wahr, die in die Küche tritt und mir Yan abnimmt. Nach dem zweiten Piepsen wurde er immer unruhiger. Als ich mich wieder gefangen habe, sehe ich beide am Tisch sitzen, wo Uta ihn füttert und zu mir sieht.
»Was ist?«, fragt sie mich von Sorge erfüllt.
»Hast du ihm von Yan erzählt?«
Erstaunt über meine Frage, hebt Uta ihre Augenbrauen. »Nein. Ich habe ihn seit der Übergabe am Bahnhof nicht mehr gesehen oder gesprochen. Aber du weißt, ich hätte ihm liebend gern von Yan erzählt.«
Ich nicke. Der Streit. Ich glaube ihr.
»Warum fragst du?«, will Uta wissen.
»Woher weiß er von Yan?«, überlege ich laut.
»Von mir nicht. Aber er erwähnte ihn doch in seinem Brief«, entgegnet Uta und unterbricht meine Überlegungen. Unbewusst hat sie meine Gedanken in eine neue Richtung gelenkt.
»Oh, mein Gott!«, entfährt es mir und ich öffne sperrangelweit den Mund. »Nein. Nein! Uta, er hat den Brief doch in Warnemünde geschrieben.«
Ich raufe mir verzweifelt meine Haare und sehe zu Uta. Sie weitet nach kurzem Überdenken ebenfalls ihre Augen. Entsetzt sehen wir uns an, denn wir wissen, was es bedeutet. Ich springe auf und laufe auf und ab.
»Das heißt, er wusste es bereits, als er dir den Brief in Warnemünde schrieb. Einen Tag vor seiner Abreise? Yanick weiß seit über einem Jahr, dass er Vater wird? Beziehungsweise ist?«
Ich nicke fassungslos, setze mich hin und falte die Hände auf dem Tisch. In Gedanken gehe ich alle Möglichkeiten durch, wie er in Warnemünde davon erfahren haben könnte.
Dann erinnere ich mich und sehe Uta an: »Er weiß es. Er erwähnte in der S-Bahn, dass Kai ihm das, was er mir bei dem Channeling sagte, auch erzählt hatte. Ein Junge. Dann. Später ein Mädchen. Ich habe das immer als Schwachsinn abgetan, weil ich ja dachte, dass Kai und Lisa gezielt gegen Ninette arbeiteten.«
Ich stehe auf und nehme das Bild von Joris vom Kühlschrank ab und setze mich wieder. »Das hat mir ein kleiner Junge im Zug nach Warnemünde gemalt.«
Ich falte das Bild auseinander und drehe es zu Uta, die es jetzt das erste Mal als Ganzes betrachtet. Ihre Augen ruhen auf mir und suchen in meinem Gesicht eine Erklärung.
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