16.07.2012
Der Tag ist sonnig. Der Himmel ist blau, wolkenlos und kaum ein Lüftchen weht durch die Blätter an den Bäumen. Ein perfekter Tag für ein Geschenk.
Es ist Montag. Der erste Tag der Woche und dem Mond gewidmet – dem Wandel. Und der ist auch in mir vollzogen.
Die S-Bahn fährt in den Bahnhof ein und ich steige mit Yan aus. Wir sind in Berlin-Friedrichshagen angekommen. Ich trage Yan im Tragetuch. Er ist eingeschlafen und lehnt mit seinem Kopf auf meinem Brustbein.
Auf dem Bahnsteig herrscht Hektik. Ich bin extra hinten eingestiegen, damit ich dem Gedrängel entgehe. Langsam gehe ich zu den unzähligen Stufen der S-Bahn-Haltestelle. Die Eiligen sind sicher schon in den Anbindebussen und Tramlinien eingestiegen. Ich habe Zeit und gönne sie mir.
Die vielen Treppen steige ich hinab und komme auf der Bölschestraße, der Flaniermeile, an. Es sind haufenweise Menschen unterwegs und es ist laut. Nicht so laut wie sonst in Berlin, aber an der S-Bahn Haltestelle ist immer viel Trubel.
Vor der Sonne geschützt, spaziere ich mit Yan im erfrischenden Schatten die Straße entlang. Er ist munter geworden und sieht sich um. Ich bleibe stehen und rede kurz mit ihm.
Hier in Friedrichshagen herrscht eine sehr ruhige Atmosphäre. Der Ort wurde vom Preußenkönig angelegt. Er diente der Seidenraupenzucht, die jedoch erfolglos war. Das einstige Dörfchen ist jetzt ein gediegener Vorort von Berlin.
Die mittelhohen Häuser stammen vornehmlich aus dem vorletzten Jahrhundert. Sie sind meist liebevoll restauriert. Hier wirkt alles wie in einer eigenen Stadt und ich weiß, dass sich die Friedrichshagener auch so fühlen. Hier ist Berlin, obwohl Berlin fern ist.
Vor einem dieser restaurierten Häuser bleibe ich stehen. Die Fenster sind breit und bodentief. Über der Tür steht in unaufdringlicher Schrift: »BeiKai«.
Kai hat Sinn für Humor und ich muss lächeln. Es ist Montag und da sind die Restaurants meist geschlossen. Wenn ich Kai hier nicht erreiche, gehe ich zum Hausboot. Durch ihn würde ich Yanick ausfindig machen können. Mein Herz klopft und ich drücke Yan an mich.
»So, da sind wir. Bitte lass ihn nicht im Urlaub sein oder wer weiß, wo auf der Welt, sondern hier in Berlin«, bete ich leise mit den Lippen an Yans Kopf. Lichter sind hinter den Fenstern zu sehen. Yan quietscht und dreht aufgeregt seinen Kopf. Sicher spürt er meine Aufregung. Also los!
»Wir sind bei einem Freund von Papa. Du wirst ihn mögen. Er kann uns helfen.«
Einmal tief durchatmen und ich prüfe, ob die Tür zu öffnen geht. Geht sie und ich trete ein. Dezente Musik ist zu hören, aber Gäste sind keine zu sehen. Das Restaurant ist sehr elegant eingerichtet. Die Farben sind gedeckt und warm. Ganz Kai.
Ich sehe einen Mann auf mich zuschreiten und warte, bis er bei mir angekommen ist. Es ist der Oberkellner. Höflich aber unaufdringlich mustert er mich. Seine Augen gleiten an mir hinunter. Als er vor mir steht, fragt er: »Kann ich Ihnen behilflich sein?«
Er wirkt für seinen Rang überhaupt nicht arrogant und sieht mich nicht abwertend an, obwohl ich nicht im Edelfummel vor ihm stehe.
Da fällt es mir leicht, ihn ebenso freundlich anzulächeln. »Sehr gerne sogar. Ich bin auf der Suche nach Kai. Ist er heute hier greifbar?«
»Sie sind Ella?«
Ich nicke und wundere mich nicht, dass ich erwartet werde. Kai wäre zu schade für den Jahrmarkt.
»Bitte folgen Sie mir! Er hat Sie mir angekündigt und mich gebeten Sie zu ihm zu führen. Hier entlang.« Er dreht sich um und schreitet einen Gang zwischen den Tischreihen lang. Ich folge ihm, bis er vor einer Doppeltür stehen bleibt. Dahinter höre ich leises Gemurmel.
»Hinter dieser Tür werden Sie ihn finden«, sagt der Restaurantleiter, verneigt sich leicht zum Abschied und eilt davon.
»Vielen Dank!«, antworte ich leise und sehe ihm nach. Er entfernt sich zwischen den Stuhlreihen.
»Wie Jo damals sagte: Nobelrestaurant. Mama ist ganz aufgeregt«, flüstere ich und öffne das Tragetuch. Yan sieht sich neugierig um und hält sein Tuch fest in seiner Faust. Sein Mund steht offen. Er ist sehr an der ungewohnten Umgebung interessiert. Die Tür hinter mir öffnet sich und ich drehe mich um.
Es ist Yanicks Vater. Er sieht zu mir. Sein Gesicht erhellt sich und er tritt auf uns zu.
»Ella!«
Ich nicke.
»Bist du gekommen, um mich wieder einmal um die Öffnung einer Tür zu bitten?«, lächelt er mich an und senkt seinen Kopf dabei leicht. Ich muss leise lachen. Er ist witzig.
»Oh ja. Einmal muss ich Sie leider noch darum bitten. Allerdings bitte ich dieses Mal um Einlass.«
Er kommt näher und führt mich um eine Ecke.
»Ich freue mich, dich wieder zu sehen. Mit wiedererlangter Stimme und Enkel.« Er sieht Yan an, der ihn aufmerksam mustert und berührt ihn vorsichtig.
»Möchten Sie ihn nehmen?«
Er sieht mich an und raunt mir zu: »Nenn mich bitte Fabian, Ella. Und ja. Ich möchte ihn nehmen.«
Er hält die Hände ausgestreckt und ich setze Yan bequem hinein. Stolz wie Oskar besieht er sich seinen Enkel von Nahem.
»Ich habe deine Grüße in Warnemünde erhalten und mich wirklich sehr gefreut«, sage ich.
»Dann hoffe ich, dass ich dir Grüße ab heute nur noch persönlich ausrichten brauche«, sagt er erleichtert. Er führt seine Hand zu meiner Wange und belässt sie dort.
»Ich gehe von nichts anderem aus, Fabian. Ich habe gehört, dass du im Kindergarten warst und geholfen hast. Ich habe mich sehr gefreut, dass du die vergessenen Kinder nicht vergessen hast. Danke.«
»Gerne. Ihr leistet einen wichtigen Beitrag und ich wünschte, ich könnte noch mehr tun. Ach, da fällt mir ein, dass Yanick mich in Kenntnis gesetzt hat, dass er lediglich an seinem Pflichtteil interessiert ist. Den soll ich so klein wie möglich halten. Hast du etwas damit zu tun, Ella?« Fabian sieht mich eindringlich an. Ein spitzbübisches Lächeln steht auf seinem Gesicht.
»Wenn, dann indirekt«, antworte ich. »Aber letztlich ist es Yanicks Angelegenheit. Vielleicht beruhigt es dich, dass dein Enkel noch nicht hungern musste. Er wird es auch in Zukunft nicht. Du hast mir erzählt, dass du dir alles erarbeitet hast. Yanick wird das auch können, wenn er will.«
Seine Augenbrauen fahren hoch und er sieht mich erstaunt an. »Hat Yanick dir nicht erzählt, dass er das schon hat? Nein? Nun, das überrascht mich nicht. Er ist so bescheiden. Aber letztlich ist das seine Angelegenheit. Ich weiß, dass mein Enkel nicht hungern wird, Ella. Aber verwöhnen darf ich ihn doch, oder?«, fragt er und sieht vorsichtig zu mir. Ich lache und umschließe beide.
»Mit Liebe immer!«, antworte ich.
Er gibt mir einen Kuss auf die Wange. Nach all dem, was ich seinem Sohn angetan habe, begrüßt er uns überaus freundlich und warm.
Yan beginnt unruhig zu zappeln.
Fabian regt sich und flüstert. »Hallo Yan! Magst du mal deine Oma kennenlernen? Mama und Papa können sich dann in Ruhe unterhalten.«
»Er ist hier?«, frage ich hastig und wische mir nervös meine Hände ab. Sie sind schlagartig feucht geworden.
»Keine Angst Ella. Wer springt, um von einem Partyboot mitgenommen zu werden, muss sich nicht davor fürchten, was sich hinter dieser Tür befindet.«
Fabian dreht sich zum Gehen um, bleibt aber noch einmal stehen, um zu mir zu sehen.
»Ich muss schon sagen. Du siehst umwerfend aus. Ich fand dich in deinem Bikini und mit offenen Haaren auch nicht übel«, sagt er breit grinsend und kommt noch einmal zurück. »Ich freue mich wirklich, dich wieder zu sehen. Jetzt komm! Ich mach dir die Tür auf.«
»Danke«, flüstere ich leise.
»Bereit?«
»Ja«, hauche ich. Mein Herz klopft wie wild in meiner Brust und ist doch zeitgleich die Ruhe in Person. Fabian öffnet die Doppeltür. Ich sehe einen großen Saal vor mir, der in seinen roten Wänden eine Wärme ausstrahlt, die mich überflutet und schwer atmen lässt. Leises Gläserklirren, Gemurmel und Lachen von vielen Menschen dringt an mein Ohr. Fabian steht an einer Tür gelehnt und sieht mich an, doch ich bin zu sehr mit meinen Sinnen beschäftigt, um davon Notiz zu nehmen.
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