"Alles Gute auch für euch. Der Herr sei mit euch und bewahre euch vor allem Bösen."
Francis Gegenüber lacht dreckig. "Vielleicht sollte er sich erst mal an was Leichterem versuchen." Mit einem "nichts für ungut", saß er auf. Dann verschwand die wilde Truppe gen Westen.
"Hast du das gehört Bruder Jakob? Hier bietet sich vielleicht die erhoffte Chance freien Eintritt in New Luton zu finden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass beim Ableben eines Würdenträgers verschiedene Glaubensgemeinschaften versuchen das frei werdende Feld zu bestellen."
"Das Beste wäre, es würde nur einen Bewerber geben."
"Was hast du schon wieder für hässliche Gedanken. Aber auch ich könnte daran durchaus Gefallen finden."
An diesem Abend erreichten die beiden Mönche eine Farm und baten, ermuntert durch die auf dem Weg geprüfte Tarnung, um Nachtlager.
"Wenn ihr euch mit dem Stall begnügt, habe ich nichts dagegen." Der Herr des Hofes führte sie zu einem aus groben Brettern gezimmerten Gebäude. Auf dem Weg brummte er, "es wird meine Seele nicht retten, aber schaden wird es auch nicht."
Knarrend öffnete sich die Stalltür.
"Ihr findet Futter für die Pferde. Für euch bereitet meine Frau etwas. Ihr könnt mir ja noch bei den Schafen helfen. Sie müssen über Nacht auf den Hof. Es treiben sich schon wieder Viehdiebe in der Gegend herum."
Der Bauer war ein stämmiger Mann mit leichtem Bauchansatz und Knollennase. Die Verkleidung seiner Gäste schien ein weiteres Mal zu funktionieren.
"Wir wollen nichts geschenkt haben und helfen dir daher gern auf dem Hof."
"Dann reitet gen Westen. Dort sind unsere Schafe eingepfercht. Ihr findet sie rasch. Es gibt weit und breit keine andere Herde. Wenn ihr das Tor öffnet, laufen die Tiere von allein auf den Hof. Ihr müsst nur ein wenig auf sie achten."
Es kam wie er sagte. Problemlos gingen die Schafe zum Hof. Nach einer Stunde hatten Weißer Schatten und Francis oder besser Jacob und Ismail die gestellte Aufgabe erledigt.
"Ich dachte immer, ihr Heiligen seid faule Schweine, aber es gibt wohl Ausnahmen."
Die Frau des Hofes stützte empört die Hände in ihre Flanken. "Nehmt es einem alten Mann nicht übel, wenn er so gotteslästerlich spricht. Das Leben hat es nicht immer gut mit ihm gemeint."
Der Bauer zog ein säuerliches Gesicht. "Zum Glück habe ich ja dich, Weib. Du redest für mich und biegst alles gerade. Vor allem aber kannst du hervorragend kochen."
Sein Blick wurde überaus milde und man sah, wie ihm das Wasser im Munde zusammenlief.
"So viel können unsere Gäste gar nicht arbeiten, um dich für diese Kunst zu bezahlen. So werden sie hoffentlich ihren Segen auf diesem Haus ruhen lassen und uns in Zukunft vor allem Bösen bewahren."
Das Mahl verlief weitgehend schweigend, und die ehrwürdigen Brüder zogen sich zeitig in den Stall zurück. Am nächsten Morgen stärkten sie sich nochmals beim gemeinsamen Frühstück mit den Farmersleuten. Mochte das Leben auch nicht immer gnädig mit ihnen umgesprungen sein, sie hatten sich in der rauen Schale einen anständigen Kern erhalten und die alten Regeln der Gastfreundschaft nicht ganz vergessen.
Auf dem weiteren Weg kam es noch zu verschiedenen Begegnungen. Die Geschichte der beiden Mönche wurde nie angezweifelt. Weißer Schatten blieb in allem was sie tat sehr zurückhaltend. Wenn sie mit Fremden sprach, dann mit betont tiefer Stimme. Nie nahm sie die Kapuze ab. So war ihr Gesicht stets nur angedeutet zu sehen. Dennoch, die weichen weiblichen Züge des Bruder Jakob wirkten vor allem auf Frauen interessant. So ein schöner Jüngling, zu schade, dass er den weltlichen Freuden entsagte, dachte nicht nur eine. Die Mönche wurden manchmal mürrisch, öfter jedoch zuvorkommend und niemals aggressiv behandelt. So konnten sie schließlich sicher sein eine adäquate Tarnung gewählt zu haben. Schließlich waren sie nur noch zwei Tagesritte von ihrem Ziel entfernt, als sie in einem Gasthof um Unterkunft nachfragten.
"Ich kann euch nur ein gemeinsames Zimmer bieten, aber das dürfte wohl für zwei Diener Gottes kein Problem darstellen. Ein Kollege", der Wirt grinste breit, offensichtlich war sein Glaube wenig gefestigt, "von euch hat bereits Quartier bezogen. Es wird euch sicher freuen ihn zu treffen. Schaut doch einfach an die Bar, inzwischen bereiten wir eure Unterkunft."
Ein Priester in der Bar, das kam Francis doch komisch vor. So musste er alsbald seine Neugier stillen, während Bruder Jakob die Pferde versorgte.
Die Bar war gut gefüllt. Erstaunte Blicke ruhten auf Francis, noch ein Mann Gottes in einem solchen Etablissement, das war schon ungewöhnlich.
"Alkohol und Klosterbrüder, das gehörte schon immer zusammen", rief einer der Gäste und schlug dem neben ihm sitzenden schwarz gekleideten Mann auf die Schulter. "Nicht wahr Herr Pfarrer."
Der so Angesprochene hatte offenbar schon eine schwere Zunge. "Nur ein kleines Schlückchen", gurgelte er.
Francis wusste sofort, dort saß der sogenannte Kollege. Er hatte offensichtlich genug Alkohol in Blut und Hirn, um für jede Hilfe dankbar zu sein.
"Lieber Bruder, sicher hattest du einen schweren Tag und bedarfst jetzt der Ruhe. Lass mich dich auf dein Zimmer bringen. Für morgen soll ja auch noch etwas übrig bleiben."
"Morgen kann uns alle der Teufel holen."
Von den anderen unbemerkt stieß Francis ihm heftig den Ellbogen in den Magen. "Du solltest auf dein Wort achten lieber Bruder, aber du siehst jetzt wohl auch, dass es heute reicht."
Verwundert schaut der als "Herr Pfarrer" Angesprochene auf Francis, ließ sich aber doch zum Gehen bewegen. Offenbar hatte der Stoß sein Denkvermögen wieder angeregt. So schleppte er sich mit Francis tatkräftiger Unterstützung in sein Zimmer.
"Du darfst mich nicht so behandeln. Ich bin der neue Seelsorger für New Luton. Schau, da steht es geschrieben."
Der betrunkene Priester holte ein verknülltes Stück Papier aus seiner Tasche. Darauf standen ein guter Gruß des Bischoffs und die Mitteilung, dass der ehrenwerte Joseph M. Smith zum neuen Seelsorger der Gemeinde von New Luton und geistigen Führer des Indianerinternats bestellt sei.
"Lieber Bruder, hast du dir wirklich überlegt, auf welches Abenteuer du dich einlässt? Hast du schon mal in solch einer Wildnis gelebt? Hast du Erfahrung im Umgang mit Indianern, die dir jeden Moment nach dem Leben trachten können?"
"Mir bleibt keine andere Wahl. Ich stehe leider geistigen Getränken sehr nahe, und so musste ich meine Schäfchen verlassen. Hier kennt mich niemand. Ich will ein neues Leben beginnen. Ich wurde nicht wirklich für den Rock des Pfaffen geboren, aber so war ich wenigstens versorgt. Hätte ich eine kleine Summe verfügbar, würde ich lieber Schafe züchten und eine Familie gründen."
Er wirkte plötzlich erstaunlich nüchtern.
"Ich wusste jedoch nicht, dass New Luton ein solch trostloser Ort in der Wildnis ist, und mit Indianern hatte ich noch nie zu tun. Wie soll ich nur aus dieser Situation herauskommen?"
"Lieber Bruder Joseph, es war offensichtlich der Wille des Herrn, dass wir uns treffen. Er schickt mich wohl dich vor einem großen Unglück zu bewahren. Vor zwei Jahren wählte mich mein Kloster aus den Heiden das Evangelium zu verkünden. Zusammen mit drei Brüdern zogen wir von Mexiko kommend nach Norden. Leider erkrankten wir auf der Reise schwer und mussten uns lange Zeit pflegen lassen. Zwei Brüder starben, wir anderen beiden kamen aber so eben mit dem Leben davon."
Der Franziskaner Ismail half dem Baptisten Joseph die Kleidung abzulegen. Nur in Unterwäsche ließ dieser sich auf sein Bett fallen. Ismail setzte sich neben ihn. "Wir wollen nun nach New Luton ziehen unser Gelübde zu erfüllen. Wir könnten dich entlasten, indem du dich auf die Schafe in der Gemeinde konzentrierst und wir uns mit den Indianern befassen. Wir haben aus Mexiko große Erfahrungen auf diesem Gebiet. Solltest du unserem Orden die Möglichkeit geben in deinem zukünftigen Betätigungsfeld den Heiden das Evangelium zu predigen, so würde dir natürlich auch die großzügig bemessene Spende zustehen, die unser Kloster für die zu betreuende Region gesammelt hat."
Читать дальше