"Am Whapiti Felsen."
Weiße Feder erkannte nicht die List ihres Onkels.
"Und habt ihr genug Holz gesammelt?"
"Nein."
"Worauf wartet ihr dann noch. Auf zum Whapiti Felsen. Und kommt mir nicht ohne ausreichend Holz zurück."
Die Kinder frohlockten. Lauter Donner war doch ihr gütiger Onkel. Er wusste sicher von ihren Fluchtplänen. In seinen Anweisungen sahen sie eine Bestätigung ihres Vorhabens. Hoffentlich konnten sie Blauer Vogel noch einholen.
Schlaftrunken kamen die Soldaten aus dem Zelt. Lauter Donner gebot ihnen zu schweigen.
"Ihr hattet recht mit den Kindern. Sie sind geflohen. Sie wurden zuletzt am Whapiti-Felsen gesehen. Ich zeige euch die Stelle."
Die Soldaten waren hellwach. Hatte man sie betrogen? Sie mussten die Gören finden, sonst würde ihnen der Colonel die Hölle heiß machen.
"Man sieht noch ihre Spuren." Lauter Donner deutet auf den Boden.
"Da sind auch Abdrücke von Pferdehufen. Trotz Dunkelheit müssen wir ihnen nach. Ich danke dir für deine Kooperation."
Lauter Donner entfernte sich schnell und ohne bemerkt zu werden. Er opferte ein Stück seiner Seele, um sein Volk zu retten. Schwer wog die Last der Verantwortung auf seinen Schultern.
"Wo ist nur Blauer Vogel?"
Weiße Feder war den Tränen nah. Ihre Beine wollten sie kaum mehr tragen.
"Sie ist wohl geritten. Da holen wir sie nie ein."
Auch Kleiner Wolf spürte Verzweiflung in sich aufsteigen.
"Ich kann nicht mehr. Lass uns den Großen Geist anrufen, damit er Blauer Vogel zurückschickt, oder Vater."
"Meinst du Francis? Wie soll ein Weißer den Großen Geist hören." Kleiner Wolf spuckte auf den Boden. Sie waren einfach davongelaufen. Zurück konnten sie nicht. Er hatte auch nur eine vage Vorstellung, wo die Shadow Lands lagen. "Lass uns hier ein Versteck suchen. Wir schlafen etwas und gehen morgen weiter. Wir finden die Shadow Lands." Er sprach mit solcher Überzeugung, dass seine Schwester keinerlei Zweifel an seinen Worten hegte. Ihr großer Bruder würde den Weg finden. Und ihr Vater? Natürlich kann er den Großen Geist hören. Bald werden sie wieder zusammen sein. In einem Gebüsch gut verborgen schliefen sie, wie junge Hunde aneinandergekuschelt.
"Die Spur der Pferde läuft weiter, aber die Fußabdrücke gehen nach rechts." Der Soldat war ein ausgezeichneter Fährtenleser. Nicht umsonst hatten ihn seine Kameraden vorausgeschickt. Während einer von ihnen bei den Pferden blieb, folgten die drei anderen den Fußspuren.
"Da sind sie."
Der Kampf war von kurzer Dauer, die körperliche Überlegenheit der Soldaten einfach zu groß. Bald fixierten feste Stricke die Arme der Kinder auf deren Rücken. Verzweifelt stolperten sie, von den Soldaten angetrieben, aus dem Gebüsch.
"Sam und Jim, ihr nehmt je eines der Kinder vor euch aufs Pferd. Wen sie davonlaufen, seid ihr verantwortlich." Dann baute sich der Soldat vor seinen kleinen Gefangenen auf. "Hey ihr beiden, versteht ihr mich?"
Kleiner Wolf nickte.
"Wenn ihr versucht zu fliehen, müssen wir euch erschießen. Sag das auch deiner Schwester."
"Wir sollten sie einfach an die Pferde binden."
"Sam, das sind doch Kinder und wir sind Soldaten. Hast du kein Ehrgefühl?"
Doch auch den anderen Soldaten war Sicherheit wichtiger als Ehre. So fanden sich Kleiner Wolf und Weiße Feder ein zweites Mal in ihrem Leben auf ein Pferd gebunden. Gäbe es je eine Gelegenheit, sie würden diese Weißen umbringen. Kochend vor Wut aber letztlich hilflos ritten sie ohne Chance zu entkommen in die Nacht.
"Eine Frau mit 3 Pferden nähert sich unserem Dorf."
Schneller Hase hatte seinen Beobachtungsposten verlassen, um Meldung zu machen.
"Wir scheinen in letzter Zeit vermehrt Besuch zu bekommen. Was hast du genau gesehen?"
Weißer Schatten trat auf den Platz vor ihrem Zelt.
"Sie sieht aus wie eine Indianerin. Sie reitet ein schönes braunes Pferd und führt ein braunes Pony mit weißen Flecken und einen Schimmel mit sich."
Die Tiere kenne ich, aber dazu gehörten zwei Kinder. Weißer Schattens Neugier war geweckt. "Lass uns nachsehen. Wie lange brauchen sie bis zu den Shadow Lands?"
"In 20 Minuten sind sie da, wenn sie nicht plötzlich schneller wurden. Kleiner Falke beobachtet sie. Er kann uns berichten."
"Dann lass uns gleich aufbrechen. Wir wollen sehen, was wir heute für eine Überraschung erleben, auch wenn es keine gute sein sollte."
Mit raschem Schritt gingen Weißer Schatten und Schneller Hase Richtung Norden. Bald erreichten sie den Beobachtungsposten.
"Sie ist nicht viel näher gekommen. Sieht aus, als will sie rasten."
Weißer Schatten sah angespannt in die Tiefe. Die junge Frau war ihr bekannt. Aber kann das sein? Wie sollte Blauer Vogel hierher kommen? Sie hat doch niemals freiwillig die Reservation verlassen. Aber sie muss es sein. Wer sollte sonst Husky und Große Wolke hierher bringen? Und das Pony ist Tauender Schnee, das stand außer Frage. Aber Vorsicht blieb geboten. Es konnte sich um eine Falle handeln. Die Grauen Wölfe waren nicht nur den Weißen ein Dorn im Auge.
"Ich muss hinunter. Sollte es sich um eine Falle handeln, warnt die anderen und flieht in die Höhlen. Kümmert euch dann nicht um mich." Langsam schob sich Weißer Schatten von der Felsenkante zurück, erst dann erhob sie sich und schlich geschmeidig wie eine Katze gen Tal. Ihre beiden Begleiter hatten den Eindringling stets im Blick.
Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis Weißer Schatten am Grund der Schlucht auftauchte. Die Fremde schien das nicht zu bemerken. Schneller Hase gab ein Handzeichen. Keine Gefahr, bedeutete es. Mit wenigen Sätzen erreichte Weißer Schatten ihr Opfer und warf es zu Boden. "Blauer Vogel?"
"Weißer Schatten?"
"Meine Schwester!"
"Wie froh ich bin, dich gefunden zu haben. Ich ritt den ganzen Weg ohne Pause."
"Kommst du allein? Bist du sicher, dass dir niemand gefolgt ist?"
"Ich habe niemanden bemerkt. Lauter Donner war viel zu sehr mit sich beschäftigt. Er wird mich nicht so schnell vermissen und wer soll sonst schon nach mir suchen?"
"Wir müssen dennoch sicher gehen, nicht gesehen zu werden. Hier ist kein guter Platz zum rasten. Hinter dem Felsvorsprung findet sich eine Höhle, groß genug für drei Pferde. Und zwei dicke Frauen passen auch noch hinein. Von dort aus haben wir einen guten Überblick. Wenn die Luft rein ist, nehme ich dich morgen mit ins Dorf."
Weißer Schatten gab ihren beiden Begleitern Signale. Alles in Ordnung sagten die Handzeichen. Blauer Vogel wollte gleich weitersprechen, aber Weiße Feder legte ihr die Hand auf den Mund. "Lass uns erst in Sicherheit sein. Ich ahne schon, was du mir zu sagen hast."
Wortlos folgte Blauer Vogel ihrer Halbschwester. Erst jetzt, wo sie zur Ruhe kam, ergriff die Angst Besitz von ihr. Die bisherigen Ereignisse hatten sie mehr instinktiv denn rational handeln lassen. Jetzt aber durchströmten Schauer ihren Körper. Dennoch zwang sie sich den Schritt der Schwester zu halten. Der Weg zu Rosenbergs Hole kam ihr endlos vor. Als sie schließlich in der Höhle ankamen, fühlte sie sich geborgener aber nicht sicher. In so einem Labyrinth wohnten bestimmt Geister. Na gut, Weißer Schatten war eine große Zauberin. Aber würde sie ausreichenden Schutz bieten können? Blauer Vogel schwankte zwischen Hoffen und Bangen.
"Du zitterst ja am ganzen Körper. Hier sind wir in Sicherheit. Beruhige dich erst einmal, dann kannst du erzählen."
Blauer Vogel atmete mehrfach langsam und tief. Sie fühlte die Kraft des Geistes der Höhle. Er nahm von ihr Besitz und stärkte sie. Hab keine Angst kleines Kind, schien er zu sagen. Ich kenne deine Geschichte. Du hast großen Mut gezeigt. Deine Mutter wäre sehr stolz auf dich.
Читать дальше