Frans Diether - Indianerkinder

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Im Nordamerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts scheint das Indianerproblem gelöst. Die Rothäute, wie man sie abschätzig nennt, vegetieren in Reservaten, haben ihre Kultur fast vergessen und werden bald ganz verschwinden. Ein Mitglied der berüchtigten Arrow Boys trägt dazu bei. Nach gelungenen Bankraub noch völlig übermütig, tötet er zwei Indianer, Mann und Frau, denen er zufällig begegnet. Jetzt muss er ihnen nur noch die beiden Kinder hinterherschicken, dann gibt es keine Zeugen. Doch ausgerechnet Francis, den die Bande einstmals vor Kerker und Zwangsarbeit bewahrte, verhindert dies. Ihrem Anführer bleibt keine Wahl. Francis muss bestraft werden. Dabei bedenkt er jedoch den Mut der Kinder nicht. Er wird es bereuen.

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"Hier gibt es keine Inspektionen. Dies ist Diné-Land. Aber wenn sie in friedlicher Absicht kommen, sollen sie uns willkommen sein."

Lauter Donner ging zurück in sein Hogan. Er wollte seinen Federschmuck anlegen und die Weißen in aller Form empfangen. Die Last der Verantwortung lag schwer auf seinen Schultern. Seit die Diné aus Fort Sumner zurückkehrten, gab es immer wieder Konflikte. Lauter Donner wusste, dass sein Volk die weißen Eindringlinge nicht besiegen konnte. Er hoffte daher, in Frieden mit ihnen leben zu können, auch wenn sein Volk sich von einem Teil des angestammten Siedlungsraums hatte trennen müssen.

"Ich grüße dich großer Häuptling Lauter Donner und überbringe dir gute Wünsche meines Kommandanten Colonel Jackson", sagte der Anführer der Gruppe, ein Sergeant.

Lauter Donner zeigte den Soldaten mit einer Handbewegung an Platz zu nehmen. Er setzte sich ihnen gegenüber.

"Du weißt, dass Colonel Jackson ein großer Freund der Indianer ist und nichts mehr erhofft als in Frieden mit euch zu leben. Leider habt ihr gegen die Regeln des guten Zusammenlebens verstoßen. In euren Herden finden sich Pferde, die Weißen gehören und beim Überfall auf Amarill kamen Pfeile zum Einsatz, wie sie dein Volk herstellt."

"Was sagen schon Pfeile?" Lauter Donner sprach in fast akzentfreiem Englisch. "Aber wenn es euch beruhigt, so können wir gemeinsam die Pferde ansehen. Sollten sich Tiere mit einem fremden Zeichen finden, so werde ich die Diebe eigenhändig bestrafen."

"Colonel Jackson möchte keine Gewalt. Soweit wir wissen, waren die beiden Kinder beteiligt, die wir vor einigen Wochen zurückbrachten. Vermutlich standen sie unter dem schlechten Einfluss des Verbrechers, den wir verbannt haben. Es wäre daher ein gutes Zeichen, die Kinder in ein Internat zu geben, wo sie die Regeln des zivilisierten Lebens erlernen können. Sie hätten es dort gut. Es würde kein Blut vergossen und deinen Stammesbrüdern wäre es eine Lehre."

"Ich weiß, wie gut man es in einem Internat hat. Viele meiner Brüder und Schwestern würden den Tod einer solchen Schmach vorziehen. Und es sind die Kinder meines getöteten Bruders."

"War es nicht dein Bruder, der eine Ute zur Frau nahm und damit die Diné", der Sergeant nutzte bewusst den Namen, mit dem sich die Indianer selbst bezeichneten, "beleidigte?"

Das hatte gesessen. Die Kinder seines Bruders gehörten nicht wirklich zum Stamm. "Du verlangst ein großes Opfer, aber ich will es bringen. Ich muss den Frieden zwischen unseren Völkern bewahren. Daher sage ich, sollte es euch gelingen, an den Pferden von Kleiner Wolf oder Weiße Feder ein fremdes Brandzeichen zu finden, werde ich euch die Kinder übergeben. Colonel Jackson muss jedoch persönlich für ihre Sicherheit bürgen."

"Du kannst ihm vertrauen." Der Sergeant lachte in sich hinein. "Wann können wir mit der Inspektion beginnen?"

"Wir brauchen einen Tag die Pferde zusammenzutreiben. Seid bis dahin meine Gäste."

Lauter Donner persönlich brachte die vier Soldaten zu einer besonders schön hergerichteten Hütte. Er wies zwei junge Frauen an, die Gäste mit aller Hochachtung zu behandeln.

"So lässt es sich leben. Die Roten sind einfach zum Dienen geboren." Einer der Soldaten sprach mit vollem Mund. Fett tropfte auf seine Uniform.

"Ich finde, dafür haben wir genug Nigger. Indianer sind gut, wenn sie tot sind." Sein Kamerad schlug sich vor Lachen auf die Schenkel.

"Der weiße Häuptling behauptet, wir hätten Pferde gestohlen. Ich weiß, dass es nicht so ist. Sollte sich das Gegenteil herausstellen, werden die Verantwortlichen bestraft. Treibt die Pferde zusammen, morgen wird die Inspektion stattfinden." Lauter Donner wusste, seine Männer würden verstehen und man würde morgen keine Pferde mit fremden Brandzeichen finden. "Und jetzt bringt Kleiner Wolf und Weiße Feder zu mir."

Der Häuptling fand es von Anfang an wenig angenehm die Kinder aufnehmen zu müssen. Sicher, sie gehörten zur Familie, doch ihre Mutter war eine Ute. Außerdem lebten sie einige Zeit mit einem weißen Mann zusammen. Kleiner Wolf hatte Lauter Donners ausgestoßene Halbschwester Weißer Schatten getroffen und seine Haare geschnitten, gleichbedeutend mit dem Verlust seiner Seele. Weiße Feder erzählte ständig von den Heldentaten ihres neuen Vaters, dass er zurückkommen würde sie zu holen. So kam es Lauter Donner durchaus gelegen die Kinder in ein Internat der Weißen zu geben. Er wusste, dort würde man ihren Willen brechen. Nur wenige konnten sich anschließend wieder in der Gemeinschaft ihres Stammes zurechtfinden. Er selbst hatte es erlebt und war nur durch Zufall entkommen, nachdem er Sprache und Sitten der Weißen erlernen konnte, aber bevor sie seinen freien Geist verbogen, damals in Fort Sumner. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Heute war die Umerziehung straff organisiert. Die beiden Kinder würden zu roten Weißen werden und nicht in sein Volk zurückkehren. Der Makel, den sein Bruders über sie brachte, wäre getilgt.

"Wir müssen fliehen, jetzt gleich." Blauer Vogel zog die beiden Kinder eng an sich. " Weiße Männer sind im Lager und sie wollen euch holen. Es geht um eure Pferde, sie tragen Brandzeichen der Weißen."

"Dann müssen wir schnell aufbrechen." Kleiner Wolf erhob sich und suchte ein paar für die Flucht wichtige Dinge zusammen.

"Wohin gehen wir?"

"In die Shadow Lands."

Weiße Feder zuckte zusammen. "Dort gibt es Geister."

"Ja, aber es sind gute Geister und sicher findet ihr dort auch die Geister eurer Eltern."

"Und von Francis?" , fragt Weiße Feder.

"Ja, auch den von Francis."

"Dann wollen wir aufbrechen. Wir nehmen auch Husky mit, damit er wieder bei Francis sein kann."

"Wir müssen vorsichtig sein, damit uns keiner entdeckt. Ich hole die Pferde und ihr kommt an den Whapiti Felsen, dort treffen wir uns. Sollte euch jemand ansprechen, so sagt, ihr geht noch Holz für die Nacht sammeln. Und verbergt eure Ausrüstung unter der Kleidung."

Jeder stopfte sich etwas Trockenfleisch und einen leeren Wasserschlauch unter die Kleidung, dann liefen sie davon, die Kinder direkt zum Felsen, Blauer Vogel einen Bogen beschreibend zur Weide.

"Was tut ihr hier?"

"Wir sammeln Holz für die Nacht."

"Das fällt euch aber spät ein, kommt mal her. Was habt ihr denn da unter eurer Kleidung? Ich bringe euch besser zu Lauter Donner, da stimmt doch etwas nicht."

"Nein, nein, es ist alles in Ordnung. Lass uns bitte gehen." Weiße Feder wand sich, aber sie konnte dem starken Griff des jungen Jägers nicht entkommen. Unter Schreien zog und schob er sie zum Hogan ihres Onkels. Kleiner Wolf blieb nichts anderes übrig als zu folgen. Er konnte seine Schwester doch jetzt nicht im Stich lassen. Lautlos verschwand eine junge Frau in Männerkleidung hinter dem Whapiti Felsen. Sie führte drei Pferde mit sich. Hier konnte sie nicht mehr helfen. Sie musste allein in die Shadow Lands aufbrechen. Nur von dort war noch Hilfe zu erwarten.

"Wohin wolltet ihr?" Lauter Donner sah die Kinder seines Bruders streng an.

"Holz sammeln für die Nacht."

"Mit Proviant eine ganze Woche?"

"Tauender Schnee ist weg." Ein junger Diné stand vor der Hütte des Häuptlings.

Lauter Donner wusste, dass das Pferd seiner Nichte ein weißes Brandzeichen trug.

"Die Kinder brachten noch zwei andere Pferde mit. Auch die sollen verschwinden, falls das nicht schon geschah."

Der junge Indianer verstand seinen Häuptling. Es durfte keine Pferde mit Brandzeichen der Weißen im Reservat geben. Doch Lauter Donner dachte weiter. Sie wollten die Kinder. Die Pferde waren nur ein Vorwand. Ich muss ihnen die Kinder bringen, dann wird Frieden bleiben. "Wo wolltet ihr denn nach Holz suchen?" , fragte der Häuptling seine ängstlich blickende Nichte.

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