Sonst war sie Francis sehr zugeneigt. Natürlich blieb dies ihrem Stamm nicht verborgen.
"Du warst schon immer auch eine Weiße. Jetzt ziehst du uns den weißen Mann auch noch vor. Oder ist er nur Ersatz für Deinen Hund? Er heißt ja auch so. Aber uns wäre es recht gewesen, du hättest den Hund behalten." Schneller Adler bangte um die Zukunft ihres Stammes. Sie waren nicht viele und lebten in ständiger Gefahr. Sie, die Ausgestoßenen, geschützt allein durch die Unzugänglichkeit der Shadow Lands. Sie lebten von und mit ihren Schafen, verübten aber auch den einen oder anderen Überfall auf weiße Siedler.
"Amadahy ist einer von uns. Er ist zwar weiß, aber er denkt rot. Bis vor kurzem hat er wie wir gelebt, als Gesetzloser und in steter Unsicherheit. Er kennt die Weißen und kann uns ihre Techniken lehren. Wir müssen die Shadow Lands ausbauen. Da kommt uns seine Erfahrung als Ingenieur gelegen. Vergiss auch nicht, dass er sein Leben für Kleiner Wolf und Weiße Feder riskierte."
Schneller Adler lächelte die Stammesführerin mitleidig an. "Du liebst ihn."
Weißer Schatten sah errötend zu Boden. "Ja."
Dann fasste sie sich jedoch, blickte dem ihr gegenüber stehenden Krieger tief in die Augen, so als wollte sie ergründen, weißt du mehr? Nach wenigen Sekunden senkte sie ihren Blick erneut. "Noch kenne ich seine Gefühle nicht ausreichend. Und er hängt noch zu sehr der Vergangenheit an."
Schneller Adler ließ nicht locker. Er wollte eine Entscheidung herbeiführen, hier und jetzt. "Wenn er schon bei uns bleibt, auch ich sehe darin Vorteile, dann soll er sich wenigstens völlig integrieren. Nimm ihn zum Mann und gib die Führung unseres Stammes ab."
"Ich habe daran auch schon gedacht. Gib uns noch etwas Zeit. Bis dahin lass ihn das sein, für was du ihn bisher hieltest, meinen Hund. Und sei sicher, ich liebe meinen Hund, auch wenn er im Körper eines Weißen wohnt. Damit du aber siehst, dass er keine besondere Behandlung genießt, erlaube ich dir ihn wie jeden anderen der Grauen Wölfe einzusetzen. Geht gemeinsam auf die Jagt. Nimm ihn mit Pferde zu stehlen."
"Ja, da hat er allerdings Erfahrung." Schneller Adler lachte.
"Lass mich bitte ausreden." Weißer Schatten stockte kurz. Sie wollte ihren Wolfsbruder nicht beleidigen. Doch ehe dieser aufbrausen konnte, fuhr sie mit ruhiger aber bestimmter Stimme fort. "Erkunde mit ihm die verborgenen Täler und lass dich beraten, wie wir sie erschließen können. Es wird die Zeit kommen, wo wir mit den Weißen leben oder untergehen. Wir wollen aber nicht untergehen. Und wenn wir schon mit den Weißen leben müssen, dann sollten wir sie an uns anpassen und nicht anders herum."
Ja, ich liebe ihn, dachte Weißer Schatten. Für ihn würde ich alles opfern.
2. Kapitel
"Hast du nicht geschworen, dass Francis und die Göhren in den ewigen Jagdgründen weilen? Mein alter Freund Colonel Jackson erzählt die Geschichte ganz anders. Die beiden Rothäute sind längst zu ihrem Stamm zurückgekehrt. Nur Francis hat das Zeitliche gesegnet und auch das ist nicht dein Verdienst. Ironie der Geschichte, er wurde bei einem Indianerüberfall getötet."
Sancho fiel in sich zusammen. Er hatte die Sache lange verdrängt. Jetzt holte sie ihn ein. Wie ein ängstlicher Junge stand er vor seinem Boss. "Aber."
"Nichts aber, du hast vielleicht geträumt, dass sie am Wasserfall starben, taten sie aber nicht. Du hast versagt und du weißt, wie ich mit Versagern umgehe."
"Gnade Boss, Gnade, gib mir noch eine Chance. Ich will dir das Gesindel herschaffen, selbst wenn ich sie direkt aus ihrem Wigwam holen muss."
"Vergiss es. Es genügt zwei Zeugen zu haben, die unsere Identität kennen. Ich lass es nicht darauf ankommen, dass Lauter Donner auf uns aufmerksam wird. Bisher ist unsere Tarnung noch in Ordnung. Ich werde Colonel Jackson bitten, die Bastarde in ein Umerziehungslager im Norden zu schicken. Es gab letztens erst wieder Probleme mit den Navajos. Eine kleine Strafaktion steht daher ohnehin an. Der Diebstahl unserer Pferde war nur eine der Schurkereien, die man den rothäutigen Banditen zuschreibt. Inzwischen bin ich mir zwar sicher, dass Francis, Gott sei seiner verdorbenen Seele gnädig, verantwortlich war, aber das sage ich nur dir. Auch nach dem Überfall auf die Poststation von Amarill fanden sich einige Pfeile, die man eindeutig als von Navajo gemacht identifizieren konnte. Überlebende Zeugen fanden sich leider", der Boss grinste breit, "nicht."
"Aber das waren doch wir?"
"Wie kommst du darauf? Warst du dabei? Vielleicht sollte ich dich beim Distrikt-Sheriff anzeigen. Das wäre eine schöne Schlagzeile, Mexikaner überfällt gemeinsam mit Indianern die Poststation von Amarill. So wäre ich dich auf legale Art und Weise los."
"Boss das kannst du doch nicht tun. Ich habe dir immer treu gedient. Du kannst von mir alles verlangen, aber schick mich nicht fort. Und", Sancho wurde ganz leise, "lass mich meinen Status in der Gruppe nicht verlieren."
"Lieber Sancho, du weißt, ich bin kein Unmensch. Die Sache bleibt unser Geheimnis. Aber du weißt jetzt auch, dass du in meiner Schuld stehst. Irgendwann wirst du sie begleichen müssen."
"Sei sicher, dass ich meine Schulden bezahle. Du hast heute einen noch treueren Diener erworben, als ich es dir ohnehin schon war. Ich erwarte deine Befehle."
Der Boss legte seine rechte Hand auf Sanchos Schulter. "Ich vertraue dir und bin mir sicher, du wirst mich nicht erneut enttäuschen. Wenn die Zeit reif ist, komme ich auf dein Angebot zurück."
Im Fort von Bullet Nose klopfte ein Soldat vorsichtig an die Tür des Kommandanten.
"Herein!"
"Mr. Jonathan Meyers bittet eingelassen zu werden."
"Ich lasse bitten." Colonel Jackson richtete sich in seinem mächtigen Eichensessel auf. "Pünktlich wie immer, was kann ich für sie tun, mein Lieber?"
"Sie erzählten mir letztens die Geschichte von den zwei Indianerkindern, die sie um des lieben Friedens willen zu ihrem Stamm zurückgaben. Ich verfüge über verlässliche Informationen, dass die beiden an dem Überfall auf Little Rock beteiligt waren. Man sah eines meiner Pferde bei ihnen."
"Woher haben sie die Information? War jemand im Reservat? Man sollte sich von den Navajos fern halten. Es gibt nur Ärger, wenn man ihnen zu nah auf den Pelz rückt."
"Lieber Colonel, nicht wir rücken ihnen auf den Pelz sondern sie uns. Sie können ja auf einer der vorgeschriebenen Inspektionen einen Blick auf die Pferde werfen. Mein Brandzeichen ist ihnen sicher bekannt."
"Entschuldigen sie mein Aufbrausen. Eigentlich kommt mir die Sache sogar gelegen. Seit dem Überfall auf Amarill setzt mich der Oberbefehlshaber unter Druck. Es sei Zeit die Ordnung wieder herzustellen. Ich kann den Rothäuten nichts beweisen. Einen Pfeil kann jeder verschießen. Aber wenn ich gestohlene Pferde finde, sieht es anders aus. Man muss ja nicht gleich jemanden hängen. Schon wenn ich die Kinder auf ein Internat schicke, wird das ein warnendes Beispiel abgeben."
Vollauf zufrieden ritt Mr. Meyers nach Hause. Auf seine Freunde war noch immer Verlass. Die großzügigen Spenden an die örtliche Militärmission hatten sich mal wieder bezahlt gemacht. Wenn die Göhren weit weg sind, wäre es leichter sie um die Ecke zu bringen. Dann würde seine Tarnung wieder perfekt sein. Schließlich wollten sie noch ein paar Jahre verdienen, ehe er an Ruhestand dachte.
"Soldaten, Soldaten!" Im Reservat der Söhne der weiten Steppe, Lauter Donners Stamm, herrscht Aufregung.
Der Häuptling trat auf den Platz vor seinem Hogan. "Was ist da los."
"Soldaten sind in unser Land eingedrungen. Sie kommen direkt hierher."
"Gab es eine Auseinandersetzung?"
"Nein, alles blieb friedlich. Sie sagten, sie seinen auf einer Inspektion."
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