1 ...8 9 10 12 13 14 ...22 Die Geschwister tuschelten miteinander, als Nevada und Francis zurück kamen. Nevada sprach sie in ihrer Muttersprache an. "Ihr kennt mich von meinen Besuchen bei eurem Stamm und ihr wisst vielleicht auch von meiner Geschichte. Ihr solltet mir daher vertrauen, wenn ich euch sage, dass ihr nicht einfach nach Hause reiten könnt. Es gibt viele Gefahren und ihr seid mit Mühe dem Tod entkommen. Eure Eltern gingen hinüber in das Reich der Schatten. Sie begleiten euch, selbst wenn ihr sie nicht seht. Ihr könnt sie aber spüren. Und ihr sollt wissen, dass sie bei euch sind. Damit ihr aber auch einen Menschen an eurer Seite sehen könnt, schickten sie euch Francis. Er ist jetzt euer Vater. Er ist ein guter Mensch, auch wenn er euch manchmal seltsam vorkommt. Aber ihr wisst, dass Menschen die Beschlüsse des großen Geistes nicht immer verstehen. Nehmt es, wie es ist. Tut, was Francis euch sagt, und wartet bis ich zurück bin."
Er musste Francis alles noch mal auf Englisch erzählen, was dessen Ehrgeiz beim Erlernen von Diné bizaad weiter anstachelte.
Den Tag über blieben sie im Stollen, wuschen Körper und Kleidung. Auch Francis Bart kam ab. Er und Kleiner Wolf begnügten sich dann mit einem Lendenschurz. Weiße Feder jedoch trug das Kleid, welches ihre Mutter genäht hatte. Sie war wirklich ein hübsches Kind. In Francis keimte ein Gefühl des Stolzes. Meine Tochter, dachte er.
Am Abend spannte Nevada die beiden Esel vor seinen Karren. "Am besten man sieht euch nicht. Wartet bis ich zurückkomme. Falls ihr flieht, zerstört die Hütte, damit ich gewarnt bin. Falls ihr kämpfen müsst, nutzt den Stollen. Dort seid ihr jedem Angreifer überlegen."
Er hatte sich mit Hemd, Hose, Hut und Stiefeln ausgestattet. In diesem Aufzug sah er gänzlich verändert aus. Kleider machen Leute. Das stimmt wahrlich, traf aber auch auf Francis zu, der nur den Schurz um seine Hüften trug. Aus der Ferne wäre er gut als Nevada Johns durchgegangen.
In Nevadas Höhle verging die Zeit mit quälendem Warten. Die Nacht wurde zum Tage. Nur in der Dunkelheit wagten sich die drei Flüchtlinge nach draußen. Dies war dann für Mensch und Tier wie eine Befreiung. Tags versuchten sie zu schlafen oder brachten sich gegenseitig Vokabel bei. Kleiner Wolf sprach davon, dass er ein großer Krieger und ebenso berühmt wie sein Onkel Lauter Donner werden wolle. Weiße Feder dachte daran, wie Francis, Kleiner Wolf und sie als glückliche Familie innerhalb ihres Stammes leben könnten. Francis würde bestimmt mit Blauer Vogel, der kleinen Schwester von Lauter Donner, Freundschaft schließen. Gemeinsam könnten sie dann im Hogan ihrer Eltern, die natürlich immer dabei waren, schließlich spürte sie die sanfte Berührung ihrer Mutter an jedem Tag, leben. Sie erzählten einander ihre Geschichten. So erfuhr Francis, dass der Überfall die Indianerfamilie auf der Reise zur Hochzeit ihrer Tante überraschte. Die Tante war vom Stamm der Ute. Das Gold sollte ein Brautgeschenk sein. Lauter Donner mochte die Verbindung seines Bruders zu einer Ute-Frau nicht, konnte aber nichts gegen die Liebe unternehmen. Allerdings bestärkte Francis dieses Wissen in seinem Zweifel, ob sie denn in der Heimat seiner kleinen Freunde wirklich willkommen waren. Auch er erzählte von seinen Eltern, die aus Deutschland stammten, einem weit weg über das Meer gelegenen Land. Da die Kinder sich unter einem Meer nichts vorstellen konnten, blieb ihm nur die Beschreibung, dass es sich um ein sehr breites Wasser handelte.
"Noch breiter als der Colorado River?"
"Viel, viel breiter, es reicht bis zum Horizont und dann noch viel weiter."
Zwei Paar dunkler Augen sahen ihn zweifelnd an.
"Wie soll man denn darüber mit einem Kanu fahren?"
"Oh, unsere Kanus sind viel größer als ihr je eines gesehen habt. Wir nehmen auf Ihnen Essen und Trinken für viele Wochen mit. Aber meine Eltern mussten für die Reise alles Geld aufwenden. Hier in Amerika, eurem Land, angekommen, arbeiteten sie sehr hart und schafften es schließlich zu einem ansehnlichen Wohlstand. So konnte ihr einziger Sohn sogar studieren."
"Studieren?"
"Ja, ich war auf einer großen Schule und lernte, wie man Straßen baut und Brücken."
"Dann bist du ein weiser Mann."
"Wenn man es so sagen will. Leider wurde ich vor Abschluss meines Studiums von bösen Menschen betrogen und war schon auf dem Weg ins Gefängnis, als mich die Bande der Arrow Boys befreite. Sie taten es nicht meinetwegen, sondern wegen dreier ihrer Kumpane, die mit mir ins Zuchthaus gebracht werden sollten. Aber so bin ich zu ihnen gekommen und habe zehn Jahre mit ihnen gelebt, als Verbrecher. Und sicher wäre ich das auch noch lange so geblieben, wenn nicht ihr dazwischen gekommen wärt. Nun aber hat sich mein Leben erneut total verändert, und jetzt gehören wir zusammen."
Weiße Feder lächelte immer, wenn Francis dies sagte, Kleiner Wolf jedoch blieb nachdenklich. Er konnte sich das Zusammenleben von Rot und Weiß nicht wirklich vorstellen. Für ihn waren Weiße der Grund allen Übels. Sie vertrieben sein Volk aus den angestammten Jagdgründen. Sie zerstörten die Natur und beleidigten den großen Geist. Und sie töteten seine Eltern.
Am zehnten Tag nach seiner Abreise kehrte Nevada Johns gegen Mittag zurück. "Keine Gefahr", rief er schon von weitem. "Ihr könnt herauskommen."
Weiße Feder bemerkte ihn zuerst. Voll Freude stürmten die Kinder aus dem Stollen. Francis ging eher langsam hinterher. Was würde Nevada berichten? Die Zukunft erschien ihm jetzt nicht mehr so einladend. Er sollte Recht behalten.
"Ich habe eine gute Nachricht und eine schlechte. Die Gute zuerst, morgen kommt Blauer Vogel zusammen mit einigen Männern und holt die Kinder ab."
Francis bekam eine dunkle Vorahnung.
"Du kannst nicht mit ihnen gehen. Colonel Jackson möchte Frieden mit den Indianern, aber er kann es nicht zulassen, dass ein Weißer bei ihnen untertaucht, noch dazu wenn er im Clinch mit einem der angesehensten Bewohner von Little Rock liegt. Er ahnt jedoch, dass ohne dich noch größeres Unheil eingetreten wäre. Daher wird er dich nicht der Gerichtsbarkeit überstellen, sondern zu einem Militärposten an die mexikanische Grenze bringen, damit du dort ein würdiges Mitglied der Armee wirst."
Francis war sprachlos. Entgeistert sah er Nevada an. Dieser kam nah an sein Ohr. "Vertrau mir. Du musst auf dieses Angebot eingehen, sonst habt ihr drei keine Chance. Ich finde einen Weg, dass du das vorgesehene Ziel nicht erreichst. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du meinen Plan erkennen. Mehr kann ich nicht sagen, aber ich bitte dich, vertrau mir."
Vertrauen? Das fiel Francis extrem schwer. Gab es keine andere Chance? Er wollte sich mit Nevadas Vorschlag nicht abfinden. "Wir könnten heute noch fliehen."
"Ihr werdet nicht weit kommen. Und du weißt, was geschieht, wenn man euch fasst. Man wird dich in Little Rock vor Gericht stellen. Du wirst die Peitsche kosten, die dir der Boss, oder soll ich besser sagen Jonathan Meyers, schon lange versprochen hat. Du siehst, ich bin gut informiert. Du bekämst Meyers nicht mal zu Gesicht, aber er steht sicher in der Menge, wenn man dir die Haut vom Rücken schlägt. Er würde auch dafür sorgen, dass du kurze Zeit später am Hals aufgehängt im Winde schaukelst. Der Boss braucht keine Zeugen. Das Schicksal der Kinder muss ich wohl nicht erst ausmalen."
Francis hatte keine Wahl. Er fügte sich und blieb bei Nevada. Der hätte die Kinder und ihn viel einfacher los werden können. So vertraute Francis ihm schweren Herzens.
Am nächsten Morgen sahen sie schon von weitem eine große Staubwolke. Hinter einer schwarzen Kutsche ritten zehn Soldaten und 5 Indianer. Eine schlanke junge Frau stieg vom Pferd, Kleiner Wolf und Weiße Feder rannten auf sie zu. "Blauer Vogel." Sie drückten und herzten sich. Dann ging die Frau, deren Name Nevada mit Blauer Vogel übersetzte auf Francis zu. "Ich danke dir weißer Mann, dass du mir die Kinder übergibst. Ich hoffe, der Große Geist ist dir gnädig und leitet deine Schritte künftig auf dem richtigen Weg. Ich überlasse dich jetzt Deinen Leuten. Kommt Kinder wir müssen aufbrechen" , sprach sie zunächst auf Englisch dann in ihrer Muttersprache.
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