"Soldaten kamen ins Reservat. Sie sagten, Kleiner Wolf und Weiße Feder seien Pferdediebe und müssten deshalb in ein Internat. Ich wollte mit ihnen fliehen, aber sie wurden entdeckt. So konnte ich nur mit den Tieren entkommen."
"Du hast großen Mut bewiesen. Du bist wahrhaft eine Tochter unserer Mutter. Hast du gesehen, was mit den Kindern geschah?"
"Ich weiß es nicht. Als sie entdeckt wurden, bin ich geflohen. Ich hatte solche Angst."
"Du hast alles richtig gemacht. Es hätte keinem genützt, wärest auch du entdeckt worden. Ruh dich erst einmal aus. Wenn sich bis morgen kein Verfolger blicken lässt, nehme ich dich mit in mein Dorf. Trink einen Schluck, dann leg dich schlafen. Um die Tiere will ich mich schon kümmern."
Beim ersten Sonnenstrahl weckt Weißer Schatten ihre Schwester sanft. "Na du kleiner Langschläfer, Zeit fürs Frühstück."
Blauer Vogel war alles andere als hungrig. Mit Mühe schlang sie ein paar Brocken Fladenbrot hinunter, dann stand sie auf und machte sich daran ihr Pferd zu satteln.
"Du hast es ja sehr eilig, aber wir können beruhigt aufbrechen. Es ist dir niemand gefolgt. In deinen Adern fließt wahrlich das Blut unserer Vorfahren. Was hätte aus dir alles werden können. Aber was bis jetzt nicht ist, kann ja später immer noch sein." Weißer Schatten war glücklich. Ein Mitglied ihrer Familie kam zu ihr. Sie rechnete längst nicht mehr damit, sie, die Ausgestoßene, der Bastard. Francis wird staunen, wenn Husky zurückkommt, dachte sie. Einem Mann das Pferd wegzunehmen ist ja fast so, als nimmt man seinen, sie sprach das Wort auch in Gedanken nicht aus sondern lächelt nur, weg. Weißer Schatten fühlte ein Kribbeln im ganzen Körper, Vögel sangen und ein angenehmer Schauer kroch über ihren Rücken. Das Schicksal der Kinder, es wird sich schon finden. Jetzt ist Blauer Vogel hier. Das war nicht im Traum zu erhoffen.
"Hast du Amadahy gesehen?" Weißer Schatten freute sich so sehr über das Wiedersehen, dass sie ganz vergaß Blauer Vogel vorzustellen.
Schneller Adler schüttelt den Kopf. "Er ging schon früh aus dem Lager. Ich glaube, er will sich noch mal die Stelle für unsere erste Fluchtbrücke ansehen. Es war eine hervorragende Idee ihn in die Planung einzubeziehen. Seine Auffassungsgabe ist für einen Weißen sehr gut, und vom Brückenbau versteht er was. Aber du hast einen Gast mitgebracht."
"Verzeih mir, ich bin vor Glück ein bisschen durcheinander. Das ist meine Schwester Blauer Vogel, die tapferste Frau der ich in letzter Zeit begegnet bin."
Dann drehte sie sich zu ihrer Schwester."Und das ist Schneller Adler, der größte Krieger in weitem Umkreis."
Schneller Adler machte eine verlegene Geste, aber noch verlegener wurde er, als ihn der Blick der unbekannten jungen Frau traf. Es gibt sie doch, die Liebe auf den ersten Blick, dachte Weißer Schatten. Nur langsam gewann Schneller Adler die Fassung zurück. Seine Worte klangen recht unbeholfen. "Ich heiße dich in unserer Gemeinschaft willkommen. Was mein ist, sei auch dein."
"Ich danke dir großer Krieger Schneller Adler."
"Da wir auf Amadahy noch warten müssen, sollten wir uns die Geschehnisse im Reservat ganz genau erzählen lassen. Kümmer’ dich bitte um die Pferde." Weißer Schatten winkt einen Jungen heran. "Gehen wir in mein Zelt, wir müssen nicht das ganze Dorf in Aufruhr versetzen."
Auf weichen Fellen nahmen alle drei Platz. Mit einer einladenden Handbewegung forderte Weißer Schatten die Schwester auf zu sprechen. "Du hast das Wort."
Blauer Vogel begann zunächst stockend, dann aber immer engagierter zu reden, so als erlebte sie alles noch einmal. Sie berichtete von den Vorwürfen der fremden Männer, davon, dass Lauter Donner in großer Sorge um sein Volk war, dass die Kinder ins Internat kommen sollten, dass sie selbst mit den gebranntmarkten Pferden und den Kindern fliehen wollte, dass die Kinder entdeckt wurden und sie schließlich allein gehen musste. Hastig kamen ihr die Worte. Weißer Schatten versuchte zu beruhigen. "Ja, mein Bruder trägt eine große Verantwortung. Ich bin nur eine dumme Frau und verstehe nichts von Politik. Aber ich werde nicht zulassen, dass zwei vielversprechende Mitglieder meiner Familie der weißen Gehirnwäsche unterzogen werden. Und ich kenne noch jemanden, der in die beiden total vernarrt ist und sein Leben einsetzen wird sie zu befreien."
Würdevoll drehte sie sich zu Schneller Adler. "Heute wird ein Tag großer Entscheidungen sein. Versuche Amadahy zu finden. Mit Sonnenuntergang soll der Ältestenrat zusammentreten. Nimm bitte Blauer Vogel mit, damit sie ihr neues zu Hause kennen lernen kann."
Weißer Schatten lächelte vielsagend. Ihr waren die Gefühle des langjährigen Freundes nicht verborgen geblieben. So leicht kann man einem Mann den Kopf verdrehen, dachte sie, aber mir wird eine schwere Entscheidung abgenommen. Ich werde mit Amadahy ausziehen und seine, vielleicht unsere Kinder retten.
Den ganzen Tag sann Weißer Schatten nach, wie man die Kinder finden und ihren Entführern entreisen könne. Es gab nur einen, der helfen konnte, Nevada Johns. Lange hatte sie sich diesem Mann verweigert. Er war ihr Vater, aber er stürzte ihre Mutter ins Unglück. Er hatte die Ehre ihres Stammes befleckt. Aber sie war das Ergebnis seiner Tat. Ohne ihn wäre auch sie nicht. Ihre Mutter liebte ihn. Nachdem er aus dem Reservat verstoßen wurde, blieb sie ihrem Mann Springender Elch körperlich treu, Blauer Vogel war das späte Ergebnis, aber ihr Herz gehörte einem anderen. Sie starb als Blauer Vogel sieben Jahre alt war, gab dem Mädchen aber alle Liebe, die sie ihrer anderen Tochter nicht zukommen lassen durfte.
Ein milder und windstiller Abend brach an. Der Ältestenrat saß um den großen Versammlungsstein. Obwohl noch immer ein Fremdling, durfte auch Amadahy teilnehmen. Wie groß war seine Freude, den treuen Freund - Husky - wieder umarmen zu dürfen. Auch das Tier wich nicht von seiner Seite. Erst der abendliche Hunger und die Nähe seiner Artgenossen lenkten es schließlich ab. Jetzt stand es friedlich auf der Weide.
"Ihr habt gehört, was Blauer Vogel zu berichten hatte. Wir sind das freie Volk der Grauen Wölfe. Wir haben unsere angestammten Gemeinschaften verlassen, um in Einklang mit dem großen Geist und in der Tradition unserer Vorfahren zu leben. Vielen von uns ist Unrecht geschehen und viele verdanken ihre Freiheit anderen Menschen. Jetzt sind zwei Kinder in Gefahr. Es sind die Adoptivkinder unseres Freundes Amadahy. Wir können nicht erlauben, dass die weißen Bestien ihre Seele rauben. Es ist unsere Pflicht Kleiner Wolf und Weiße Feder zu retten."
"Das ist unsere Pflicht."
"Wir werden ihre Entführer finden und ihnen die Beute entreisen."
"Wir sollten gleich losziehen."
"Lauter Donner muss uns sagen, wohin die Kinder gebracht wurden."
"Lauter Donner ist ein Verräter. Er muss bestraft werden."
Die Ältesten waren sich einig. Am liebsten wären sie sogleich aufgebrochen, um das Unrecht zu beseitigen. Doch Weißer Schatten bat um Geduld. "Liebe Brüder, ihr nahmt mich vor Jahren in eure Gemeinschaft auf. Damals waren wir noch wenige, aber unsere Zahl wuchs schnell. Ihr habt das Unmögliche möglich werden und euch von einer Frau führen lassen. Ich glaube, ich war euch immer eine gerechte Anführerin und habe die Kraft, die mir der große Geist gab, stets für das Wohl unserer Gemeinschaft eingesetzt. Ich danke euch, dass ihr Amadahy und mir beistehen und unsere Kinder befreien wollt. Aber wir dürfen unser Werk nicht gefährden. Wir müssen auch zukünftig Heimat der Ausgestoßenen sein. Wir müssen unser Tal sichern. Die Fluchtbrücken in die unzugänglichen Felsen und zur Oase des Friedens sind geplant und müssen jetzt gebaut werden. Wir können auch nicht mit mehreren duzend Kämpfern losziehen und Krieg gegen die Weißen führen. Wir sind keine Selbstmörder. Nein, Amadahy und ich gehen allein. Nur mit List können wir die Kinder finden und befreien. Wir brechen in drei Tagen auf. Und seid versichert, unsere eigenen Eltern würden uns nicht erkennen. Aber rüstet euch für den Tag, an dem wir zurückkommen. Und passt gut auf Tauender Schnee auf, denn ich bin mir sicher, Weiße Feder wird das Pony wohlbehalten von euch fordern."
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