"Dein Vater ist sicher ein unterschätzter Mensch. Meine Rettung blieb aber doch ein ziemliches Vabanquespiel. Es hätte auch gut passieren können, dass dein Hund die Sache überlebt hätte und ich jetzt friedlich im Wüstensand schliefe."
"Amadahy bleibt Amadahy, ihr seid eins und dein Geist hätte in meinem Hund einen würdigen Platz gefunden. Aber es war vorherbestimmt, dass du vom Hunde gerettet wurdest."
"Und natürlich von dir", entgegnete Francis mit verschmitztem Lachen.
"Schau nicht so lüstern auf deinen Glaubensbruder", entgegnet sein Gegenüber ernst.
"Du hast recht. Wir müssen uns unserer heiligen Mission würdig erweisen. Deshalb werde ich dich mit allem Respekt als meinen Bruder behandeln. Aber sei sicher, es kommt die Zeit das Versäumte nachzuholen."
"Ich hoffe das sehr, denn dann wird unsere Mission wahrlich erfüllt sein."
Als die Schatten wieder länger wurden, brachen sie auf. Schweigsam ritten sie hintereinander, sich in der Führung abwechselnd. Francis kannte den Weg nach New Luton gut, hatte er ihn doch als Arrow Boy regelmäßig benutzt.
Weit nach Anbruch der Nacht kamen sie ins Steppenland. An der umgebenden dichteren Vegetation gut erkennbar, sprudelte hier auch in trockenen Jahren stets eine kleine Quelle. Diese war ihr heutiges Ziel. Wie immer wurden als erstes die Pferde versorgt, dann bereiteten die Menschen ihr Lager. Sie waren sicher, dass die Tiere beim geringsten Geräusch warnen würden. Man musste sich im Geist mit ihnen vereinen, dann konnte man sie auch verstehen. So wären weder Francis und schon gar nicht Weißer Schatten auf die Idee gekommen die Pferde durch Fesseln der Beine am Weglaufen zu hindern. Mensch und Tier konnten sich aufeinander verlassen. Eins sein mit allen Lebewesen war ein wesentliches Element im Glauben der Grauen Wölfe. Auch aus diesem Grund brachen sie ehemals aus ihren Stämmen auf. Sie wollten in das natürliche Leben ihrer Vorfahren zurückzufinden.
Früh weckte Jakob seinen Begleiter. "Bruder Ismail es ist Zeit aufzubrechen. Wir wollen die Kühle des Morgens nutzen und den Iliaci-Forst erreichen."
"Bruder Jakob woher hast du ein so gutes Ortswissen?"
"Oh, ich habe mich auf unsere Missionsreise gut vorbereitet, und während ich bei den Wilden auf Genesung wartete, blieb mir nicht verborgen, dass ihre Anführerin oft wochenlang wegblieb und dann immer reich bepackt zurückkam. Sie nannte es Herstellung der Verteilungsgerechtigkeit. Ich würde es aber einfach als Raubzug bezeichnen. Dabei blieb offensichtlich auch das Gebiet um New Luton nicht verschont."
"Bruder Jakob, du hast die Führerin der Wilden zu lange angeschaut. Du siehst ihr schon ähnlich. Ich hoffe nur, diese Meinung wird nicht von ihren ehemaligen Opfern geteilt."
"Keine Angst Bruder Ismail die Opfer oder besser die edlen Spender sahen die Spendensammlerin allenfalls von hinten und in weiter Ferne. Die wenigen anderen können derzeit überhaupt nichts sehen. Unter der Erde ist das Licht zu knapp."
"Mir scheint, wir waren Gast einer fürsorglichen Dame. Da muss ich ja sogar hoffen, dass sie ein bisschen auf dich abgefärbt hat."
Mit diesem scherzhaften Wortwechsel brachen sie auf. Auch der neue Tag führte sie durch selten besuchtes und nicht dauerhaft bewohntes Land. Darauf hatten sie bei der Wahl ihrer Reiseroute geachtet. Dennoch ritten sie still und machten ihre Scherze nur, wenn sie absolut sicher waren ohne Zuhörer zu sein.
Langsam verdichtete sich die Vegetation. Bald tauchten erste Bäume auf. Außer einem sich gemächlich trollenden Coyoten und einigen hakenschlagend davon springenden Kaninchen, von denen eines zu langsam war, begegneten ihnen niemand. So ritten Francis und Weißer Schatten bis zum Abend. Am Ufer eines Baches lagerten sie schließlich. Das zu langsame Kaninchen röstete über einem kleinen Feuer. Gut gesättigt und in froher Stimmung ob des bisherigen problemlosen Verlaufs ihrer Reise zogen die beiden falschen Mönche ihre Kapuzen tief in die Stirn und schmiegten sich eng an die Pferde. Shenandoah und Amitola genossen sichtlich die Liebkosungen, die es zwischen Jakob und Ismail natürlich nicht geben durfte.
"Bist du sicher, dass wir die Kinder im Internat finden?"
"Wenn es so sein soll, wird es geschehen. Sie wurden zumindest dorthin gebracht, da können wir Nevada absolut vertrauen. Sollten sie aus eigener Kraft entkommen sein, werden sie uns finden. Aber ich weiß, es ist sehr schwer der Fürsorge eines Indianer-Internats zu entkommen. Mein Stiefvater genoss ja selbst noch das Vergnügen einer Erziehung in Fort Sumner. Er versuchte dreimal zu entkommen, was lediglich zu mehr Narben an seinem Körper und leider auch an seiner Seele führte. Wir sollten auf alles vorbereitet sein. Unser Geleitbrief wird uns einige Türen öffnen, doch letztlich liegt es an uns glückliche Umstände zu nutzen, sobald sie sich bieten. Wir werden keine Zeit für lange Planungen haben, sondern in der konkreten Situation rasch reagieren müssen."
"No Risk, no Fun. Kennst du ja schon. Alter Wahlspruch der Arrow Boys", sage Francis. Doch sein Lachen klang recht gequält. Auch er wusste, dass es um mehr als Spaß ging. Dennoch überwog die Freude. Sein Leben hatte wieder einen Sinn bekommen. Er war dankbar für diese Chance und wollte sie unbedingt nutzen, auch wenn der Einsatz hoch sein sollte.
Ein kurzes Zucken, ein leises Wiehern, die Unruhe der Pferde riss die beiden Reisenden aus ihrem Schlaf. Aus der Ferne waren Geräusche von Reitern zu vernehmen. Jakob und Ismail machten sich keine Mühe nicht gesehen zu werden. Irgendwann mussten sie ihre Tarnung prüfen und das konnte genauso gut jetzt geschehen.
"Gott zum Gruß ihr heiligen Männer, was hat euch denn in diese Einöde verschlagen?"
Ohne die Antwort auf seine erste Frage abzuwarten, fuhr der Fremde fort. "Habt ihr keine Angst vor wilden Tieren oder schlimmer noch vor den blutrünstigen Rothäuten, mit denen die Regierung ja zunehmend auf Kuschelkurs geht, so dass es immer schwieriger wird, diese Plage auszurotten."
"Der Herr ist mit uns, was soll uns geschehen. Wir reisen in heiliger Mission, um die Wilden auf den rechten Weg zu bringen. Vielleicht müsst ihr sie dann nicht mehr ausrotten."
Francis stellte sich mit leicht gespreizten Beinen vor den Neuankömmling, der mit Gewehr und Revolver bewaffnet abgesessen war. Dessen vier Begleiter blieben auf ihren Pferden. Sie waren bei weitem überlegen, so dass Francis keine Konfrontation aufbauen wollte.
"Du bist offensichtlich nicht von hier", sprach der in einen braunen Ledermantel gehüllte Mann weiter. "Der Wolf bleibt immer ein Raubtier, und wenn du deine Herde schützen willst, musst du ihn erlegen."
"Nun lieber Bruder ich sehe, du bist fest in deiner Meinung. Mögest auch du ein gutes Werkzeug in der Hand des Herrn sein. Seine Wege sind unergründlich, und wir können seinem Tun nur staunend zusehen."
"Staunt lieber nicht zu sehr, sonst staunt ihr noch über die Pfeilspitze, die sich aus eurer Brust herausschiebt. Wo wollt ihr den hin? Wir könnten euch vielleicht Schutz bieten und euren geistlichen Beistand dafür ernten."
"Unsere Mission führt uns nach New Luton. Wir sind vom Orden der Franziskaner auserwählt, dort das heilige Wort zu verkünden."
"Da habt ihr euch ein passendes Ziel ausgesucht. Vergesst die Peitsche nicht, die werdet ihr brauchen. Aber es gibt dort auch gottesfürchtige Frauen und Männer. Ich glaube, man erwartet euch bereits. Seit der alte Pfarrer verstarb, hat sich niemand mehr um das Heil der armen Seelen bemüht." Mit Daumen und Zeigefinger schob der Fremde den Hut aus seinem Gesicht. Seine Haut war von Wind und Wetter gegerbt und lag in tiefen Furchen. "Wir können euch leider auf diesem Wege nicht begleiten. Wir kommen gerade von dort, haben so einen störrischen Indianerbengel wieder abgeliefert, der uns geradewegs in die Hände lief. Jetzt rufen dringende Geschäfte. Alles Gute für eure Mission."
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