Das war so überraschend, so neu, so wunderbar, daß ich kaum wirklich verstand, was er dann weiter zu mir sagte. Damals jedenfalls. Ich sollte ein Kind bekommen. Dabei war doch die versprochene Ehe mit Josef, unserem Nachbarn, noch gar nicht vollzogen. Nun ja, wir sollten in Kürze heiraten, das hatten der Vater mit ihm so vereinbart. Natürlich hat mich niemand gefragt, so etwas war Sache der Männer, und wir Frauen hatten uns zu fügen. So ist das eben bei uns hier in Nazareth, und nicht nur dort. So ist es in unserem Volk. So ist das Gesetz in Israel, und stets galt es als ein Gesetz Gottes. Doch plötzlich war es nicht mehr selbstverständlich für mich. Plötzlich hatte ich meinen eigenen Wert entdeckt, plötzlich war das nicht mehr Gottes Gesetz, sondern eine menschliche Ordnung, von Männern erdacht und für Männer gemacht.
Nie hatte ich darüber nachgedacht, stets hatte ich alle Ordnung einfach hingenommen, mich gefügt. Doch in dieser Stunde, während ich da mit meinen bloßen Beinen im Saft der Trauben stand, während ich noch diesem Gruß nachlauschte, hatte ich es erkannt, ein für alle Mal erkannt: Ich bin Ich selbst, denn ich bin wertvoll vor Gott! Ich, Mirjam, das unwissende kleine Mädchen aus diesem unbedeutenden Dorf in den Bergen von Galiläa. Auch ich lebe in der Gnade, im Glanz unseres Gottes. Welch ein Gruß war das, den dieser Fremde mir da entboten hatte!
1. Kislew des Jahres 3753 (13. November)
Nun ist bereits eine Woche vergangen seit dieser merkwürdigen Begegnung. Der Fremde war an jenem Tage rasch wieder gegangen, hatte die Tür hinter sich zugezogen, und diesmal hatte sie ihr üblichen Ächzen von sich gegeben. Aber ich war zu verwirrt, um das überhaupt zu bemerken. Ich habe ihn übrigens nie wieder gesehen hier in unserem Dorf, auf dem Weg zum Brunnen oder zu den Feldern; auch nicht in der Synagoge am Sabbat, obwohl ich aufmerksam, fast schon unschicklich, hinter dem dünnen Vorhang, der die Frauenempore abtrennte, die Männer dort unten betrachtete. Und fragen konnte ich auch niemand, weder den Vater noch die Brüder – wie sollte ich ihnen erklären, daß ich mit einem Fremden in unserem Haus gesprochen hatte.
Doch es war eigentlich ja auch unwichtig, denn je länger ich darüber nachdachte, desto gewisser wurde ich, daß er ein Bote war. Und Boten bedeuten nichts, bedeutsam ist ja nur ihre Botschaft. Vielleicht war er ein Prophet, ein Seher wie in jenen alten Zeiten, als Gott durch solche Männer zu seinem Volk sprach. Vielleicht war er auch ein Engel, der diese Menschengestalt angenommen hatte, so wie einmal drei Männer der Sarah ein Kind verheißen hatten. Ja, das ist eben die eigentliche Botschaft auch für mich gewesen: Ich sollte ein Kind bekommen. Nun, Sarah damals war ja bereits alt, und da war es schon wunderbar, daß sie noch gebären sollte. Aber ich würde in Kürze dem Josef übergeben werden, und war es nicht meine Aufgabe, ihm dann auch Kinder zu schenken?
Nie hatte ich daran gezweifelt, und obwohl ich nicht wusste, wie das im einzelnen vor sich gehen würde - seitdem ich eine Frau geworden war, hatte ich mich darauf gefreut. Deshalb musste mir niemand einen Boten schicken. Aber es war ja etwas anderes, was der Fremde mir anvertraut hatte: Mein Kind würde etwas besonderes sein, das sagte schon der Name, den ich ihm geben sollte: Jeschuah – Gott kommt zur Hilfe. Den Namen bestimmen die Väter, so ist es Brauch. Ich aber sollte ihn selber nennen, so sagte es der Bote. Ob es deswegen Streit geben würde mit Josef? Ich kenne ihn ja so wenig. Sicher, er ist unser Nachbar, und manchmal spürte ich seinen Blick auf mir ruhen, wenn er aus der Tür seiner Werkstatt trat. Und es schien, als würde er mir verstohlen zulächeln, aber die Sitte verlangte ja, daß ich die Augen niederschlug. So war ich mir nie ganz sicher.
Dennoch: Er wird bestimmt ein guter Ehemann. Mein Vater liebt seine Töchter, das weiß ich. Nie würde er uns an einen groben, jähzornigen Mann verkaufen, auch wenn die Morgengabe noch so reichlich ausfallen würde. Manchmal habe ich Josef singen hören bei seiner Arbeit, das ist bestimmt ein gutes Zeichen. Und auch in der Synagoge hat er öfter schon als Vorsänger gedient; er hat eine angenehme Stimme.
Nein, ich hätte sicher zugestimmt, wenn mich der Vater gefragt hätte. Doch warum sollte er die Tochter fragen, wenn es um ihre Ehe ging? Erst jetzt weiß ich es ja: Ich bin ich selbst, ich bin frei, über mich selbst zu bestimmen, über meinen Lebensweg zu entscheiden. Aber ich werde dem Vater nicht widersprechen, er hat sein Wort gegeben, das will ich achten. Und – wenn ich ehrlich bin – ich mag Josef. Ich wüsste niemand unter den jungen Männern in Nazareth, den ich mir lieber als Ehemann wünschen würde. Soll es also dabei bleiben, soll er der Vater meines Kindes werden. Aber um den Namen werde ich mit ihm streiten, wenn er einen anderen vorschlägt. Doch vielleicht hat Gott ihm ja ebenfalls ein Zeichen gegeben, einen Boten geschickt, oder einen Traum, oder ihm einfach diesen Namen ins Herz gegeben – Jeschuah, Gott hilft. Wie schön das klingt! Und es wird mehr als ein Name sein, es wird seine Aufgabe sein, sein Leben bestimmen. Ich weiß es.
5. Kislew des Jahres 3753 (18. November)
Heute ist Josef beim Vater gewesen. Sie haben einen Termin abgesprochen für die Hochzeit. Vater hat es mir nachher gesagt, und er hat mich dabei in den Arm genommen. Das hat er lange nicht mehr getan, ja, eigentlich nicht mehr, seitdem ich kein kleines Mädchen mehr bin. Aber er hat mich auf die Stirn geküsst und mir alles Gute gewünscht. Und es war auch etwas Wehmut in seiner Stimme, da bin ich ganz sicher. Nein, nicht, weil ihm nun eine Arbeitskraft im Hause fehlt, nachdem die Mutter so früh gestorben ist, sondern weil er etwas fortgeben muß, was ihm lieb ist. Und ich habe auch ein wenig geweint. Doch ich werde ja bei Josef wohnen, gleich nebenan, und er wird es sicher erlauben, daß ich meinen Vater und meine Geschwister besuche.
Manchmal frage ich mich, ob ich alles nur geträumt habe – den Fremden in unserem Hause, seinen Gruß, seine Botschaft. Aber ich habe jetzt so viele neue Gedanken, die mir vorher nie in den Sinn gekommen sind, ich empfinde so sehr meine Freiheit, und ich weiß mich seitdem so geborgen in der Liebe Gottes - das muß schließlich seinen Grund haben. Ich war bislang nicht besonders fromm, nein, das kann ich nicht behaupten. Sicher, ich lebte ganz in den vielen Traditionen unseres Volkes, ich habe die Gebete in der Synagoge stets in meinem Herzen mitgesprochen. Doch das war eigentlich selbstverständlich, und es gehörte zu meinem Leben wie all das Alltägliche um mich herum, es hat mich nicht besonders berührt, und ich habe auch selten darüber nachgedacht.
Schließlich habe ich keinen Unterricht bekommen beim Rabbi wie meine Brüder, musste nicht die Tora vorlesen lernen und damit sicher auch besser verstehen. Ich habe nichts gelernt außer dem, was eine Frau wissen muß, um den Haushalt zu führen, um Ehefrau und Mutter zu sein. Solange die Mutter lebte, bin ich bei ihr in die Lehre gegangen, und danach war es die große Schwester, die mich unterwiesen hat. Doch nun ist das anders geworden. Ich werde einen Sohn bekommen, und er wird eine große Aufgabe zu erfüllen haben. Darauf muß ich ihn vorbereiten. Sicher, der Fremde hat gesagt, daß Gottes Geist auf ihm ruhen wird. Aber hat er nicht auch gesagt, daß eben dieser Geist auch mich überschattet?
Manchmal macht mir das alles Angst, aber dann fühle ich auch wieder, wie stark schon jetzt Gottes Nähe ist. Ja, das hatte ich doch empfunden, an jenem Tage, als der Bote zu mir kam: Daß dieser unbegreiflich erhabene, unendlich ferne Schöpfer mir ganz nahe gekommen ist, daß diese unbegreiflich lebendige Kraft plötzlich auch mein kleines Leben erfüllt. Das hat mich mit Schrecken erfüllt, wie früher auch die Propheten zu Tode erschrocken waren, als sie berufen wurden. Aber es hat mich zugleich mit einer wunderbaren Freude erfüllt, die ich kaum beschreiben kann. Ich glaube, ich habe es damals laut gerufen: „Ja, ich will! Ich will dir dienen, Gott!“ Und der Fremde hat gelächelt, daran erinnere ich mich genau.
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