Ach, wie schlecht ist doch die heutige Zeit. Blickt man allerdings historisch zurück, so bestätigt sich diese Feststellung zu jeder Zeit und allerorten. Selbstverständlich finden sich immer Anhaltspunkte, etwas zu verbessern. Solange dieser Motor mit einer Form der „Zufriedenheit“ befeuert wird, die anderenfalls zu Trägheit und Apathie führen würde, läuft alles wie geschmiert. Allerdings scheint insbesondere der statistisch erzeugte „Deutsche“ als Antriebsmittel nichts Geringeres als sein gesamtes „Lebensglück“ einzusetzen.
Wirtschaftlich ging es noch keiner Generation der Deutschen so gut wie der heutigen. Während in anderen europäischen Staaten krisenbedingt schwerste Einschnitte hinzunehmen sind, trösten wir uns mit einer konstanten Steigerung des Konsums. Selbst das bösartigste Monster, welches der Kapitalismus geschaffen hat, scheint durch die Krise derart verwirrt, dass es anatomisch unmögliche Bewegungen zu vollziehen vermag. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung will im Jahr 2012 beobachtet haben, dass sich das Reichtums-Scheren-Monster kurzfristig minimal geschlossen haben soll. Anlass zum Optimismus? Wir sind doch keine Amerikaner oder Briten, die selbst bei lahmender Wirtschaft und drohender Arbeitslosigkeit diese Form der Nicht-Informiertheit an den Tag legen. Der Deutsche schaut nicht auf sich, er vergleicht neidvoll nach oben. Irgendwo müssen die 839 deutschen Haushalte ja sein, die nach dem „Global Wealth Report“ mehr als 100 Millionen Dollar ihr Eigen nennen.
Auch sexuell lebte noch keine Generation vorher derart frei. Bis 1973 machte sich noch strafbar, wer einem erwachsenen, aber unverheirateten Paar lediglich die Möglichkeit eines Schäferstündchens einräumte. Bis Anfang der 1990er-Jahre galt Homosexualität laut Liste der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit und stand bis 1994 in Deutschland unter Strafandrohung. Heute gibt es unter Volljährigen nur eine Einschränkung: alles muss in wechselseitigem Einvernehmen der Beteiligten geschehen. Das Einzige, was es jetzt noch zu vermeiden gelte, wäre die von der Psychoanalyse ausgemachte ewigliche Angst, alle anderen erlebten eine unglaubliche, ekstatische Befriedigung, während einem selbst selbige unzugänglich bleibe.
Die Tyrannei der Intimität kommt nach Richard Sennett auf zwei Wegen daher, unvermeidbar ist sie in beiden Fällen jedoch nicht.
Im ersten Fall beschreibt er die Entwicklung der modernen Kleinfamilie. Der Wahrnehmungs- und Handlungsrahmen engt sich auf den Kreis der Lieben ein und geht mit einem zunehmenden Desinteresse an öffentlichen Belangen einher. Eine Bedrohung für die allgemeine Zivilisiertheit entsteht hier durch das ausbleibende Engagement für die Gemeinschaft. Zur Tyrannei für den Einzelnen wird die Intimität, wenn die Schaffung eines goldenen Käfigs zur Klaustrophobie führt.
Der zweite Weg beschreibt den Siegeszug der Psychologie in die Mitte der Gesellschaft. Alle Unverstandenen dieser Welt können endlich auf die Einsicht der Mitmenschen hoffen, weil mit der allgegenwärtigen Offenheit alle charakterlichen Details verfügbar sind. Eine Bedrohung für die allgemeine Zivilisiertheit entsteht hier durch die Abschaffung höflicher Distanz. Zur Tyrannei für den Einzelnen wird die Intimität, wenn durch das Verschwinden von Geheimnissen das gesamte Leben stets mitteilbar sein muss.
Was passiert mit Geld und Sexualität, wenn beides stets für eine Pressekonferenz aufbereitet sein muss? Konnten wenigstens die Psychopathen zwischenzeitlich geheilt werden, die immer behaupteten, über Geld spreche man nicht, und auf die gerade die Verschwiegenheit und das Unausgesprochene einen sexuellen Reiz ausübten?
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