In dieser Zeit versuchte Paul Lindner, sich zu sortieren, die Geschehnisse zu sortieren bzw. zu eruieren, welche Sortierung zwischen Abschied und Ankunft das Leben mit ihm augenscheinlich vornahm.
Erst versuchte er, das Chaos etwas aufzuräumen, nicht weil er ein besonders ordnungsliebender Mensch war, sondern weil ihn die Unordnung verunsicherte, irgendwie bedrohte. Er legte auch den Telefonhörer unzählige Male auf die Gabel, aber sofort schrillte er aufdringlich vor sich hin, also ließ er der Ruhe ihren Raum und legte den Hörer wieder neben Fred schlafen. Fred schien ein gefragter Mann zu sein, denn auch die Türklingel läutete ab und an zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh.
Wann holte sich diese Stadt den Schlaf?, dachte er sich. Aufgewühlt, wie vom Jetlag befallen, geisterte Paul Lindner durch Freds Apartment. Dabei war seine neue Wahlheimat gerade mal 350 km von Daheim entfernt. Dieselbe Zeit, dieselbe Sprache und doch eine gänzlich andere Zeit tickte hier, eine gänzlich andere Sprache sprach diese Stadt. Ihre Nächte hatten Sprechzeit; Paul Lindner legte sein Ohr an seine erste Nacht in dieser Stadt und lauschte der Geräuschkulisse Münchens am Balkon der Fraunhoferstrasse 23F. Das Rattern der nahe gelegenen Straßenbahn hatte etwas Beruhigendes, hatte etwas von beruhigender Bürgerlichkeit und nahm der Stadt etwas Unruhe, etwas Schnelligkeit; so was mochte Paul Lindner.
Während drinnen Fred, wie von einer Elefantenbüchse niedergestreckt, schlief.
Paul Lindner döste im Halbschlaf einige Stunden auf dem Balkon; mehr Schlaf war unter diesen Umständen auch nicht möglich, denn das Stadtleben erwachte, die Geräusche wurden schriller, je heller es wurde. Ohne sie zu sehen, spürte er die Schwemme an Menschen, die sich zwischen den Häusern durch die Straßen drückten. Die Fremde fühlte sich an diesem ersten Morgen seltsam und sehr einsam an und Paul Lindner war sichtlich erleichtert, als Fred plötzlich wie von den Toten auferstanden mit einer Zigarette am Balkon war. Fred grinste: Alter, lass dich schütteln, hab` ich etwa geschlafen, Paulchen?
Freds bekannte Lockerheit war wohltuend und wischte alle Nachdenklichkeit aus Paul Lindners Gedankenwelt. Er bewunderte ihn schon immer ob dieser Leichtigkeit des Seins und staunte erst recht, wie schnell seine niedergestreckte Physis wieder zu Kräften kam.
Auf geht’s Landsmann, jetzt zeig ich dir das beste Frühstück von München!, sagte Fred, ehe Paul Lindner überhaupt zu Wort kam.
Zwischen Sektbar und Salatköpfen
Der erste Weg führte die beiden zum nahe gelegenen Viktualienmarkt. Ein Jahrmarkt gegensätzlicher Eitelkeiten, wie Paul Lindner sofort registrierte. Man stand an der Nymphenburger Sektbar und schaute auf Kartoffeln und Salatköpfe. Fred schien sich gut in München etabliert zu haben, so oft schüttelte er irgendwem die Hand und grinste unter seiner schwarzen Sonnenbrille hervor. Nach einer Flasche Sekt als Frühstück ging`s dann endlich wirklich zum Kaffee ins Café Frischhut. Ein Café, wo Frühaufsteher ihren ersten Milchkaffee und Nachtlichter wie Fred ihren letzten Milchkaffee tranken. Und Fred hatte nicht zu viel versprochen, der Milchkaffee und die Schmalznudeln, eine bayrische Spezialität, waren ein Gedicht. Überhaupt, die Bruchstücke von München, die er bisher kennengelernt hatte, und die Gläser Sekt lösten eine Begeisterung und ein seltenes Wohlgefühl in Paul Lindner aus. Das bunte Nebeneinander gefiel ihm, die Buntheit Münchens gefiel ihm, wie die Buntstifte einem Schüler am ersten Schultag gefallen;
nicht wissend, dass man auch damit ein „Nicht genügend“ schreiben konnte.
München schien die richtige Stadt zu sein, eine Stadt des Leben-und-leben-lassens.
Nichts gemein mit den Straßen Wiens, die jeden Tag wirkten, als warteten sie auf ein Habsburger Begräbnis in aller Dunkelheit herausgeputzt in der Hoffnung auf das alltägliche Sterben.
München gab Paul Lindner wieder die Farbe zurück, die ihn lebendig machte, dessen war er sich nun sicher, als Fred vorschlug, das Frühstück zur Feier des Tages auszudehnen und nochmals an die Sektbar am Viktualienmarkt zurückzukehren.
Diese Verweildauer in den Zwischenräumen, die Gegensätzlichkeit von Nymphenburger Sektbar und Salatköpfen aus dem Dachauer Hinterland, die den Viktualienmarkt anscheinend prägte, behagte Paul Lindner vom ersten Augenblick. Der Weg wider der Vernunft, der dem Provinzmenschen so fern erscheint, war eine der Ursachen seiner Landflucht, nicht das Land an sich. Jene leichte Lebensart in all ihrer Tiefe, nicht die tiefe Lebensart in ihrer Provinzschwere, mit ihrer Lebensmut abschneidenden Provinzschere.
Kaum 24 Stunden waren in München vergangen und Paul Lindner hatte bereits bunteste Facetten dieser vermeintlichen Leichtigkeit und Tiefe erfahren. Und all seine jugendliche Naivität wollte mehr davon, seine noch anhaftende Provinzschwere wollte mehr davon, vor allem sein Lebenshunger wollte mehr von dieser Münchner Luftigkeit.
Sein Freund Fred hatte den Schlüssel zu dieser Luftigkeit und Paul Lindner freute sich schon beinahe weihnachtlich, als er vernahm, dass Fred am Abend eine kleine Willkommensfeier organisiert hatte. Paulchen mal stadtfein machen, wie es Fred in seiner Art zu sagen pflegte.
Zwischen Schleimspur und Blutspur
Die vermeintlich abgelegte Provinzschwere ließ Paul Lindner jedoch allzu schnell dem Schein der Leichtigkeit verfallen.
Er sollte alsbald, mit Freds Geleit, die Welt der zweizüngigen Menschen kennenlernen, ohne es in seiner Naivität wahrzunehmen.
Eine Welt, in der die eine vielversprechende Zunge der Umgebung rotzfrech ins Gesicht grinste, unendlich von sich bestrahlt und feucht geleckt, und die andere Zunge ängstlich in ausgetrockneten Schleimhäuten versteckt nach Hilfe suchte.
Paul Lindner betrat unbewusst eine Zukunft, in der sich alte Sinne verabschieden würden und neue Sinne hinzukamen. Es sollten auf Jahre die letzten Tage sein, dass er München mit seinem Geruchssinn wahrnahm. Die letzten Momente, in denen er die Kräuterdüfte und den Malzgeschmack der Biere nochmals so intensiv auf dem Viktualienmarkt aufnehmen sollte, wie bei seiner Ankunft.
Der provinzielle Quastenflosser war an Land gegangen, alte Flossen sollten verkümmern und neue Muskeln wachsen.
Eine neue Sinnlichkeit, zwischen Schleimspur und Blutspur, bekam Hand und Fuß; die Gradlinigkeit sollte verschwinden und das Um-die-Ecke-Denken des Misstrauens sollte sich von Gramm zu Gramm entwickeln.
Doch Paul Lindner dachte keinen Augenblick an ein Scheitern seiner Existenz, an ein Scheitern seiner Schleimhäute. Ganz im Gegenteil, trug er eine Gelungenheit, ein prickelndes Hochgefühl in sich, wie er es selten zuvor verspürt hatte. Der weißblaue Münchner Himmel meinte es gut mit ihm und die Vorfreude auf den nächsten Abend lockerte letzte ländliche Verklemmungen.
Paul Lindner fühlte sich endlich angekommen und sein Auge suchte bereits auf dem Nachhauseweg in die Fraunhoferstraße 23F nach neuen Vertrautheiten, um endlich wieder mit Straßen und Plätzen heimatlich zu sein.
Heute ist die Utopie vom Vormittag
die Wirklichkeit vom Nachmittag!
Truman Capote
Das Feiern war in den Städten so alltäglich wie das Nichtzugeben von Trauer. Wie auf dem Land das Trauern so alltäglich schien und das Feiern negiert wurde; sich in den Trauerfeiern der versteckte Wunsch nach Feiern offenbarte. So oder so, jede Seite versteckte gekonnt sein wahres Gesicht!
Fred zelebrierte dieses anlasslose Großstadtfeiern und lud zu Paul Lindners Willkommensfeier illustre Gäste.
Wie eng nachts die Häuser stehn, wenn
ein Verrückter versucht nach Hause zu gehn.
Wolf Wondratschek
Entweder er hatte die falschen Erwartungen oder der Sekt am Viktualienmarkt hatte ihn zu sehr aufgeputscht?
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