Spürte, dass ihm dieses Fremdsein ungewohnt fremd war, wie ihm zu Hause das Bekanntsein gewohnt unangenehm war. Aber war nicht gerade diese Verlogenheit an Nähe Triebfeder seiner Flucht?
Paul Lindner entschloss sich, sein Fremdsein erst mal mit ein paar Weißbieren runterzuspülen und im Rausch der Großstadt, wie alle Trunkenen, grenzvergessen zu sein!
Eingetunkt, eingetrunken in bayrische Gemütlichkeit war Paul Lindner das Fremde nun doch nicht mehr so fremd.
Dennoch war ihm bewusst, dass der Rausch wichtige Konturen der Wirklichkeit verwischte und Grenzen, die Feinheiten hervorhoben, aufzuweichen vermochte. Feinheiten, auf deren Spurensuche er nach München kam.
Deshalb war er froh, dass ihn der Alkohol selten seiner Instinkthaftigkeit entzog, er selten über den Genuss hinaus trank.
Die Weißbiere hatten seine Gedankenschärfe etwas abgemildert, seine Naivität wieder bestrahlt, aber nicht verwaschen, nicht abgetötet.
Paul Lindner war sich auch ziemlich sicher, niemals jeglichen Drogen zu verfallen, weil er sich selbst die größte Droge war.
Seine körpereigenen Morphine durchspülten ihn 24 Stunden, waren der Lebensrausch, der ihn täglich durch die Wege trieb.
Als Paul Lindner im Taxi saß, nahm er erstmals den Rhythmus der Stadt wahr.
Sein seismographisches Ertasten einer Örtlichkeit, einer Stadt, benutzte er wie ein Blinder den Blindenstock. Er spürte die Stadt als fast zu ruhig, zu sauber, aber mit einem schmutzigen Unterton, der ihm gefiel.
Es war nicht mehr jener provinziell derber Polkarhythmus, der ihn seit Kindertagen begleitete; nicht jene Wiener Walzermorbidität, die er so schnell verwünschte, so sehr er sich zuvor das Wiener Großstadtleben herbeisehnte.
Es hatte ihn zu schnell an den Rand getanzt und beinahe darüber hinaus.
Zu anfällig war er für diese Schwärze und Nekrophilie der Stadt Wien. Und Paul Lindner war durchaus anfällig für nächtliches Treiben, ja sogar selig für diese Stunden zwischen Mitternacht und Morgenfrühe. Die Zeit, die die Provinz verschläft, totschläft, um sich für den darauf folgenden Moloch zu rüsten. Gerade dieser Zeitraum war sein Rhythmus, seine Kraftquelle, wo sich äußere Konturen verwuschen, die Tagesmaske verschwand und die Wesentlichkeit allmählich hervortrat, das Blut sichtbar wurde und die Adern aufsprangen nach Lust.
Dieser Rhythmus der schmutzigen Untertöne, nur für Eingeweihte hörbar, diese Suche nach Lebenslust führte ihn auf naive Weise wahrscheinlich nach München; angetrieben von einer Mechanik verschlossener Triebe, die er öffnen und zur Blüte bringen wollte.
Style is the difference,
the way of doing!
Charles Bukowski
Mit all dem flüchtigen, weißbiergeschwemmten Gedankengut stieg Paul Lindner in der Fraunhoferstraße 23F aus dem Taxi.
Einen weinroten Lederkoffer in der einen Hand und eine rosarote Zuversicht in der anderen. Es war gegen 18 Uhr, als er bei Fred anläutete. Fred war ein Landsmann, eine Sandgrubenbekanntschaft, und hatte die Provinzflucht schon fünf Jahre hinter sich. Fred verließ die Steiermark als mittelloser Installateur mit etwas Bauchansatz und kam im blütenweißen BMW-Cabrio, mit ebenso blütenweißem Armani-Anzug zurück. Natürlich nur auf Kurzurlaub, „Provinzsiesta“, wie er es nannte, um eben besagter Provinz ihre Beschränktheit unter die Nase zu reiben und den Daheimgebliebenen den Way of Life des Großstadtlebens hinzuknallen.
Auf seiner Heckscheibe hatte er einen Aufkleber:
Style is the difference, the way of doing!
Charles Bukowski
Das sagte alles, zumindest für Paul Lindner. Yes, dachte er, in diesen Dimensionen musste man denken, musste man handeln, er handeln, denn sein ganzes Gedankengut war schon längst auf den „Way of Life“ einer Großstadt fixiert.
Bukowski auf der Heckscheibe eines BMW-Cabrios gab ihm schließlich die Initialzündung zum Aufbruch, the way of doing.
Und jetzt stand Paul Lindner da in der Fraunhoferstraße 23F, mit dem Lederungetüm eines Koffers, den nicht einmal Bukowski getragen hätte, style is the difference, und keiner öffnete.
Leichte Unruhe überkam ihn, denn trotz seines chaotischen Innenlebens galt er als verbindlicher Mensch, oder vielleicht gerade deswegen. Die Verbindlichkeit als kleiner Halt am schmalen Weg der Abgründe.
Seinem Wesen aus Verbindlichkeit, einem Handschlag des Wortes, standen zu oft nebulöse Floskeln, leere Worthülsen gegenüber. Er wusste zwar, dass ihm keiner in der Verlässlichkeit das Wasser reichen konnte, aber er setzte es in seiner Hoffnung voraus. Hatte er sich also auch in Fred getäuscht? War das Versprechen, ihn bei sich aufzunehmen bis München ihn aufnahm, eine Luftblase? Das Lederungetüm von Koffer wurde allmählich untragbar schwer und seine rosarote Zuversicht schwand mit jedem Knopfdruck an der Haustür. Er rechnete schon die Hotelzimmerkosten durch, die nun auf ihn zukamen, da räusperte sich jemand in der Gegensprechanlage und die Haustür sprang auf.
Es ist wie eine halbersoffene Wiese,
verwaist und taub, im Fleische matt.
Er will gern schlafen,
wenn man ihn nur ließe.
Ein grüner Himmel, der geregnet hat.
Bert Brecht
Fred öffnete ihm in einem Zustand von Schlaftrunken- und Aufgewühltheit. Die Pupillen weit offen und dennoch wirkten seine Augen, überhaupt seine gänzliche Verfassung in tiefer Müdigkeit versenkt.
Die Stereoanlage war laut aufgedreht, dass die Kaffeetassen, die scheinbar als Aschenbecher zweckentfremdet wurden, schrill vor sich hin klirrten. Das Badewasser dampfte aus der Badezimmertür, der Telefonhörer lag wie ein weggeworfener Gegenstand neben dem Sofa; am Boden war Kleidung verstreut, Jeans, T-Shirt, Krawatten. Alles machte auf Paul Lindner den Eindruck, als wäre ein Erdbeben, ein Raubüberfall oder einfach die Verzweiflungstat eines zersprengten Gemüts geschehen.
Für Fred jedoch schien alles im Lot, alles in der Norm seiner Alltäglichkeit zu sein, eine Andeutung von Lächeln entkam seinen weit geöffneten Pupillen. Fred wirkte clownesk, als wäre soeben ein Luftballon in seiner Zirkuswelt geplatzt, nicht mehr und nicht weniger.
Für Paul Lindner war es die erste Begegnung mit jener seltsam spezifischen Münchner Krankheit, die Chemiker mit der Formel C17-H21-NO4 bezeichneten und die Szene schlichtweg Koks nannte.
If you want to hang out,
you gotta take her out, Cocaine.
If you want to get down,
down on the ground, Cocaine.
C.C. Cale
Stets geheimnisvoll umschrieben, mit Begriffen, wie sie Kinder in Abzählreimen wohl verwenden; märchenhaft andeutend im Beginn, alptraumhaft für viele in ihrer Endphase.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte Paul Lindner nicht, dass er die Märchenwelt des Schnees, inkludiert der Alpträume, bald inniger und nachhaltiger erfahren, jene Sprache fließender beherrschen würde, als ihm Fred bei seiner Ankunft darbot.
Die Mechanik seiner Naivität hatte ihn bisher von Drogen absorbiert, noch war er der Provinzdroge Alkohol verfallen. Er trank zuweilen über den Grad des Erträglichen, aber konnte durchaus wie ein Schichtarbeiter bis zum Wochenende ohne Alk auskommen.
Selbst Wien, gerade Wien gefährdete Paul Lindner diesbezüglich nicht. Die dunklen, urinierten Ecken des Praters fand er genauso abschreckend wie die versifften Toiletten im U4. Paul Lindner hatte das Bukowski-Zitat verinnerlicht: Style is the difference!
Jene Drogenumschlagplätze Wiens entsprachen dem Dreckversteck, den Schattenplätzen, die er nicht in seiner naiven Lebensplanung notiert hatte. Paul Lindner suchte nach Licht, nach Style, nach sich: der Schatten Wiens schüttelte ihn ab, warf ihn nach München.
Fred schlief 12 Stunden, schlief einen Tiefschlaf wie ein Bergarbeiter nach harter Schicht.
Sein Körper schüttelte sich wie von Stromschlägen durchzuckt, die Zähne knirschten und die Zunge kämpfte mit den ausgetrockneten Schleimhäuten. Fred schien schonungslose Nächte hinter sich zu haben, so ausgelaugt zappelte sein Körper im Schlafnetz.
Читать дальше