Immer wieder werden wir gefragt, ob evidenzbasierte Studiendaten zu den Themen der Stressmedizin vorliegen, die z.B. zeigen, dass mentale Stressbelastungen wirklich krank machen, die Morbidität erhöhen und den Verlauf von Erkrankungen bis hin zu Mortalitätsdaten zusätzlich negativ beeinflussen. Aus Sicht der modernen Stressforschung kann dies mit „ja“ beantwortet werden: hohe mentale Stressbelastungen machen Menschen krank. Sie verschlechtern die Prognose, wenn Vorerkrankungen bereits bestehen, sie gelten jedoch auch als Trigger und Auslöser vieler ganz unterschiedlicher Erkrankungen.
Neben den klinischen Studien mit Patienten existiert eine große Datenmenge zu den krankmachenden Details auf der Ebene von Zellen, Geweben und Organsystemen. Der Kreis schließt sich mit den vielen Studienergebnissen, die die weiteren Folgen der zellulären Veränderungen und Schäden für die Gesundheit der Menschen aufzeigen. Die vielfältigen und komplexen Wirkungen der Stresshormone im Körper sind heute viel klarer als noch vor Jahren.
Hierbei sind die international viel beachteten, doppelblinden, randomisierten, prospektiven klinischen Studien besonders wichtig. Sie zeigen auch, dass die Medizin eine neue Richtung nehmen könnte, und zwar in Richtung einer modernen kausalen Stressmedizin.
3.1 Was meint evidenzbasierte Medizin (EBM)?
Seit Mitte der 90er-Jahre etwa hat sich auch in Deutschland zunehmend der Begriff der so genannten evidenzbasierten Medizin (EBM) etabliert. Dieser Begriff beschreibt in der aktuellen Bedeutung auf der einheitlichen Basis einer wissenschaftlichen Bewertungsmethode die Güte und Qualität medizinischer Studien. Ursprünglich wurde diese Methode von Sackett et al. (1996, 1999) begründet und in die Medizin-Wissenschaft eingeführt. Sie beschreibt, wie und nach welchen so genannten „evidenzbasierten“ Kriterien medizinisch-wissenschaftliche Publikationen bewertet werden können. Die ursprünglichen Absichten von Sackett und Kollegen waren zunächst jedoch ganz andere. Sie wollten in erster Linie in dem Wirrwarr der vielen neuen Publikationen, die Monat für Monat weltweit erscheinen, Ordnung schaffen. Im Vordergrund stand dabei die Frage, welche Studien aufgrund des Studiendesigns, also der Studienplanung, Durchführung und der Auswertungsmethodik, besonders hohe Aussagekraft besitzen. In diesem Fall sind die Ergebnisse besonders relevant. Es sollte auch möglich werden, anhand der definierten Merkmale einzuschätzen, welche Studien bezüglich ihrer Aussagekraft weniger stark sind. Aussagekräftige und nach validen Kriterien durchgeführte Studien sollten so einen höheren Evidenzgrad erhalten. Das von Ihnen eingeführte System ist demnach ein willkürlich definierter einheitlicher Bewertungsstandard für klinische Studien. Im Vordergrund stehen dabei die von ihnen frei gewählten Kriterien wie die der Nachvollziehbarkeit der methodischen Vorgehensweisen, des Studiendesigns, der statistischen Auswertungen usw. Es ging darum, wie gut und transparent die gesamten Daten dargestellt worden sind. Daraus kann möglicherweise abgeleitet werden, wie aussagekräftig die vorliegenden Ergebnisse sind und vor allem welche Interpretationen sich daraus ergeben. Heute gilt diese Methode als Qualitätsmerkmal klinischer Studien. Ein hoher Evidenzgrad bedeutet dabei, dass die Ergebnisse eine hohe statistische Absicherung haben.
Allerdings sind auch viele Missverständnisse um die EBM entstanden. Auch deshalb, weil der Begriff nicht direkt aus dem Englischen ins Deutsche übersetzbar ist. Die Bedeutung der im englischen Sprachgebrauch als „evidence based medicine“ beschriebenen Methode wird bei genauer Eins-zu-eins-Übersetzung ungenau. Allerdings wurde von Sackett und Kollegen immer wieder darauf hingewiesen, dass die EBM-Technik nur ein Werkzeug für die Bewertung von Studiendaten darstellt. Stattdessen wird der Begriff EBM immer wieder als Empfehlungsgrundlage für die Vorgehensweise von Ärzten in der Praxis zitiert und als Mittel der Wahl dar-gestellt. Ärzte sollen aufgrund der Ergebnisse aus Studien mit hohem Evidenzgrad eine bestimmte Therapie eher durchführen oder eine bestimmte Diagnostik eher anwenden, da deren „evidence“ in Studien höher war, damit das Ganze besser belegt erscheint als für alternative Vorgehensweisen.
Für die Entscheidungen des Arztes sind jedoch neben den klinischen Studien und deren Evidenzgraden vor allem auch dessen eigene, persönliche, medizinische Erfahrungen relevant. Dies sollte immer wieder deutlich gemacht und erwähnt werden.
Ein weiteres Hauptziel von Sackett und Kollegen ist, dass anhand der Kriterien der evidenzbasierten Medizin neue Aspekte und Vorgehensweisen innerhalb der Medizin neu diskutiert werden sollen: „Externe klinische Evidenz führt zur Neubewertung bisher akzeptierter medizinischer Verfahren.“ (Quelle: Sackett DL, et al., MMW, 1997)
Bei Betrachtung der enormen klinischen Bedeutung mentaler Stressbelastungen für die Gesundheit von Menschen und damit einhergehend der Stressforschung bzw. der Stressmedizin stellt sich auch die Frage, ob die Daten nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin (EBM) betrachtet werden können?
Dahinter stehen scheinbar einfache Fragen wie die folgenden: Belegen Studiendaten, dass hohe mentale Stressbelastungen zu Erkrankungen führen, sich die Symptome verschlechtern und/oder entsprechend schwere Ereignisse dadurch ausgelöst werden können? Welche Bedeutung haben die Stressbelastungen als Trigger für unterschiedliche Erkrankungen? Steigen Mortalität und Morbidität bei Menschen mit hohen Stressbelastungen? Ist der Risikofaktor Stressbelastung nachweislich wirksam und welchen Einfluss hat dieser auf andere Risikofaktoren und Erkrankungen wie Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung, Arteriosklerose, Tinnitus, Kopfschmerzen, Migräne und viele mehr?
Gleichzeitig lassen sich daraus unmittelbar weitere Fragstellungen ableiten. Warum wurden die Studiendaten bisher so wenig berücksichtigt, gewürdigt, analysiert und für die Umsetzung in der Praxis genutzt? Warum wurden so selten praktische, wirksame Lösungen zur Reduktion der Belastungen und des Risikofaktors umgesetzt?
3.2 Klinische Daten, Metaanalysen und Reviews zur EBM
Die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Neuromentale Medizin, Stressforschung und Gesundheitsmanagement e.V. (DGNM), die 2004 in Essen gegründet wurde, gehen diesen Fragen seit Jahren systematisch nach und recherchieren hierzu die weltweit verfügbaren Studiendaten. In Übereinstimmung mit vielen anderen Forschungsinstituten auf der ganzen Welt ist die Datenlage bezüglich der Bedeutung mentaler Stressbelastungen und möglicher Folgeerkrankungen insbesondere nach den Kriterien der EBM überzeugend belegt.
Diese Studiendaten belegen die Evidenz auf Ebene der:
Grundlagenforschung, mit den patho-physiologischen Mechanismen, bis hin zu den zellulären Schritten.
klinischen Studien, mit ausreichend hohen Fallzahlen und langen Beobachtungszeiträumen wie mehreren Monaten bis hin zu Jahren.
publizierten Metaanalysen und Reviews zu diesem Themenkomplex.
Besonders die großen klinischen Studien, von denen hier nur einige kurz aufgezählt werden, sind wichtige Meilensteine im Hinblick auf die Fragen, inwieweit psychosoziale Risikofaktoren Einfluss auf diverse Erkrankungen haben können und wie einzelne Aspekte von mentalen Stressbelastungen sich bemerkbar machen bzw. auswirken können:
Die SHEEP Studie: Peter R., Siegrist J., Hallquist J. et al., 2002 (R. Peter, J. Siegrist, J. Hallqvist, C. Reuterwall, T. The-orell and S.S. Group, Psychosocial work environment and myocardial infarction: improving risk estimation by combining two complementary job stress models in the SHEEP Study, J. Epidemiol Community Health 56 [2002], pp. 294-300)
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