Später wurde Familienrat gehalten, beschlossen und verkündet:
„Der Isidor muss folgen, komme was da wolle! So geht das nicht weiter. Er blamiert uns bis auf die Knochen. Er muss Fuß gehen, sitzen, kommen, platzen, wann ich das will und nicht, wann er will!“
„Du hast Recht, wir müssen endlich was unternehmen!“
Ein schlauer Hund, der solche wüsten Drohungen zu Ohren kriegt, versteckt sich unter dem nächstbesten Bett und wartet ab, bis sich das heranziehende Unheil wie ein Maigewitter verzogen hat oder bis in Vergessenheit gerät, dass man sich seinetwegen vor Astor und seinem Herrchen geschämt hat.
Ich war weniger gewieft und freute mich närrisch auf einen Spaziergang außer der Reihe, als Herrchen die Leine und das Würgehalsband nahm. Fröhlich zerrte ich meinen Leitwolf in den Wald, wo er mir unter Ausschluss der Öffentlichkeit das Zerren abgewöhnen wollte.
Das lief dann wie folgt und in der Regel bei allen weiteren Versuchen immer so ab: Er stellt das Würgehalsband auf Zug und sagt laut und betont: „Fuß!“
Sie sagt: „Mach schön Fuß, Isilein!“
Herrchen: „Das versteht er doch nicht. Das Kommando heißt kurz und bündig: Fuß“
Frauchen: „Woher soll Isidor denn wissen, was Fuß ist!“
„Das zeig ich ihm doch gerade!“ 
Er zerrt mich an sein Knie. Ich keuche und schnaube und versuche dem Würgehalsband mit aller Kraft zu entkommen. Zu blöd, denk ich, dass mein allerliebstes Herrchen nicht merkt, dass ich gleich ersticke! Er muss doch merken, in welcher Gefahr ich mich befinde.
Herrchen dann ziemlich unfreundlich zu mir: „Verdammt noch mal, du sollst Fuuuuß gehen!“
„Ich denke das Kommando soll einfach nur Fuhuß heißen!“
Er (nervös): „Isi, Fuuuuuuß!“
Sie: „Du bringst ihn um. Du würdest auch nichts kapieren, wenn du keine Luft mehr kriegst. Komm zu Frauchen, Isi, armer Isidor!“
Er (verzweifelt): „Der Hund ist einfach blöd! Der lernt das nie!“
Darauf mein süßes Frauchen: „Dann lasse ihn halt frei...“
Und somit war die erste Lektion zu meiner vollsten Zufriedenheit abgeschlossen.
Auf dem Heimweg sinnierten Herrchen und Frauchen darüber, dass sie sowieso keinen devotischen und kriecherischen Hund haben wollen, sondern sich an einem charaktervollen unverbogenen selbstbestimmten Tier erfreuen möchten. Ich hab das schon immer geahnt, quod erat demonstrandum.
Je größer ich wurde, umso feiner entwickelten sich auch meine Geschmacksknospen und ich lernte bald den Unterschied zwischen Hühnerbeinchen wie Herrchen sie leidenschaftlich knabberte und Dosenfutter, das für mich bestimmt war, zu erschnuppern. Mein Herrchen - auch Schatz, Striezi oder Brummer von seinem Weib genannt - ist in der christlichen Tradition
aufgewachsen und erzogen. Er weiß, dass Geben seliger ist denn Nehmen und dass der, der zwei Hühnerbeinchen hat, dem eins geben soll, der keines hat. Aus dieser Zeit erster Gaben vom Tisch des Herrn und des Brotbrechens und Teilens stammt auch meine starke Bindung an Schatzi, Brummer, Herrchen oder wie er sonst noch genannt wird. Nicht dass ich ihn weniger liebte, wenn er mir nichts abgegeben hätte, aber diese Leckereien waren einfach das Sahnehäubchen auf unserer Beziehung.
Ein Schlaraffenland war nichts dagegen, bis, ja bis Sie - genannt, Pummelchen, Liebling, Mausi oder Frauchen (von mir) - hinter unsere geheime Leidenschaft kam.
„Ich seh‘ wohl nicht richtig! Du erziehst den Hund ja zum Betteln.“ (Plötzlich war ich nur noch ein „Hund“, nix Isidor wie sonst.) „Also das muss in Zukunft unterbleiben! Ich mein das ganz ernst, du brauchst gar nicht so zu gucken! Und du auch nicht!“ Damit meinte sie mich und schaute streng und wild entschlossen in unsere todtraurigen Begossene-Pudel-Augen.
Weil wir stets sicher sind, dass dieser Blick herzerweichend ist und auch so wirkt, guckten wir so lange so, bis Pummelchen grinste. Sie tätschelte Herrchen mit der rechten und mich mit der linken Hand. Dann seufzte sie tief:
„Na ja, aber auf gar keinen Fall am Tisch!“
Das Füttern mit dem, was man selber essen möchte, ist ganz normal unter uns Hunden. Die Hundemamas nehmen ein Stück in den Mund, kauen es vor und geben es dann an ihre Babys. Und dasjenige, das sich am meisten vordrängt, bekommt auch das meiste. Das Betteln ist also ein natürliches Freßverhalten eines Hundes.
Die meisten Hundefreunde ahnen das und dulden hundliches Betteln in der Regel. Natürlich nur, wenn kein Fremder zuschaut. (Das ist genauso,
wie wenn Menschenmamis ihrem Kleinen den Schnuller in Gegenwart Fremder wegnehmen und ihnen später, wenn sie allein sind wieder geben.) Dann, ja dann, füttert auch das strengste, prinzipientreuste Herrchen heimlich seinen kleinen Liebling mit extra gekaufter Wurst, leckerem Bratenrand, Hühnerknorpel oder Käserestchen.
Um sich diese Vorzüge zu erhalten, muss hund allerdings ein wenig mitdenken und -arbeiten. Wenn Besuch zum Essen da ist, verrate ich z.B. nicht, dass Herrchen mir normalerweise bei Tisch die schönsten Leckereien zusteckt. Ich tu dann immer total uninteressiert, als wenn ich in meinem Leben noch nie woanders als in der Küche aus meinem Napf gefressen hätte.
Menschen haben eine seltsam gespaltene Einstellung zum Betteln. Erkennen sie einen Bettler auf der Straße, dann sehen sie ihn eigentlich nicht. Jedenfalls tun sie so, denn Betteln gehört sich nicht. Armut und Elend, das mögen sie nicht, das betrachten sie als Vorwurf gegen sie selbst. Also, am besten man übersieht das und spendet lieber bei einem eingetragenen gemeinnützigen Verein oder sie vererben ihr Vermögen dem Tierschutzverein.
Es gibt auch welche, die was in den Hut reinwerfen. Die sind dann nach alter Pfadfindermanier glücklich, weil sie ihr Motto „jeden Tag eine gute Tat“ erfüllt haben.
Aber Hunde dürfen nun mal nicht betteln. 
Schizophren, wie die Menschen sind, verleiten sie aber ihre Kleinkinder bzw. die Kinder der anderen im Supermarkt zum Betteln. Sie bauen an den Kassen ein Himmelreich für die Kids und die Hölle für die Mütter auf. Aber die Wirtschaft muss angekurbelt werden, auch wenn das den Eltern nicht passt. Auch die Zahnärzte sind nicht unglücklich über Mehrarbeit, auch wenn sie so tun, als wäre Prävention und Pflege ganz wichtig. Betteln ist immer noch besser als quengeln, meinen die Süßwarenhersteller.
Und wenn wir armen, kleinen, unschuldigen Hunde mit unseren Blicken verfolgen, wie Menschen Leckerbissen in den Mund schieben, dann heißt es gleich, wir seien unerzogen und würden schamlos betteln. Dabei schauen wir doch nur freundschaftlich und aufmerksam zu und gönnen unserem Herrchen die Schmankerl von ganzem Herzen. Sollte uns beim Zusehen etwas Speichel aus den Mundwinkeln laufen, dann hat das nichts mit Betteln zu tun. Das wusste sogar der berühmte Herr Pawlow. Er nannte dieses ununterdrückbare Sabbern „einen bedingten Reflex“ und 1904 bekam der kluge Mann sogar den Nobelpreis!
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