»Blick in die Ecke dort, mein Sohn, dort wirst Du einen Schleier finden. Bring ihn hierher.«
Der Ritter gehorchte. Als er den Schleier ans Licht brachte, sah er, daß er zerrissen war und an mehreren Stellen dunkle Flecke hatte. Der Einsiedler blickte auf den Schleier mit tiefer Rührung, ehe er das Wort an den Ritter richten konnte, bezwang sich wohl, mußte jedoch seinem Herzen durch tiefes Stöhnen Luft machen.
»Du sollst jetzt den reichsten Schatz der Erde sehen,« sagte er dann; »wehe mir, daß meine Augen dessen nicht würdig sind. Ach, ich bin das schlechte, verachtete Schild, das dem müden Wanderer eine sichere Ruhestätte weist, aber selbst immer auf der Straße bleiben muß. Vergebens habe ich mich in die Felsenklüfte und in den Schoß der dürren Wüste geflüchtet. Mein Feind hat mich gefunden – gerade der, den ich verleugnete, hat mich bis in meine Feste verfolgt.«
Wieder schwieg er eine Weile, dann wandte er sich zu dem Ritter und sagte fester und bestimmter als bisher: »Ihr bringt mir einen Gruß von Richard von England?« – »Ich komme aus dem Rate christlicher Fürsten,« entgegnete der Ritter; »da aber der König sich nicht wohl befand, ward mir die Ehre nicht zuteil, die Befehle Sr. christlichen Majestät zu vernehmen.« – »Euer Zeichen?« fragte der Einsiedler.
Ritter Kenneth zauderte. Sein früherer Argwohn und die Spuren von Wahnsinn, die der Eremit gezeigt hatte, schossen ihm in den Sinn. Aber warum sollte er Mißtrauen hegen gegen einen Mann mit so heiligem Wesen? – »Meine Parole,« sagte er endlich, lautet, so: Könige bettelten bei einem Bettler.« – »Sie ist richtig,« versetzte der Eremit innehaltend. – »Ich kenne Euch wohl; aber die Schildwache auf ihrem Posten – und der meinige ist wichtig – ruft Freund wie Feind an.« Er ging hierauf mit der Lampe vorwärts, dann den Ritter in das Gemach zurück geleitend, aus dem sie eben getreten waren. Der Sarazene lag noch auf seinem Lager in tiefem Schlafe. Der Einsiedler blieb neben ihm stehen und sah eine Zeitlang schweigend auf ihn nieder. »Er schläft im Dunkeln,« sagte er, »und soll nicht geweckt werden.«
Die Haltung des Emirs weckte wirklich die Vorstellung von tiefer Ruhe. »Er schläft im Dunkeln,« wiederholte der Eremit so leise wie vorhin, »aber auch für ihn wird es Tag werden. – O Ilderim! wenn Du wachst, sind Deine Gedanken noch ebenso eitel und wild, wie diejenigen, die in Deinem schlummernden Gehirn ihren Wirbeltanz aufführen; aber die Drommete wird erschallen und Dein Traum verschwinden.«
So sprechend, winkte er dem Ritter, ihm zu folgen, begab sich hinter den Altar und drückte eine Springfeder, die sich geräuschlos öffnete und eine kleine eiserne Tür bloß legte, die seitwärts in der Höhle angebracht und, wenn man nicht genau hinsah, fast nicht zu sehen war. Ehe er sie ganz öffnete, tröpfelte er etwas Oel aus seiner Lampe auf die Angeln. Dann zeigte sich eine kleine, in den Felsen gehauene Treppe. »Nimm den Schleier hier,« sagte der Eremit schwermütig, »und verbinde mir die Augen; denn, ich darf den Schatz nicht sehen, den Du jetzt erblicken sollst, ohne mich der Sünde und Vermessenheit schuldig zu machen.« Ohne zu antworten, verhüllte der Ritter hastig den Kopf des Eremiten mit dem Schleier, worauf dieser die Treppe hinauf stieg, wie jemand, der den Weg zu genau weiß, um Licht zu brauchen, leuchtete aber dabei dem Schotten, der ihm über viele Stufen auf der engen Stiege folgte. Endlich blieben sie in einem kleinen Gewölbe von unregelmäßiger Form stehen. In dem einen Winkel desselben verlief sich die Treppe, während in einem andern eine andere gotische Tür sich befand, die den Schmuck, aber in roher Arbeit, der gewöhnlichen Zutaten zu Säulen zeigte und durch ein stark mit Eisen und großen Nägeln beschlagenes Gitter abgesperrt war. Dorthin lenkte der Einsiedler die Schritte, die, als er naher heran gelangte, unsicher zu werden schienen. »Zieh die Schuhe aus,« sagte er zu seinem Gefährten; »der Boden, auf dem Du stehst, ist heilig. Verbanne aus Deinem Innersten jeden weltlichen und fleischlichen Gedanken; denn solchen hier nachzuhängen, wäre Todsünde.« Der Ritter tat, wie ihm befohlen, während der Eremit, wie im stillen Gebet, mit seinem Herzen abzurechnen schien. Die Tür öffnete sich darauf von selbst. Wenigstens sah Kenneth niemand, aber ihn blendete ein Strom hellsten Lichtes und ein starker, fast betäubender Duft reinsten Wohlgeruchs strömte ihm entgegen. Ein paar Schritte trat er zurück, aber es vergingen Minuten, ehe er sich von der überwältigenden Wirkung des plötzlichen Ueberganges aus der Finsternis zum Licht erholte.
Als er in das Gemach trat, worin sich dieser helle Glanz verbreitete, bemerkte er, daß das Licht von einer großen Menge silberner Lampen herrührte. Sie hingen an silbernen Ketten vom Dache einer kleinen gotischen Kapelle herab, die, wie so ziemlich die ganze merkwürdige Einsiedelei, aus der harten Felsenmasse gehauen war. Aber so roh und einfach die Arbeit an sich war, so zeugte sie doch von der Hand eines geschickten Architekten. Die geäderten Decken erhoben sich zu beiden Seiten auf sechs, mit seltener Kunst gearbeiteten Säulen, und die Art, wie die Bogen untereinander durch passenden Zierat verbunden waren, verriet überall den vornehmsten Stil der Baukunst des Zeitalters. Mit der Pfeilerreihe standen auf jeder Seite sechs künstlich gearbeitete Nischen in Beziehung, die Statuen der zwölf Apostel bergend.
Am oberen, östlichen Ende der Kapelle stand der Altar. Ein prächtiger, reich mit Gold gestickter Vorhang von persischer Seide verhüllte eine hinter ihm befindliche Nische, die wahrscheinlich ein Heiligenbild oder eine noch heiligere Reliquie enthielt, der zu Ehren diese merkwürdige Andachtsstätte errichtet worden war. Kenneth trat zu dem Heiligenschrein, kniete vor ihm nieder und wiederholte sein Gebet mit Inbrunst. Plötzlich aber hob sich der Vorhang, ohne daß der Ritter sah, wie oder durch wen, und in der Nische erblickte er einen Schrank von Silber und Ebenholz, mit doppelter Flügeltür, eine gotische Kirche im kleinen darstellend. Gleich darauf flogen die beiden Flügeltüren auf, und ein großes Stück Holz mit der Inschrift: Vera Crux wurde sichtbar, zu gleicher Zeit sang ein Chor weiblicher Stimmen Gloria Patri. Als der Gesang schwieg, schloß sich der Schrein wieder, der Vorhang senkte sich wieder, und der Ritter konnte nun ungestört seine Andacht fortsetzen. Es währte geraume Zeit, bis er sich wieder erhob und sich nach dem Eremiten umsah, der ihn an diesen heiligen, geheimnisvollen Ort geführt hatte. Er sah ihn, den Kopf noch immer vom Schleier verhüllt, vor der Tür der Kapelle liegen, wie jemand, den die Last seiner Schuld zu Boden wirft.
Kenneth näherte sich ihm, als ob er ihn anreden wollte, allein der Einsiedler, seine Absicht erratend, murmelte hinter der Hülle, die seinen Kopf bedeckte, in halb erstickten Tönen: »Bleib, und wohl Dir, daß Du sehen darfst – das Gesicht ist noch nicht zu Ende.« Hierauf erhob er sich, trat hinter die Schwelle zurück und verschloß die Tür der Kapelle, die so genau mit dem Felsen zusammenhing, daß Kenneth nur mit Mühe die Öffnung entdecken konnte. Er befand sich jetzt allein in der erleuchteten Kapelle, ohne andere Waffe als seinen Dolch, allein mit seinen frommen Gedanken, doch im Bewußtsein unverzagten Mutes.
Entschlossen, den Verlauf der Begebenheiten abzuwarten, wanderte der Ritter in der einsamen Kapelle bis zum ersten Hahnenschrei umher. Um diese stille Zeit, wo Nacht und Morgen einander begegnen, drang plötzlich, ohne daß er unterscheiden konnte, aus welcher Richtung, der silberne Klang eines Glöckchens, wie sie bei der Erhebung der Hostie oder bei dem Meßopfer geläutet wurden, an sein Ohr. Gleich darauf lüftete der seidene Vorhang sich wieder, und die Reliquie zeigte sich seinen Blicken wieder. Ehrfurchtsvoll sank er auf die Knie und vernahm den Klang der Lobgesänge, wie vorher von weiblichen Stimmen. Der Ritter ward bald inne, daß die Stimmen sich langsam der Kapelle näherten und verstärkten – da öffnete sich ebenso unbemerkbar wie die, durch die er eingetreten war, eine zweite Tür. Atemlos vor Spannung heftete der Ritter sein Auge auf die Öffnung, und während er, wie es Ort und Handlung erheischten, auf den Knien liegen blieb, harrte er der weiteren Dinge. Zuerst traten vier schöne Knaben, barfuß und nackt bis zum Gürtel, paarweise in die Kapelle; die bräunliche Haut des Orients bildete einen eigentümlichen Kontrast zu ihren schneeweißen Gewändern. Das erste Paar schwenkte Räucherpfannen, das zweite Paar streute Blumen.
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