»Ich bin Theodorich von Engaddi,« sagte er, »der Wanderer der Wüste – Freund des Kreuzes und Geißel aller Ungläubigen, Ketzer und Teufelsanbeter. Hütet Euch – hütet Euch! Nieder mit Mohammed, Satan und ihren Anhängern!«
Unter seinem zottigen Gewände riß er eine mit Eisendraht umwundene Keule hervor und schwang sie um sein Haupt.
»Da hast Du Deinen Heiligen!« sagte der Sarazene, indem er zum erstenmal über das unbegrenzte Erstaunen lachte, womit Ritter Kenneth die wilden Gebärden Theodorichs betrachtete.
»Ein Wahnsinniger!« sagte Sir Kenneth. – »Und doch ein Heiliger,« entgegnete der Muselmane, »wisse, Christ, wenn das eine Auge erloschen ist, sieht das andere um so schärfer – ist die eine Hand abgehauen, wird die andere desto kraftvoller. So wird auch, wenn unsere Vernunft in menschlichen Dingen gestört oder aufgehoben ist, unser Blick himmelwärts geschärfter und vollkommener.«
Da schrie der Einsiedler wild in singendem Tone: »Ich bin Theodorich von Engaddi – der Fackelbrand der Wüste – die Geißel der Ungläubigen. Löwe und Leopard sollen in meiner Zelle Schutz finden, und der junge Bock soll sich nicht fürchten vor ihren Klauen. Ich bin die Fackel und die Leuchte! – Kyrie Eleison!« – Er schloß seinen Gesang mit einem kurzen Laufe, den er mit drei raschen Sprüngen endigte, die sich mit seinem Einsiedlerstande so wenig vertrugen, daß der Ritter sich förmlich entsetzte, während der Sarazene ihn besser zu verstehen schien. »Wie Ihr seht,« sagte er, »rechnet er, daß wir ihm in seine Zelle folgen, die allerdings unser einziger Zufluchtsort für die Nacht ist. – Ihr seid der Leopard, nach der Devise auf Eurem Schilde, ich bin der Löwe, wie mein Name sagt, und mit dem Bock meint er sich selbst, auf sein Gewand aus Ziegenfellen anspielend. Aber wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren, denn er ist flink wie ein Dromedar.«
Durch Klüfte und auf wilden Pfaden rannte nun der seltsame Hüne entlang, so daß der Sarazene schon Mühe hatte, ihm zu folgen und oft mit seinem flinken Berberrosse zu straucheln drohte, der Ritter aber mehr als einmal dem sicheren Tode nahe war und Gott von Herzen dankte, als er endlich nach diesem wilden Laufe den heiligen Mann mit einer Fackel in der Hand am Eingange der Höhle stehen bleiben sah.
Erstickender Dampf schlug ihm entgegen, schreckte ihn aber nicht zurück. Er trat hinter seinen hünenhaften Führer in die Höhle, die zwei Abteilungen aufwies: in der äußeren befand sich ein steinerner Altar mit einem Kruzifix aus Rohr: sie diente dem Anachoreten zur Kapelle; an der anderen Wand band der Ritter sein Roß an, während der Eremit den inneren Raum für seine Gäste herrichtete. Der Fußboden war mit weißem Sand bestreut worden; Matratzen, aus Binsen geflochten, lagen an den Wänden, die mit Kräutern und Blumen behängt waren. Zwei Wachskerzen gaben dem Raum ein freundliches Aussehen, und Wohlgeruch und Kühle machten ihn angenehm.
In einem Winkel lag das Arbeitsgerät des Eremiten, in einem anderen stand eine rohe Bildsäule der heiligen Jungfrau. Ein Tisch und zwei Sessel, von dem Eremiten selbst verfertigt, mit Kräutern, Gemüse und gedörrtem Fleische bedeckt, bildeten das einzige Mobiliar. Der Einsiedler betrat seine Zelle wie jemand, der geboren scheint, die Menschen zu beherrschen, aber seiner Herrschaft entsagt hat, um ein Diener des Himmels zu werden.
Schweigend winkte er dem Schotten, sich zu setzen, indes der Sarazene sich auf ein Mattenpolster kauerte. Dann erhob er die Hände, wie um die Erfrischungen, die er seinen Gästen vorsetzte, zu segnen: ein seltsamer Kontrast zu dem wilden Wesen, das er vor wenigen Augenblicken draußen zwischen den Felsen gezeigt hatte ... Er selbst aß keinen Bissen, räumte aber, als seine Gäste ihre Mahlzeit geendigt hatten, die Ueberreste hinweg und setzte dem Sarazenen einen Krug Scherbet, dem Schotten eine Flasche Wein hin.
»Trinkt, Kinder!« sprach er – es waren die ersten Worte, »Gottes Gaben darf man genießen, wenn man sich dabei des Gebers erinnert.«
Als er dies gesagt, zog er sich in die äußerste Zelle zurück, wahrscheinlich, um seine Andacht zu verrichten, und ließ seine Gäste in dem inneren Gemache allein. Kenneth rief sich in die Erinnerung, was ihm von diesem seltsamen Einsiedler, der bei den höchsten Dienern der Christenheit in so hohem Ansehen stand, bekannt war. Auf Konzilien war er Berichterstatter, bei Päpsten Sekretär gewesen. Zu Clermont hatte er den ersten Kreuzzug gepredigt. Vormals, wie der Sarazene ihm erzählte, ein tapferer, mutiger Krieger, weise im Rat und glücklich in der Schlacht, sei er in Jerusalem erschienen, nicht als Pilger, sondern in der Absicht, sein Leben dem heiligen Lande zu weihen, und habe sich an dem öden Orte niedergelassen, wo sie ihn jetzt fanden, geehrt von den Lateinern seiner strengen Frömmigkeit wegen, gelitten von den Türken und Arabern wegen der an ihm vorhandenen Symptome des Wahnsinns. Bei ihnen hieß er nicht anders als Hamako: was in der türkischen Sprache einen wahnsinnigen Seher bezeichnet, und sein Ruf habe sich soweit verbreitet, daß Saladin befohlen habe, ihn zu schonen und zu beschützen. Weiter wußte oder wollte der Sarazene nichts sagen, denn der Ritter gewann den Eindruck, als ob die Bekanntschaft zwischen beiden sich weiter erstreckte, als die Aeußerungen des Sarazenen vermuten ließen; auch war ihm nicht entgangen, daß der Seher den Sarazenen bei einem anderen Namen genannt, als der war, den er selbst angegeben hatte.
»Nimm Dich in acht, Sarazene,« sagte er, »mich dünkt, unser Wirt ist in Namen so konfus wie in anderen Dingen. Du nennst Dich Scharfhaupt, und gleichwohl nannte er Dich vorhin ganz anders.«
»Als ich noch in meines Vaters Zelte war, hieß ich Ilderim,« entgegnete der Kurdistane, »und so nennen mich noch viele. Im Felde und unter den Soldaten bin ich als Löwe des Berges bekannt. Doch still! Hamako kommt! ich kenne seine Art – er will zur Ruhe, denn beim Nachtgebet läßt er sich nicht belauschen.«
Der Anachoret trat ein. Die Arme über der Brust verschränkend, sprach er feierlich: »Gepriesen sei der Name dessen, der die ruhige Nacht dem geschäftigen Tage folgen läßt.« Beide Krieger sprachen: »Amen!« standen auf und begaben sich zu ihrem Lager, und nachdem sie, jeder nach seinem Glauben und Ritus ihr Gebet verrichtet hatten, waren sie bald von tiefem Schlaf umfangen.
Kenneth, der Schotte, hatte keine Ahnung, wie lange seine Sinne in tiefer Ruhe befangen gewesen waren, da wurde er durch eine Empfindung, als wenn ihm eine schwere Last auf der Brust läge, munter. Zuerst war es ihm, als wenn er im Kampfe mit einem gewaltigen Gegner läge, dann aber fand er das Bewußtsein vollständig wieder. Er wollte gerade fragen, wer da sei, da schlug er die Augen auf und erblickte die Gestalt des Eremiten, der, wild und verstört, wie wir ihn geschildert haben, an seinem Lager stand, die Rechte auf Kenneths Brust drückend, während er in der Linken ein kleines Lämpchen hielt.
»Sei still,« sagte der Eremit, als der auf sein Lager gestreckte Ritter verstört aufblickte; »was ich Dir zu sagen habe, soll jener Ungläubige nicht hören.« Er sagte es in französischer, nicht in fränkischer Sprache, jenem Gemisch von morgenländischen und europäischen Mundarten, deren sie sich bisher untereinander bedient hatten. »Steh auf,« fuhr er fort, »wirf Deinen Mantel um, sprich nicht, und folge mir leise.« Kenneth stand auf und nahm sein Schwert. »Das brauchst Du nicht,« flüsterte der Einsiedler, »dort, wohin wir uns begeben, gelten geistige Waffen viel, fleischliche aber sind wie Rohr und welker Kürbis.«
Der Ritter legte sein Schwert wieder neben sein Lager, behielt nur den Dolch, von dem er sich in dieser gefährlichen Gegend nie trennte, und schickte sich an, seinem geheimnisvollen Wirte zu folgen. Sie schritten langsam und leise wie Schatten in das äußere Gemach, ohne den heidnischen Emir, der noch in tiefem Schlafe lag, zu stören. Vor dem Kreuz und Altar brannte noch eine Lampe, ein Meßbuch war aufgeschlagen, und am Boden lag eine Geißel aus kurzen Schnüren und Drähten, an der noch Blut klebte, zum sicheren Zeichen der strengen Buße des Einsiedlers. Hier kniete Theodorich nieder und bedeutete dem Ritter, auf den harten Kies zu knien, der zu dem Zwecke, die Andachtsübung recht zu erschweren, auf den Boden gestreut zu sein schien. Der Ritter folgte der Aufforderung mit frommem Eifer und gewann von seinem Wirte eine so völlig andere Meinung, daß er nicht wußte, ob er ihn nicht selbst für einen Heiligen halten sollte. Als sie aufstanden, blickte er ihn ehrfürchtig an, wie ein Zögling seinen Meister. Der Eremit aber blieb ein paar Minuten, still und in sich gekehrt.
Читать дальше