»Ritter Kenneth,« sagte der Muselmane, »ich bin kein Araber, stamme aber aus einem ganz ebenso wilden, kriegerischen Geschlecht. Herr Leopardenritter, Ihr seht in mir Scharfhaupt, den Löwen des Gebirges, und in Kurdistan, meiner Heimat, wird keine Familie für edler gehalten als die der Seldschucken.« – »Ich habe gehört,« bemerkte der Christ, »daß Euer großer Sultan sein Blut aus derselben Quelle herleitet.« – »Dank sei dem Propheten, der unsere Berge so sehr geehrt hat, daß er aus ihrem Schoße ihn sandte, dessen Wort Sieg ist!« rief der Heide. »Fremdling, mit wieviel Mann kamst Du zu diesem Feldzuge?« – »Meiner Treu,« sagte Kenneth, »mit Mühe habe ich zehn Bogenschützen und fünfzig Mannen einschließlich der Bogenschützen und Knappen ins Feld geführt. Einige haben mein Banner verlassen, andere sind im Gefecht geblieben, noch andere an Krankheiten gestorben. Ein einziger Waffenträger, um dessen Leben ich jetzt diese Wallfahrt verrichte, liegt auf dem Krankenbette.« – »Christ,« entgegnete Scharfhaupt, »fünf Pfeile stecken in meinem Köcher, jeder mit einer Adlerschwinge befiedert. Jeder Pfeil ruft tausend Krieger zu mir her. Und Du bist mit fünfzig Mann in ein Land eingedrungen, wo ich nur einer der geringsten bin?« – »Nun, beim heiligen Kreuz, Sarazene,« rief der Ritter, »wisse, daß ein Stahlhandschuh eine Handvoll solcher Hornissen zermalmt.« – »Aber er muß sie doch erst gefangen haben!« erwiderte der Sarazene lächelnd, und dieses Lächeln hätte ihrer Freundschaft leicht ein Ende machen können, wenn er das Gespräch nicht schnell gewechselt hätte.
»Mischt Ihr Euch ebenso frei unter die Frauen Eurer Befehlshaber und Anführer?« fragte er. – »Der Himmel,« sagte der Ritter vom Leoparden, »gibt dem ärmsten Ritter soviel Freiheit, daß er in ehrbarem Dienste Herz und Schwert der schönsten Prinzessin weihen kann, die jemals ein Diadem auf ihrer Stirn trug.« – »Dein Herz ist wohl an einen hohen, edlen Gegenstand verschenkt?« – »Fremdling,« versetzte der Christ errötend, »wir gestehen nicht übereilt, wo wir unsere erlesenen Schätze haben. Willst Du aber mehr von Liebe und Lanzen hören, so wage Dich selbst ins Lager der Kreuzfahrer; dort wirst Du hören, und wenn Du willst, auch Deine Hände rühren können.« – »Je nun,« erwiderte der Sarazene, »wer's mir im Kampf mit dem Wurfspieß gleichtun wollte, möchte schlimmen Stand haben.« – »Ihr solltet König Richards Streitkolben sehen,« sprach der Ritter, »im Vergleich zu ihm ist der meinige federleicht.« – »Wir hören viel von jenem Inselkönig,« sagte der Sarazene. »Bist Du sein Untertan?« – »In diesem Feldzuge kämpfe ich als sein Gefolgsmann,« erklärte der Ritter, »aber sein Untertan bin ich nicht, wenn ich auch von der Insel gebürtig bin, wo er herrscht.« – »Habt Ihr denn zwei Könige auf einem armen Eiland?« – »Wie Du sagst,« versetzte der Schotte – denn dies war Kenneth von Geburt – »und doch kann das Land Scharen von Reisigen liefern, die zum Kampf gegen die unheilige Gewalt ausziehen, die Ihr Euch über die Städte Zions angemaßt habt.«
»Beim Barte Saladins, Nazarener, lachen könnte ich über die Einfalt Eures Sultans, hierher zu kommen, um wegen Wüsten und Felsen mit einem Herrscher, dem zehnfache Scharen zu Gebot stehen, Krieg zu führen, den Teil seiner Insel aber, auf der er geboren ist, der Willkür eines anderen preiszugeben!«
Während sie ostwärts weiter zogen, nahm die Gegend langsam einen anderen Charakter an. Schroffe Felsen stiegen empor; tiefe Abhänge und steile Berge von beträchtlicher Höhe türmten sich ihnen entgegen; finstere Höhlen und Felsenklüfte gähnten vor ihnen, und der Emir sagte, sie dienten sowohl Raubtieren als Räubervölkern zum Schlupfwinkel, die weder Stand noch Religion, weder Geschlecht noch Alter auf ihren Raubzügen schonten.
Gleichgültig hörte der Ritter ihm zu, denn er fühlte sich vor ihnen sicher. Aber eine geheime Furcht überfiel ihn, als er sich besann, in der furchtbaren Wildnis des vierzehntägigen Fastens und in der Gegend zu weilen, wo der Böse den Menschen versuchte.
Der Tag neigte sich bereits, doch war es noch hell genug, daß der Ritter sehen konnte, wie in einigem Abstände von ihnen eine lange, schmächtige Gestalt über Felsen und Gebüsche huschte, deren wildes, zottiges Aeußere ihm die Faune und Waldgeister in Erinnerung rief, deren Bilder er in den alten Tempeln Roms gesehen hatte. Anfangs schien die Gestalt ihren Pfad hinter Felsen und Gesträuch zu verfolgen, mit geschickter Benützung aller Terrainvorteile. Dann aber sprang sie mitten auf den Weg und packte mit jeder Hand einen Zügel des Sarazenen. Es war ein langer Mann, gehüllt in ein zottiges Fell, dem eine gewaltige Kraft inne wohnen mußte, denn das edle Tier vermochte den Druck auf das Gebiß und die scharfe Kinnkette, die nach morgenländischer Sitte aus einem festen, eisernen Ringe bestand, nicht auszuhalten, bäumte sich und stürzte hintenüber auf seinen Herrn, der sich schnell auf die Seite warf. Vom Zaume des Pferdes griff der unbekannte Hüne nach der Kehle des Sarazenen und drückte ihn nieder, indem er seine langen Arme um die des anderen schlang. »Hamako, Narr – laß mich los!« rief der Sarazene, zornig und lachend zugleich, »dazu hast Du kein Recht – laß mich los, oder ich brauche meinen Dolch!« – »Deinen Dolch, ungläubiger Hund?« rief der Hüne im Ziegenfell. »Halte ihn, wenn Du kannst!« Und in demselben Augenblicke den Dolch ihm aus der Hand windend, schwang er ihn über seinem Haupte.
»Hilf, Nazarener,« schrie der Sarazene, dem jetzt bange ward, »hilf mir, oder der Hamako bringt mich um!«
Der Ritter hatte bisher erstaunt zugesehen; aber endlich fühlte er, daß es sich nicht mit seiner Ehre vertrug, länger stummer Zuschauer zu sein, und er rief: »Wer Du auch seist, Mann, und von wem Du stammst, so laß Dir sagen, daß ich dem Sarazenen, den Du in Deiner Gewalt hast, Kameradschaft angelobt habe. Laß ihn also aufstehen, sonst kündige ich Dir Feindschaft!« – »Ein sonderbarer Kampf für einen Kreuzfahrer, mit einem von seinem eigenen heiligen Glauben gegen einen ungetauften Hund! Hast Du Dich in die Wildnis begeben, um für den Halbmond und gegen das Kreuz zu streiten?«
Aber er richtete sich auf und gab den Sarazenen frei, setzte ihn auch wieder in Besitz seines Dolches. »Du siehst, Ilderim,« rief der Hüne im Ziegenfelle dem Sarazenen zu, »mit wie schwachen Mitteln sich der Sieg über Dich erringen läßt, wenn es der Himmel beschlossen hat, Dich zu strafen. Drum nimm Dich in acht, Ilderim! Denn wisse, deutete nicht ein Schimmer in Deinem Geburtsstern auf etwas dem Himmel Wohlgefälliges, so hätten wir beide uns nicht eher getrennt, als bis ich Dir die Kehle zerrissen hätte.« – »Hamako,« sagte der Sarazene, ohne einen Schein von Empfindlichkeit über Sprache und Gewalttat des anderen »treibe Dein Vorrecht nicht zu weit! Wenn ich auch als Muselmane diejenigen schone, denen der Himmel den Verstand genommen, um sie mit prophetischem Geiste zu rüsten, so liebe ich es doch nicht, wenn sich ein Irrender an meinem Rosse oder gar meiner Person vergreift. Dir aber, Freund Kenneth,« setzte er, sich auf sein Roß schwingend, hinzu, »hätte es besser geziemt, mir gegen diesen Hamako ungebetnen Beistand zu leisten, denn wenig fehlte, so hätte er mich in seinem Wahnsinn umgebracht.« – »Meiner Treu, darin habe ich gefehlt,« sagte der Ritter; »die seltsame Gestalt, das Unerwartete dieser Szene – ich bin, gerade herausgesagt, der Meinung gewesen, der Teufel in Person falle über Dich her!« – »Dein Spott ist keine Antwort, Kenneth,« erwiderte der Sarazene; »was immer Arges oder Teuflisches an diesem Hamako sein mag, er gehört mehr zu Deinem als zu meinem Geschlecht; denn er ist niemand anders als der Anachoret, den Du besuchen willst.« – »Er?« rief Kenneth, die kräftige, aber verfallene Gestalt musternd. »Du spottest meiner, Sarazene! Das kann der ehrwürdige Theodorich nicht sein!«, – »Frage ihn selbst, wenn Du mir nicht glaubst!« entgegnete Scharfhaupt; und kaum waren die Worte über seine Lippen, so bestätigte der Eremit die Aussage.
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