Richard atmete tief durch. „Der Anrufer war Herr Klein, der Besitzer der Tankstelle in Niedergründau. Er hat Alban wiedererkannt.“
„Wiedererkannt? Aber Alban war doch schon öfter bei euch, da ist es doch vollkommen normal, dass er …?“
„Auch am 17. September“, endete Richard den Satz. „Der Tag an dem Diana und Kathrin kaltblütig ermordet wurden.“
„Blödsinn“, entrüstete sich Erik. „Ich werde zu ihm ins Bad gehen und ihn …“
„Das ist sinnlos“, antwortete Doktor Möbius kalt. „Er schläft jetzt tief und fest. Alkohol verstärkt und intensiviert die Wirkung des Schlafmittels.“
„Aber warum?“ Erik sah langsam aber sicher klar. „Natürlich, es geht doch nur um ihn. Er wollte versuchen, dass Diana dich umstimmt. Und als sie sich weigerte …“
„Wurde Alban zum Mörder. Ganz recht, Erik. Und Kathrin starb vermutlich als unbeliebte Zeugin. Ich kann mich also auf deine Hilfe verlassen, Erik?“
„Schon, Richard. Aber müssen wir wegen ihm zum Mörder werden?“
Richard Möbius lächelte kalt. „Ich werde nicht zum Mörder. So leicht, mache ich es ihm nicht. Er bekommt seinen Wunsch erfüllt.“
Das alte Kellergewölbe des Anwesens von Doktor Richard Frank Möbius war zu einem großen Laboratorium ausgebaut worden. Auch ein Operationssaal und Behandlungszimmer waren vorhanden. In einem dieser Zimmer lag ein Mann mit schütteren Haar und grauem Vollbart. Sein Oberkörper, seine Arme und seine Beine waren mit Gurten fixiert. Langsam erwachte Doktor Alban Kerr aus seiner Bewusstlosigkeit.
„Wo … wo bin ich?“, fragte er schwach.
Doktor Richard Möbius und sein Bruder Erik standen um das Bett und hatten auf diesen Moment gewartet.
„Du hattest, sagen wir es mal so, einen Schwächeanfall. Zum Glück haben wir dich gefunden und konnten dich behandeln. Die Fesseln dienen lediglich deiner und unserer Sicherheit“, antwortete Richard kalt.
„Macht mich sofort los!“, schrie Alban.
„Langsam, Alban. Erst einmal haben wir ein paar Dinge zu klären.“
„Welche Dinge?“
„Zum Beispiel, wo du am 17. September warst“, warf Erik ein.
„Am 17. September?“
„Langsam, Erik. Langsam. Nun, Alban. Wie lautet deine Antwort?“
„ICH BIN ES NICHT GEWESEN“, brüllte Dr. Alban Kerr. „IHR HABT KEINE BEWEISE!“
„Da irrst du dich, alter Freund“, antwortete Richard ruhig. „Erik, würdest du bitte?“
Erik Möbius schob einen Schrank auf dem ein TV-Gerät samt Videorekorder stand vor das Bett. Richard stellte das Kopfteil seines ehemaligen Vorgesetzten passend ein. „Herr Klein, der Besitzer der Tankstelle hat uns das gegeben.“
Der Film wurde abgespielt. Als das Band endete, blickte Richard kalt in das Gesicht von Dr. Alban Kerr.
„Ja, ich war an besagtem Tag bei Diana gewesen. Ich wollte mit ihr reden, dass sie dich umstimmt, sodass ich meinen Vorsitz behalten kann. Sie war so kalt, so abweisend. Du wirst niemals so ein brillanter Wissenschaftler wie Richard sein, sagte sie und schlug mir die Tür vor der Nase zu. Ich ging zu meinem Wagen und holte aus meinem Notfallkoffer mein Skalpell. Ich ging wieder zur Tür. Diana öffnete mir die Tür einen Spalt. Ich drückte sie auf, sah wie Diana nach hinten stolperte und schließlich mit dem Kopf auf den Stufen auf. Danach ging ich zu ihr. Sie blutete stark aus dem Hinterkopf, doch sie war bei Bewusstsein. Sie drohte alles der Öffentlichkeit preiszugeben. Dann nahm ich mein Skalpell und stach zu. Als ich merkte, dass sie tot war, stand Kathrin hinter mir und schrie fürchterlich.“
„UND DANN MUSSTE SIE EBENFALLS STERBEN! EIN UNSCHULDIGES KIND, DAS ZUSEHEN MUSSTE, WIE DU IHRE MUTTER GETÖTET HAST!“, schrie Dr. Möbius.
„Ich wollte sie doch nicht töten. Sie war doch mein Patenkind“, flehte Dr. Alban Kerr verzweifelt.
„Aber dennoch hast du es getan. Und deinem Butler hast du 1.000 Euro für eine Falschaussage gezahlt. Eine Menge Geld. Als er erfahren hat, dass er damit einen Mörder deckt, hat er uns alles erzählt.“
„Was wollt ihr jetzt tun?“, fragte Alban Kerr. „Wollt ihr mich etwa auch töten?“
„Nein. Ich werde nicht zu einem kaltblütigen Mörder, wie du. Im Gegenteil, wir erfüllen dir deinen Wunsch, den du am Abend bevor Diana und Kathrin sterben mussten, mir gegenüber geäußert hast.“
„Welchen Wunsch?“
Kalt blickte Dr. Möbius seinen ehemaligen Vorgesetzten an. „Du wolltest doch, korrigiere mich bitte, wenn ich mich irre, Teil unseres Forschungsteams werden. Die manipulierte DNA, um das Ausbrechen von Tumorzellen zu verhindern. Du erinnerst dich sicherlich?“
„Ja, ja. Natürlich“, entgegnete Dr. Alban Kerr, dem Böses schwante. „Aber was meint ihr mit Teil eures Forschungsteams?“
„Als du bewusstlos warst, haben wir dein Blut analysiert. Keine Sorge, wir haben keine Malignes dort gefunden.“
„Gott sei Dank.“
„Erik, gibst du mir bitte die Spritze“, befahl Doktor Richard Möbius.
Erik reichte seinem Bruder die Spritze, die Richard mit einer milchigen Flüssigkeit aufsog. Dann setzte er diese an und stach sie Dr. Alban Kerr in die Vene des Oberarms. Der ehemalige Vorsitzende schrie auf. „Was war das?“
„Eine mit bösartigen Tumorzellen manipulierte DNA-Probe deinerseits“, antwortete Richard kalt. „Keine Sorge. Du wirst von uns regelmäßig versorgt, schließlich wollen wir die Veränderungen haargenau dokumentieren.“
Die Gebrüder Möbius verließen das Krankenzimmer und ließen den schreienden Dr. Alban Kerr zurück. Seine verzweifelten Schreie verhallten ungehört in den schalldichten Kellerwänden.
Oben im Salon angekommen ließen sich die Brüder auf dem Sofa nieder. „Wie geht es nun weiter?“, wollte Erik wissen.
„Nun, wir werden Dr. Alban Kerrs Werte analysieren und beobachten und wenn wir ihn nicht mehr …“
Das Klingeln des Telefons ließ ihn abbrechen.
„Möbius?“
„Hallo Herr Doktor Möbius, hier ist Hauptkommissar Endres, der die Ermittlungen im Mordfall Ihre Frau und Tochter betreffend leitet, Sie erinnern sich?“
„Ja“, entgegnete Richard ruhig. „Was gibt es, Herr Endres?“
„Nun, wie es aussieht haben sich neue Beweise gefunden.“
„Neue Beweise?“
„Korrekt“, antwortete der Hauptkommissar. „Wir haben die Lackspuren, die wir an der Mauer Ihrer Hofeinfahrt gefunden haben, untersucht und etwas Interessantes herausgefunden.“
Richard hob die Augenbraue. „Fahren Sie fort.“
„Nun wir haben die Probe ins Labor gegeben und ein Ergebnis erhalten. Jeder Autohersteller hat einen eigenen Farbcode. Die offizielle Bezeichnung der gefundenen Lacksplitter lautet Crystal Black Pearl und gehört zu einem Porsche Cayenne. Wir haben daraufhin sämtliche Wagen im Kollegium geprüft und sind fündig geworden.“
„Tatsächlich?“, Richard spielte diese neue Entwicklung überrascht herunter. Er war schon ein Schritt weiter als die Polizei.
„Ja, es handelt sich hierbei um ihren ehemaligen Vorgesetzten, Dr. Alban Kerr. Wir haben sofort einen Durchsuchungs- und einen Haftbefehl genehmigt bekommen. Die Kollegen sind auf dem Weg zum Anwesen.“ Er hielt inne. Auf einer anderen Leitung seines Telefons kam ein Anruf rein. „Entschuldigen Sie, Doktor Möbius, ich bekomme gerade einen Anruf. Warten Sie kurz.“
„Sehr gerne.“ Eine gemütliche Warteschleifenmelodie, die an die Nussknacker Suite erinnerte ertönte. Geduldig wartete Richard bis sich der Hauptkommissar wieder meldete.
„Entschuldigen Sie Doktor Möbius, dass es so lange gedauert hat. Aber, was ich Ihnen jetzt zu berichten habe, wird Sie sicherlich interessieren.“
„Sehr gerne.“
Hauptkommissar Endres räusperte sich. „Nun, ich habe gerade einen Anruf von meinen Kollegen bekommen, die das Anwesen von Dr. Alban Kerr durchsuchen sollten. Dr. Alban Kerr war doch ebenfalls auf der Beerdigung Ihrer Frau und Ihrer Tochter?“
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