„Gute Nacht, Richard“, entgegnete sie freundlich. „Morgen um acht Uhr zum Frühstück?“
Der Arzt nickte und ging mit seinem Gepäck zu seinem Zimmer. Der Raum war gemütlich und rustikal eingerichtet. Richard sah den Umschlag auf dem Schreibtisch, riss ihn vorsichtig auf und nahm sich die Unterlagen heraus.
„Gute Arbeit, Erik“, flüsterte er. „Genau das benötige ich noch …“
Sein Selbstgespräch wurde durch das Klingeln seines Handys unterbrochen. Obwohl es für ihn wichtigere Aufgaben zu erledigen gab, als ein Telefonat nahm er das Gespräch an.
„Hallo?“
„Hallo Richard“, begrüßte ihn die bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Erik! Sag mal kannst du Gedanken lesen. Gerade habe ich deine hervorragende Arbeit, die du mir per Kurier zugesandt hast loben wollen.“
„Du weißt ja“, entgegnete Erik lachend, „dein jüngerer Bruder ist immer auf Zack. Aber deswegen ruf ich nicht an. Wie war dein Gespräch mit Alban?“
„Woher weißt du?“
„Diana hat mir davon erzählt“, antwortete Erik.
„Na ja, nicht sonderlich gut. Er wollte, dass ich ihn in meinem Bericht dem Ausschuss gegenüber lobend erwähne, gegen Schweigegeld. Ich habe abgelehnt“, berichtete Doktor Richard Möbius seinem Bruder.
„Und wenn der Ausschuss uns die Gelder bewilligt, ist er seinen Vorsitz los“, schloss Erik. „Ja, Diana hat mir schon so etwas berichtet. Alban muss einsehen, dass sein Stern am Absinken ist. Du hast ihm lange genug den Rücken freigehalten.“
„Das stimmt“, bestätigte Doktor Möbius. „Obwohl wir in meinem Labor in meinem Haus waren, haben Diana und Kathrin mich kaum zu Gesicht bekommen. Sie zeigten so viel Verständnis für meine Arbeit. Das herzuschenken wäre ihnen gegenüber einfach unfair.“
„Du hast richtig gehandelt“, ermutigte Erik seinen Bruder. „Und lass dir das von einem eingefleischten Junggesellen sagen: Du bist ein wundervoller Ehemann und kannst stolz auf deine Familie sein.“
„Du hast Recht. Entschuldige, wenn ich zweifelnd gewirkt habe. Es war nicht einfach.“
„Alles gut“, beschwichtigte Erik. „Ich will dich nicht weiter aufhalten. Meine Daumen sind für Morgen gedrückt. Du kommst morgen Abend nach Hause?“
„Ja, sobald die Gelder bewilligt wurden, bin ich wieder bei euch.“
„Perfekt. Ich werde morgen unser Labor ein wenig aufräumen. Es ist einiges liegengeblieben. Viel Erfolg und gute Nacht. Wir sehen uns, Bruderherz.“
„Gute Nacht“, erwiderte Richard.
Am nächsten Tag erreichte Doktor Erik Möbius das prächtige Grundstück seines Bruders in Hain-Gründau. Doktor Richard Möbius wohnte am Ortsausgang des beschaulichen hessischen Örtchens in der Nähe von Frankfurt am Main. Erik betrat das Grundstück. Das Frühstück hatte er ausfallen gelassen, denn seine Schwägerin war eine exzellente Köchin und es war ihr immer eine Ehre für ihren Schwager ein kräftiges Essen zuzubereiten.
„Diana! Kathrin! Ich bin es. Ich würde über ein üppiges Mittagessen mich nicht beschweren“, rief er über das Grundstück. Er hielt inne, als er sich der Tür nährte.
„Merkwürdig“, flüsterte er. „Die Tür ist nicht verschlossen.“
„Ihr solltet etwas vorsichtiger sein!“, rief er in den Flur hinein. Dann trat Erik ein und betrat das Haus. Er blickte sich um und ihn traf der Schlag. Auf dem Boden lagen seine Schwägerin und seine Nichte. Sie waren tot. Blut hatte die Oberbekleidung und den Boden rot verfärbt. Der Ohnmacht nahe, lief Erik zum Sekretär, griff zum Telefon und rief seinen Bruder auf seinem Handy an.
„Hallo Erik. Dieses Mal habe ich dich an deiner Handynummer erkannt“, begrüßte er ihn fröhlich über die Freisprechanlage seines Wagens. „Ich habe gute Neuigkeiten. Der Ausschuss hat uns die Forschungsgelder bewilligt und mir den Vorsitz zugesprochen. Mach doch schon mal den Sekt auf, bis ich daheim bin.“
„Richard …, ich muss … dir … was sagen“, antwortete er stockend.
„Was ist denn Erik?“
„Es geht um Diana und Kathrin …“, entgegnete er. „Sie sind …“
„Was Erik? Was?“
„Diana und Kathrin sind. Sie sind…“, es fiel Erik schwer seinem Bruder die traurige Wahrheit zu sagen.
„Verdammt Erik, was ist mit ihnen? Was ist mit meiner Frau und meiner Tochter?“
„Sie sind tot, Richard. Sie lagen blutüberströmt im Hausflur, als ich kam.“
Richard Frank Möbius antwortete nicht mehr. Im Hintergrund vernahm Erik die quietschenden Bremsen des Wagens seines Bruders.
Nach dem Anruf bei seinem Bruder, informierte Erik Möbius die Polizei, die mit Beamten und Spurensicherung den Tatort und das Anwesen von Doktor Richard Frank Möbius unter die Lupe nahmen. Hauptkommissar Matthias Endres trat zu Erik Möbius, der auf einem Stuhl auf der Veranda des Anwesens Platz genommen hatte.
„Kann ich etwas für Sie tun?“, fragte er höflich und setzte sich auf den Stuhl gegenüber.
„Danke, Herr Endres, es geht schon“, erwiderte Erik. „Es ist nur dieser Anblick … Einfach so schrecklich. Wie ist es überhaupt geschehen? Haben Sie dazu irgendwelche Anhaltspunkte?“
„Was wir nach den ersten Erkenntnissen der Spurensicherung aus dem Tatort lesen können, starben Ihre Schwägerin und Ihre Nichte durch einen gezielten Stich ins Herz. Des Weiteren weist der Hinterkopf von Diana Möbius eine Platzwunde am Hinterkopf auf. Das lässt den Schluss zu, dass sie den Täter nicht reinlassen wollte und dieser sie zurückgestoßen hat, sodass sie mit dem Kopf auf die steinerne Treppe geprallt ist. Es gibt eine Sache, die uns allerdings stutzig macht?“
„Welche, Herr Hauptkommissar?“
Hauptkommissar Endres räusperte sich. „Die Stichwunden an den Leichen weisen keine typische Verletzung auf, wie sie ein Messer verursachen würde.“
„Sondern?“, fragte Erik verwundert.
„Wir gehen davon aus, dass der oder die Täter medizinisches Fachwissen besitzen. Der Stich wurde mit etwas Feinerem durchgeführt. Unsere Spurensicherung ist sich sicher, dass der tödliche Stich durch ein Skalpell verursacht wurde. Selbstverständlich müssen wir noch die Obduktion abwarten.“
„Medizinisches Fachwissen? Skalpell?“ Erik war entsetzt.
„Des Weiteren ist verwunderlich“, fuhr Hauptkommissar Endres ungerührt fort, „dass nichts gestohlen wurde. Die Geldbörse mit 300 Euro im Sekretär des Flures, sowie das Schmuckkästchen im Schlafzimmer im ersten Stock sind komplett unberührt. Allerdings fanden wir in den Praxisräumen ihres Bruders einen Hinweis. Der Aktenschrank wurde sehr sorgfältig durchwühlt.“
„Das heißt?“
„Wir vermuten, dass der oder die Täter für ihn wichtige Unterlagen gesucht haben. Jedoch, scheint er nicht fündig geworden zu sein.“
Nachdenklich blickte Erik Möbius den Hauptkommissar an. „Ich danke Ihnen für die Informationen. Selbstverständlich werde ich meinen Bruder über diese Kenntnisse informieren.“
Aus der Brusttasche seiner Jacke kramte Endres seine Visitenkarte hervor. „Für weitere Informationen kann Ihr Bruder sich direkt an mich wenden. Wir sind soweit hier fertig.“
„Ich danke Ihnen, Herr Endres. Soll ich Sie nach draußen begleiten?“, bot Erik höflich an.
„Vielen Dank, wir werden alles zusammenräumen und finden selbst heraus. Schonen Sie Ihre Kräfte. Sie werden Sie brauchen. Auf Wiedersehen.“
„Wiedersehen und Danke.“
Es war bereits Abend als Doktor Richard Möbius sein Anwesen erreichte. Hastig stieg er aus dem Wagen, eilte zur Eingangstür und stürzte in den Flur, wo ihn sein Bruder empfing. Dieser berichtete ihm von seinen Erlebnissen und seinem Gespräch mit Hauptkommissar Endres.
„Wäre ich doch nur früher gekommen“, verteidigte sich Erik unter Tränen. „Dann könnten Diana und Kathrin noch leben.“
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