„Hallo Richard“, begrüßte er ihn. „Willkommen in meinem bescheidenen Heim.“ Er lächelte höflich. „Du darfst jetzt gehen, William.“
Mit einer höflichen Verbeugung verabschiedete sich William aus dem Salon und ließ die beiden Herren allein.
„Dein Vortrag hat den Ausschuss und mich sehr beeindruckt“, sagte Alban zu seinem Kollegen. „Die Entdeckung von Erik und dir ist nobelpreisverdächtig. Ich wäre erstaunt, wenn der Ausschuss euch nicht die Forschungsgelder bewilligen würde.“
„Das wird sich erst noch zeigen“, gab sich Doktor Möbius bescheiden.
„Unsinn, Richard. Eure Forschungen sind für die moderne Medizin unbezahlbar. Ihr habt die menschliche DNA offengelegt und dafür gesorgt, dass sich bösartige Zellen reparieren können. Das ist bis heute unerreicht in der Medizingeschichte.“
„Da magst du sicher Recht haben, Alban. Wir werden es morgen ja sehen.“ Rasch versuchte er das Thema zu wechseln. „Hast du mir nicht ein vorzügliches Essen versprochen?“
„Aber ja“, fiel es Doktor Alban Kerr wie Schuppen von den Augen. Er ging zur Gegensprechanlage an der Tür des Salons und rief William herein.
„Sie haben gerufen, Sir?“, fragte der Butler, als er eintrat.
„Sag bitte Maria Bescheid, dass sie das Essen anrichten kann.“
„Sehr wohl, Sir.“
William verließ mit einer höflichen Verbeugung den Salon und nach fünf Minuten begann er im Esszimmer des Anwesens den Tisch zu decken und das Essen aufzutun. Kurze Zeit später saßen Doktor Alban Kerr und Doktor Richard Möbius am Tisch und genossen ein gut gebratenes Rinderfilet mit Rosmarinkartoffeln, frischem Gemüse und tranken dazu ein Glas von Doktor Alban Kerrs Hauswein. Richard war sehr schnell satt und streckte nach einer Weile das Besteck. Höflich fragte Doktor Alban Kerr seinen Gast, ob er noch einen Nachschlag wolle.
„Nein danke, Alban. Noch ein Bissen und ich platze. Wie macht Maria das bloß?“
„Das bleibt ihr Geheimnis, befürchte ich“, antwortete Doktor Alban Kerr. „Die Küche ist gewisser Weise Sperrgebiet. Selbst William darf sich der Küche bis maximal zur Essensausgabe nähren.“
„Die Küche ist bestimmt vermint“, scherzte Richard. „Und am Eingang muss man unaufgefordert seinen Dienstausweis vorzeigen.“
„Übertreten Sie niemals die rote Linie“, nahm Doktor Alban Kerr den Faden auf. „Jegliche Überschreitung führt zur sofortigen Gefangennahme mit anschließender Exekution.“
Richard lachte. „Hör auf Alban, sonst kann ich wahrscheinlich dieses hervorragende Mahl bei mir behalten.“
„Ist schon gut, Richard.“ Doktor Alban Kerr rief seinen Butler und bat ihn abzuräumen. Die beiden Mediziner zogen sich in das Arbeitszimmer des Vorsitzenden zurück.
„Was hältst du von einem Glas Single Malt Whiskey und einer schönen kubanischen Vegas Robaina Zigarre?“, fragte Alban Kerr seinen Gegenüber.
„Sehr gerne“, erwiderte Doktor Richard Möbius.
Doktor Alban Kerr befüllte zwei Gläser mit dem goldenen Getränk, gab zwei Eiswürfel hinzu und kramte aus seiner Zigarrenkiste zwei der edelsten Zigarren hervor.
„Hier bitte.“
„Danke.“ Die beiden Männer zündeten die Zigarren an und zogen genüsslich daran. Richard nahm einen Schluck des Whiskeys. Er wärmte hervorragend von innen.
„Nun Richard“, begann Doktor Alban Kerr, „ich muss mit dir etwas besprechen.“
„Worum geht es?“, erwiderte Richard.
„Um deine und meine Zukunft. Wenn der Ausschuss dir Morgen die Forschungsgelder bewilligt und das wird er, dafür ist eure Arbeit zu gut, dann werde ich meinen Vorsitz verlieren.“ Er hielt kurz inne und ließ die Bedeutung seiner Worte wirken. „An dich, Richard“, fuhr er fort.
Doktor Richard Möbius tat erstaunt. „An mich? Wie kannst du dir da so sicher sein?“
„Ich weiß es und du weißt es auch. Verkauf mich nicht für dumm. Das Gremium wird dir für deine Forschungen den Vorsitz im Kollegium zusprechen, es sei denn …“
„Es sei denn, was?“
„Du berichtest dem Ausschuss, dass ich an euren Forschungen beteiligt war.“ Doktor Alban Kerr blickte ihn eindringlich an. „Vergiss nicht, wo du herkommst. Ich habe dich aus dem Vorstadtkrankenhaus geholt, wo du als Assistenzarzt tätig warst, denn ich habe dein Potenzial erkannt. Du hast dich nicht nur für die Medizin, sondern auch für die Wissenschaft interessiert. Deswegen habe ich dich auch härter und länger arbeiten lassen, als alle anderen.“
„Ja ich weiß. Nach dem regulären Dienst hast du mir Proben gebracht, die ich analysieren und dir darüber bis zum nächsten Morgen Bericht erstatten sollte.“
„Jeden Morgen“, fuhr Doktor Alban Kerr fort, „lag dein Bericht um sechs Uhr bei mir auf dem Schreibtisch. Deine wissenschaftlichen Erkenntnisse waren überaus präzise und detailgetreu. Ohne meine Hartnäckigkeit wärst du heute nicht da, wo du jetzt bist. Ich verlange von dir, dass du meine Arbeit in euren Forschungen dem Ausschuss gegenüber erwähnst. Ich behalte den Vorsitz und im Gegenzug erhältst du von mir 50%, genauer gesagt 75.000 Euro extra im Jahr. Damit wäre uns beiden geholfen.“
Richard spürte den Blick seines Förderers. „Bei aller Liebe, Alban, das kann ich nicht machen. Es wäre meinem Bruder gegenüber unfair.“
Wütend schnaubte der Arzt auf. „Wen kümmert schon Fairness in unserem Geschäft.“
„Es tut mir leid, Alban, aber ich fürchte du hast dich die letzten Jahre zu sehr gehen lassen und dich auf deinem Posten ausgeruht.“
„Ich bin 56 Jahre alt“, entgegnete Doktor Kerr. „Ich will, was mir zusteht!“
Richard Möbius trank den letzten Schluck aus, stand auf und drückte seine Vegas Robaina aus. „Mein letztes Wort, Alban. Es tut mir leid. Ich werde nun gehen. Überdenke dein Verhalten. Ich möchte nicht, dass es so auseinander geht.“
„Das werde ich Richard“, zischte Alban. „Das werde ich!“
Doktor Richard Möbius hob die Hand zum stummen Abschiedsgruß und verließ das Arbeitszimmer. Er ging zur Garderobe nahm sich seinen Mantel und ging zur Tür. Auf dem Weg dorthin kollidierte er fast mit Butler William.
„Sie wollen schon gehen, Sir?“
„Ja, William. Es gibt noch so viel vorzubereiten für Morgen. Ich breche jetzt auf“, log Doktor Möbius.
„Einen angenehmen Tag, Sir“, antwortete der Butler und öffnete ihm die Tür. Doktor Möbius nickte höflich, ging zu seinem Auto und fuhr vom Anwesen seines Förderers.
Doktor Richard Frank Möbius liebte die Abgeschiedenheit der Natur und so hatte er sich für die Nacht ein Zimmer im „Alten Forsthaus“, einer kleinen Pension in Königstein angemietet. Dort residierte er öfter, wenn wichtige Arbeiten anstanden. Nach einer halben Stunde Autofahrt fuhr er über einen kleinen Waldweg auf den Parkplatz der Unterkunft vor. Er nahm seine Aktentasche und den kleinen Koffer aus dem Kofferraum seines Mercedes Geländewagens und betrat die Pension. Die Eigentümerin Anna Müller begrüßte ihren Stammgast.
„Sie sind aber früh, Doktor Möbius. Ich hatte erst um 20 Uhr mit Ihnen gerechnet.“
„Anna, bitte. Wir kennen uns so lange. Du sollst Richard zu mir sagen“, entgegnete Doktor Richard Möbius mit charmantem Lächeln auf den Lippen.
„Na gut, wenn Sie …“, sie unterbrach sich und musste kurz kichern, „wenn du es willst, Richard.“
Der Doktor nickte. „Ist mein Zimmer schon frei?“
Anna ging zum Schlüsselbrett und reichte ihm den Schlüssel mit der Nummer vier. „Alles ist für dich hergerichtet, Richard. Der Kurier war sehr pünktlich und hat die Unterlagen bei mir abgegeben. Sie liegen auf dem Schreibtisch für dich bereit.“
„Ich danke dir, Anna.“
„Sehr gerne. Wenn Sie …, du noch etwas benötigst, dann …“
Er lächelte müde. „Alles in Ordnung. Ich sehe mir die Unterlagen an und werde zeitig zu Bett gehen. Heute war ein harter Tag und morgen wird nicht minder leichter.“
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