Richard schüttelte den Kopf. „Dich trifft keine Schuld, mein Bruder. Mein Gott. Ich konnte mich noch nicht einmal von ihnen verabschieden.“ Tränen liefen seine Wangen herab und Erik stützte ihn. Sie redeten sich, trösteten sich, arbeiteten die Erkenntnisse der Polizei auf und der Morgen graute, als die Brüder in einen unruhigen Schlaf fielen.
Eine Woche war nach jenem schicksalshaften Tag vergangen und das kleine Dorf Hain-Gründau trug Trauer. Der örtliche Friedhof lag am Ausgang des Ortes und alle Bewohner hatten sich um zwei Gräber versammelt, um zu trauern. Es waren alle da. Auch Doktor Alban Kerr. Sie trauerten um den Verlust von Diana und Kathrin Möbius. Der Pastor sprach in seiner Grabrede das aus, was viele wussten und weswegen die Familie Möbius geschätzt war. Diana und Kathrin waren engagierte Mitglieder in der Gemeinde und halfen ihren Mitmenschen, wo sie nur konnten. „Und so trauern wir um Diana und Kathrin Möbius, die uns mit ihrem Lachen immer erhellt haben und ein wichtiger Fixpunkt unserer kleinen Gemeinde waren. Gott, der Schöpfer wird ihnen einen Platz am großen Mahl im Himmelreich gewähren, wo wir alle uns eines Tages wiedersehen werden.“ Der Pastor hielt kurz inne, ehe er mit einem leisen „Amen“ seine Rede beendete.
„Ich danke ihnen Pastor Fischer“, sprach Doktor Möbius leise und andächtig. „Sie haben geholfen, unser Leid ein wenig zu lindern.“
„Niemand kann sich vor seiner Schuld verstecken, mein Sohn. Sie werden den oder die Täter bald finden und ihrer gerechten Strafe überstellen. Spätestens vor Gott werden sie sich verantworten müssen.“
Dann reichte Pastor Fischer ihm die Hand und verließ den Gottesacker. Doktor Richard Möbius blickte ihm nach. Sein Bruder Erik trat an Richards Seite.
„Was wollte denn Pastor Fischer von dir?“, fragte er.
„Später Erik. Heute ist nicht der Tag.“, antwortete Richard flüchtig, denn Doktor Alban Kerr kam zu ihnen, um Richard sein Beileid auszusprechen.
„Mein Beileid, mein Freund. Als ich deinen Anruf letzte Woche bekommen habe. Ich war entsetzt. Kathrin war doch mein Patenkind. Es ist einfach so schrecklich.“ Der ehemalige Vorsitzende des Kollegiums wirkte sichtlich bestürzt.
„Ich danke dir Alban. Treffen wir uns nachher noch bei mir? Diana und Kathrin hätten es sicherlich so gewollt.“
„In Ordnung, mein Freund. Sagen wir, in einer Stunde?“
„Sehr gerne.“
Die Trauerfeier war zu Ende. Richard und Erik Möbius saßen im großen Haus der Familie Möbius und warteten auf ihren Gast.
„Eins verstehe ich nicht, Richard“, begann Erik skeptisch. „Wieso hast du Alban zu dir eingeladen, obwohl du ihn anfangs für den Täter hieltest.“
„Ich muss sagen, ich tue mir nicht leicht damit, aber die Polizei hat sämtliche Alibis im Kollegium geprüft und keine belastbaren Beweise für einen Täter aus deren Reihen gefunden.“
Es klingelte an der Tür und Erik öffnete. Doktor Alban Kerr wartete auf Einlass. „Hallo Erik“, grüßte er den jungen Bruder seines Nachfolgers. „Ich hoffe, ich bin doch nicht zu spät. Du weißt doch, wie wichtig Pünktlichkeit für Richard ist.“
Mit einer Handbewegung bat Erik Alban herein. „Wenn du mich fragst, dann könnte der Augenblick nicht passender sein“, entgegnete er.
Doktor Alban Kerr trat ein und folgte Erik in den Salon, wo Richard bereits auf ihn wartete.
„Ich hoffe du verzeihst mir die Verspätung, Richard. Ich musste noch ein paar dringende Besorgungen erledigen.“
„Einen Whiskey, Alban?“, fragte Richard ohne auf die Entschuldigung seines Mentors einzugehen.
„Gerne.“
Richard füllte drei Gläser mit der goldbraunen Flüssigkeit und packte jeweils zwei Eiswürfel hinein. Klirrend stießen sie die Gläser zusammen und prosteten sich zu.
„Wie geht es dir, Richard?“, wollte Alban wissen.
„Es geht“, entgegnete Richard mit steinerner Miene. „Es geht mir so gut, wie es einem Mann nur gehen kann, dem an einem Tag seine Frau und seine Tochter genommen wurden. Ich …“
Das Telefon klingelte. „Entschuldigt bitte, da muss ich drangehen“, entschuldigte sich Richard und verschwand in sein Arbeitszimmer.
„Bestimmt ein Patient oder jemand, der sein Beileid aussprechen möchte“, mutmaßte Alban.
In seinem Arbeitszimmer nahm Doktor Richard Möbius den Anruf entgegen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine männliche Stimme.
„Doktor Möbius? Hier ist Thomas Klein von der Tankstelle in Niedergründau. Mein Beileid nochmal zu Ihrem Verlust.“
„Ich danke Ihnen, Herr Klein. Aber Sie werden mich nicht deswegen angerufen haben?“
„Nein, Herr Doktor. Mir ist etwas aufgefallen, was für Sie interessant sein könnte.“
„Erzählen Sie weiter.“
„Nun, selbst in unserer ländlichen Gegend ist man als Tankstellenbesitzer nicht vor Überfällen gefeilt. Süßigkeiten, Alkohol, Tabakwaren, ich könnte Ihnen da einiges aufzählen. Deshalb habe ich vor ein paar Monaten eine Überwachungskamera installieren müssen. Aus versicherungstechnischen Gründen, wie man heutzutage sagt. Auf jeden Fall springt die Kamera an, sobald ein Kunde den Laden betritt und zeichnet auf.“
„Herr Klein, ich bitte Sie. Kommen Sie bitte zum Wesentlichen.“
„Gewiss. Nun auf alle Fälle, tankte heute ein gutaussehender älterer Mann seinen Wagen bei mir auf und tätigte noch ein paar kleine Einkäufe. Zunächst war da nichts ungewöhnliches, doch dann ließ ich die alten Bänder der vergangenen Tage durchlaufen, weil er mir bekannt vorkam. Und wissen Sie was? Er war schon mal hier gewesen. Am 17. September um kurz nach 13 Uhr. Der Tag, an dem Ihre Familie das schreckliche Schicksal erlitten hat, Doktor Möbius.“
„Und Sie sind sich sicher?“
„Sehr wohl.“
„Können Sie ihn beschreiben?“ Doktor Möbius trieb die Neugier aus seinem Sessel.
„Gewiss. Schütteres weißes Haar, Vollbart, groß, gutaussehend und er fährt einen schwarzen Porsche Cayenne.“
„Herr Klein, ich danke Ihnen für den Hinweis. Bitte halten Sie das Band für die Polizei zur Verfügung.“
„Es freut mich, wenn ich Ihnen helfen konnte.“
Doktor Möbius hatte den Hörer bereits aufgelegt. Raschen Schrittes ging er durch die Zwischentür in seine Praxis und stand vor dem Medikamentenschrank. Seine Hände hatte er zu Fäusten geballt und sein rechtes Augenlid zuckte unkontrolliert auf und ab.
„Alles was von nun an geschieht, hast du dir selbst zuzuschreiben“, flüsterte er zu sich selbst. Richard ging an den Medikamentenschrank und nahm ein Fläschchen mit einem Schlafmittel heraus.
Ein paar Minuten später stieß Richard zu seinem Bruder und Dr. Alban Kerr. „Entschuldigt, dass es so lange gedauert hat. Ich musste noch …“
Es kostete ihm Kraft sich nicht zu versprechen, weshalb Dr. Alban Kerr den Satz für ihn beendete. „Du brauchst jetzt erst einmal eine längere Pause, Richard. Sei unbesorgt. Ich werde mich um alles kümmern.“
„Vielleicht hast du Recht, Alban“, entgegnete Richard matt. „Einen Malt zum Abschluss?“
„Sehr gerne“, antwortete Dr. Kerr, während Erik dankend ablehnte. Er merkte das veränderte Verhalten an seinem Bruder.
Richard schenkte sich und Dr. Alban Kerr ein. Sie stießen an und mit einem Schluck war das Glas leer. „Vielen Dank, Richard. Hast du etwas dagegen, wenn ich mich noch ein wenig frisch mache, bevor ich losfahre?“
„Du weißt ja, wo das Badezimmer ist“, entgegnete Doktor Möbius tonlos und der ehemalige Vorsitzende stand vom schwarzledernen Sofa auf und ging ins Badezimmer.
Als er weg war, rückte Erik näher an seinen Bruder. „Was ist los, Richard?“, zischte er.
Aus seiner Hosentasche fischte Richard die Medikamentendose und Erik verstand. „Temazepan? Du hast ihm ein stark wirkendes Schlafmittel gegeben? Aber warum?“
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