Aus praktischen Erwägungen geht es bei einem Stopp (oder mehreren) vor dem endgültigen Aufstieg zur Oberfläche insbesondere um zweierlei:
• Gelegenheit, seine Tarierung zu überprüfen und ggf. anzupassen.
• Dem Körper Zeit zu verschaffen, überschüssiges Gas, das sich beim Tauchgang in seinen Geweben gelöst hat, wieder loszuwerden (salopp gesagt) – „off-gassing“ oder „gas-washout“ heißt dies sehr treffend im Englischen.
Wer als Tauchlehrer im Unterrichtsraum oder an Land vor dem Tauchgang seine Tauchschüler schon einmal 18 Meter pro Minute hat „gehen“ lassen, besser ausgedrückt sollte man vielleicht „schlendern“ sagen, weiß, wie langsam dies ist. Und dass sich unter Wasser auf dem Weg nach oben die Luft im Tarierjacket (und ggf. im Trocki) ausdehnt, ist hinlänglich bekannt. Soll heißen: auf dem Weg zur Oberfläche wird es insbesondere in den letzten 10 Metern bis zur Oberfläche, wo bekanntlich der (Wasser-)Druck um 100% abnimmt und das Luftvolumen im Jacket entsprechend zunimmt (wenn der Taucher nicht flott entlüftet), auf diesen letzten Metern wird es zunehmend schwierig für den Taucher, seine Aufstiegsgeschwindigkeit zu kontrollieren – denn er soll dabei ja zur Oberfläche blicken, damit auch seine Atemwege frei sind, dabei zugleich auf seinen Tiefenmesser bzw. Tauchcomputer schauen und gleichzeitig sein Jacket entlüften. So-o-o ganz einfach ist das insbesondere für Tauchanfänger nicht. Und wir sprachen eben von 18 Metern/60 Fuß pro Minute – nicht etwa von 9 Metern/30 Fuß pro Minute oder noch langsamer …
Insofern hat sich nichts an der Feststellung geändert, die im Mai 1989 in der US-Amerikanischen Zeitschrift Skin Diver in einem Editorial des Herausgebers Bill Gleason als Überschrift zu lesen war:
60 FEET A MINUTE IS A LONG, LONG TIME
18 Meter pro Minute ist eine lange, lange Zeit
Einer Anregung in eben diesem Skin Diver Leitartikel folgend, wurde vom Autor dieses eBooks im Rahmen eines Tauchlehrerkurses ein kleines Experiment durchgeführt: Am Aufstiegsseil, das von einer auf 16 Meter Tiefe befestigten Plattform zur Oberfläche führte, wurden gut sichtbare Tiefenmarkungen befestigt. Gut sichtbar jedoch nur für die Ausbilder – die Tauchlehrerkandidaten durften mit Blick ins Blaue mit der Aufgabe auftauchen, eine möglichst langsame Aufstiegsgeschwindigkeit einzuhalten. Ich will es kurz machen: die meisten waren ziemlich fest davon überzeugt, sie hätten eine Aufstiegsgeschwindigkeit von höchstens 18 Meter pro Minute praktiziert – was aus 16 Meter Tiefe 53 Sekunden bedeutet hätte. Nun, aus guten Gründen waren diverse Ausbilder in verschiedenen Tiefen bei den Tiefenmarkierungen am Aufstiegsseil so positioniert, dass sie die Zeit festhalten konnten, die ein Taucher von 16 auf 12, von 12 auf 9, von 9 auf 5 und von 5 Metern zur Oberfläche benötigte. Der Leser wird schon ahnen, was dabei herauskam: Maximal 18m/min? Von wegen! Auf den letzten 5 Metern zur Oberfläche kam es zu rekordverdächtigen „Katapultwerten“ von bis zu 50 Metern pro Minute (d.h. 6 Sekunden für die letzten 5 Meter). Nicht nur wir Ausbilder waren überrascht, aber wir auch. Schließlich hatten wir ja keine TauchANFÄNGER zum Selbstversuch eingeladen, sondern angehende und entsprechend ambitionierte TauchLEHRER.
Um alle wieder zu versöhnen, auch mit sich selbst, gab es am darauffolgenden Tag einen weiteren Versuch: Die Kandidaten sollten beim Aufstieg einen kurzen Stopp auf 9 Metern machen, sich ggf. nachtarieren, dann weiter aufsteigen, auf 5 Metern nochmals kurz stoppen, sich erneut ggf. nachtarieren und dann zur Oberfläche aufsteigen. (Die Stopp-Dauer war irrelevant, da die Tauchzeit fernab irgendwelcher Nullzeitgrenzen war.) Und jetzt gab es insgesamt zufriedene Gesichter beim Debriefing nach dem Tauchgang; das gemütliche Ambiente bei einem Steyrischen im Gasthof „Seewirt“ am wunderschönen Erlaufsee in Österreich hob die Stimmung zusätzlich.
Bei gelegentlichem Kontakt mit Teilnehmern dieses praktischen „Feldversuches“ wird immer wieder deutlich, dass ein bleibender Eindruck zurückgeblieben ist, der das Tauchverhalten der Teilnehmer nachhaltig verändert hat. Eine Frage bleibt noch offen: Was ist mit dem Versuch, eine Aufstiegsgeschwindigkeit von, sagen wir, 10 Metern pro Minute einzuhalten? Die Antwort ist eine praktische: Ausprobieren, geschätzter Leser, ausprobieren – und sich dabei kritisch vom Tauchpartner beobachten lassen.
Ungeduldige Leser werden an dieser Stelle vielleicht den Einwand vorbringen: Aber mein Tauchcomputer zeigt mir doch an, falls ich zu schnell auftauchen sollte, und zusätzlich warnt er mich auch noch mit einem akustischen Signal. Guter Einwand. Ärgerlicherweise schien es zumindest früher bei manchen Tauchcomputern so zu sein, dass eine solche „Warnung“ keinerlei Konsequenzen nach sich zieht, wenn sie vom Taucher ignoriert wird.
„Fast alle Bedienungsanleitungen der von uns getesteten Tauchcomputer empfehlen eine geringere Aufstiegsgeschwindigkeit als 18 m/Minute. Während unserer Tests, die ohne Ausnahme mit einer Aufstiegsgeschwindigkeit von 18 m/Minute durchgeführt wurden, piepsten und blinkten sie, und es fehlte nur noch, dass sie versucht hätten, uns Elektroschocks zu versetzen. Manche raten dem Taucher zu variablen Aufstiegsgeschwindigkeiten, die teilweise nur 6 m/Minute betragen. Jeder, der einmal versucht hat, eine solche Aufstiegsgeschwindigkeit einzuhalten oder es bei dem Versuch belassen hat, dies einem Anfänger beizubringen, der würde hoch erfreut sein, zu hören, dass die Funktionstüchtigkeit der Tauchcomputer nicht von solch unpraktikablen Werten abhängt. Obwohl wir glauben, dass dem so ist, gab es leider keine Möglichkeit, dies in der Praxis zu testen.“ (Lewis, John & Shreeves, Karl, Eine Einführung des Sporttauchers in Dekompressionstheorie, Tauchtabellen und Tauchcomputer, 1994, S. 8-6.)
Und der Rat für den ratlosen Leser lautete auch damals schon so wie heute:
„Wir können dem Leser nur nachdrücklich raten, sich selbst direkt an den Hersteller zu wenden und diesen zu fragen, welche Erfordernisse, falls es solche gibt, für die Funktionstüchtigkeit des Computers unabdingbar sind. Solange vom Hersteller nichts anderes verlautet, ist es das Beste, sich an das in der Bedienungsanleitung des Computers vorgeschriebene Aufstiegsverfahren zu halten.“ (ebenda)
Bei den Themen Tiefenstopps – Was ist das? und Welche Stopp-Tiefe ist die Richtige? kommen wir nochmals auf diese Thematik zurück.
Exkurs – Wie kontrollieren Taucher ihre Aufstiegsgeschwindigkeit?
Wie oben ausgeführt, sind die Herausforderungen (Neu-Deutsch: Challenges) beim Aufstieg ja ziemlich komplex: zur Oberfläche blicken, ob auch kein Manta, Boot oder Ähnliches den Weg versperrt, dabei zugleich sicherstellen, dass die Atemwege frei sind, auf den Tiefenmesser bzw. Tauchcomputer schauen, um nicht zu schnell zu werden und gleichzeitig sein Tarierjacket und/oder seinen Trocki entlüften.
Auch dies kann man mal in der Praxis durchspielen. Haben wir auch gemacht (wieder mit Tauchlehrerkandidaten) und unsere „Testlinge“ dabei fotografiert. Ohne den Beweis von Bildern hätten einige nicht geglaubt bzw. abgestritten, wie sie ihren Aufstieg gestaltet hatten. Einige Beispiele: Blick nicht nach oben, sondern runter zur Konsole mit dem Tiefenmesser bzw. dem Tauchcomputer. Oder Blick zwar nach oben, linker Arm am hochgehaltenen Faltenschlauch des Tarierjackets, rechter Arm zum Schutz des Kopfes auch nach oben – aber was war mit dem Blick auf die Konsole bzw. auf den Tauchcomputer am linken Handgelenk? Die folgenden Bilder, die aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen mit Mitgliedern des Ausbildungsteams nachgestellt wurden, sprechen für sich und bedürfen keiner weiteren Erläuterung:
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