NAUIbasierend auf der US Navy Tabelle (1995)
US Navyhier die mittels Doppler modifizierten Werte (2007)
[Hinweis für eBook-Leser, deren Lesegerät keine Farben anzeigt: Die oberste, gestrichelte Linie ist die der Deko '92 Tabelle, die unterste, gepunktete Linie ist die der US Navy Tabelle.]
Die Grafik zeigt uns die Tauchtabelle mit den konservativsten Werten – oder?
Nicht ganz. Ich vergaß eine weitere Tauchtabelle, mit noch kürzeren Nullzeiten bzw. Nullzeitgrenzen:
[Hinweis für eBook-Leser, deren Lesegerät keine Farben anzeigt: Die oberste durchgängige Linie zeigt den BLOB-Effekt.]
Der Leser wird sich mit Recht fragen: Von welcher Tauchtabelle stammen denn die Werte dieser Linie? Nun, ich muss gestehen, von keiner auf dem Markt erhältlichen Tauchtabelle. Aber sie ist schnell gemacht: Man nimmt dazu einen Stift, platziert oberhalb der zuvor „konservativsten“ Linie einige Punkte und verbindet diese. Und siehe da, schon haben wir eine sicherere, weil konservativere „Tauchtabelle“ generiert. (Mit EXCEL dauert so etwas nur ein paar Sekunden …)
Frage: Gibt es noch eine Steigerung dieses enorm ökonomischen Entwicklungsverfahrens?
Antwort: Ja. Das BLOB Prinzip – BLeibe OBen. Denn natürlich ist es für Taucher am sichersten, nicht tauchen zu gehen und zu Hause zu bleiben, dann erspart man sich das ganze Gerödele mit der Ausrüstung und die Unsicherheit, sich möglicherweise eine Dekompressionskrankheit einzufangen. Anmerkung: Wobei man auch zu Hause davor leider nicht sicher sein kann. Raymond Rogers hat darauf hingewiesen, dass eine unbeschränkte Nullzeitgrenze nur in einem Bruchteil von einem Fuß Tiefe („a fraction of a foot depth“) existiert: „Dies würde bedeuten, dass man, wenn man lange genug in einer halb mit Wasser gefüllten Badewanne liegt, beim Aufstehen von der Dekompressionskrankheit befallen wird!“ (Rogers, Raymond, Haldanes Erneuerung, The Undersea Journal, Drittes Quartal 1988, in: PADI Instructor Candidate Workbook 1991). Der Leser und enthusiastische Taucher wird verstehen, wie es gemeint ist (augenzwinkernde Smileys kommen im eBook leider nicht gut raus …).
Also: So geht das natürlich nicht mit dem Thema „konservative“ Nullzeiten. Wenn man schon die „Leistungsfähigkeit“ einer Tauchtabelle (und natürlich auch die eines Tauchcomputers) testen will und diese mit anderen Tauchtabellen oder Tauchcomputern vergleichen möchte, dann müsste man vom Entwickler (modern: Designer) der Tabelle resp. des Computers wissen, wie es denn zur Konzeption bzw. zum Design kam. Welche Parameter (außer Tiefe bzw. Druck und Zeit) sind eingeflossen – und vor allen Dingen: Wie wurde denn überprüft, ob ein Taucher, der damit taucht, sicher und gesund wieder nach Hause kommt – soll heißen: ohne die Dekompressionskrankheit zu erleiden (höchstwahrscheinlich, zumindest).
Hierzu gibt es leider eine unrühmliche „Tradition“ unter den Designern, die sich von den Tauchtabellen zu den Tauchcomputern fortgesetzt hat: Nur mit wenigen Ausnahmen erfährt der Taucher – nichts (oder nichts Genaues). Wie lautet hierfür die Sprachregelung in der Werbung und auch in den entsprechenden Bedienungsanleitungen: „modifiziertes Haldane-Modell“ oder „für Sporttaucher angepasste Werte der US-Navy Tabelle“ oder „auf RGBM Basis“, usw. Es kann zwar sein, dass ein Taucher, der die Nullzeitgrenzen einer bestimmten Tauchtabelle resp. eines Tauchcomputers einhält, ohne Probleme auftaucht und nach einer gewissen Oberflächenpause genauso sicher und gesund weitertaucht – es kann aber auch sein, dass er ohne weiteres noch etwas länger unter Wasser hätte bleiben können, und das ist es doch, warum wir tauchen gehen, oder? Kurz: Vielleicht hat der Taucher mit dieser Tabelle resp. diesem Tauchcomputer wunderschöne Zeit unter Wasser verschenkt, weil er zu früh aufgetaucht ist und deshalb den Walhai, Nautilus oder anderes begiertes Getier eben nicht gesehen hat. Und er hat kostbares Atemgas ebenfalls verschenkt, denn bekanntlich kosten Flaschenfüllungen gewöhnlich etwas.
Merke:
Schauen wir uns ergänzend noch an, wie weit die oben als Beispiel gewählten Tauchtabellen auseinander liegen, wenn man sie für einen Wiederholungstauchgang strapaziert.
Dazu benötigen wir aus den Tabellen die sog. Wiederholungsgruppe (WG), die den Reststickstoff vom vorherigen Tauchgang repräsentiert, und natürlich die Zeit der Oberflächenpause (OFP). Wir wollen als Beispiel nach dem ersten Tauchgang eine 1-stündige Oberflächenpause (OFP = 60 Minuten) machen, und beim anschließenden Wiederholungstauchgang soll es nochmals auf 18 Meter gehen, wie schon beim ersten Tauchgang. Nehmen wir an, beim ersten Tauchgang war der Taucher 50 Minuten unter Wasser:
• Tauchgang 1 – Tiefe 18 m, Zeit 50 Minuten
• OFP – 60 Minuten
• Tauchgang 2 – Tiefe 18 m, maximale Nullzeit?
Als maximale Nullzeit für den zweiten Tauchgang auf 18 Meter erlauben die obigen Tabellen:
• 6 Minuten – Deko 2000 und US Navy (2007)
• 10 Minuten – Deko'92
• 24 Minuten – NAUI (1995)
• 34 Minuten – Druckkammerlabor Uni Zürich (1986) und RDP/DSAT (1988)
Die Schwankung bei den von den Tabellen erlaubten Nullzeitgrenzen beim zweiten Tauchgang beträgt zwischen 6 Minuten und 34 Minuten, mithin eine Differenz von 28 Minuten bzw. über 500%. Heißt das, dass die 6-Minuten-Tabellen etliche 100% „sicherer“ sind als die anderen und die ausgiebig validierte DSAT-Tabelle mit ihren 34 Minuten „unsicher“? Davon abgesehen, dass ein Steigern des Eigenschaftswortes „sicher“ grammatikalisch zwar möglich, inhaltlich jedoch unsinnig ist (sicher – sicherer – am sichersten? Nein – entweder sicher oder nicht sicher, grammatikalisch vergleichbar mit „schwanger“, zum Beispiel), lautet auch hier die Antwort wie zuvor: Kann sein, muss aber nicht sein. Und: Wer rödelt für läppische 6 Minuten nochmals auf und steigt ins Wasser? Zugegeben: es gibt überall „Süchtige“ …
Dem Taucher ist mit einem reinen Vergleich von Tabellenwerten – und dies gilt gleichermaßen für Tauchcomputer – überhaupt nicht geholfen. Der Taucher müsste viel mehr über diese Werte wissen, insbesondere, wie sie denn zustande gekommen sind und wie sie getestet (d.h. validiert) wurden.
Ein Beispiel für seriös entwickelte, validierte und dokumentierte Tauchtabellen – der Recreational Dive Planner (RDP)
Aus Sicht des Tauchers gibt es an der Entwicklung und Validierung des Recreational Dive Planners (RDP) von DSAT eigentlich nichts zu mäkeln: Die mathematische Gleichung (der „Algorithmus“), nach der Sättigung und Entsättigung berechnet werden, wurde langwierig ausgetüftelt (Details bei Bedarf bitte in nachfolgend genannter Dokumentation nachlesen), dann erfolgten ausgiebige trockene „Testtauchgänge“ in der Druckkammer unter ärztlicher Aufsicht und Begleitung, und wenn es dabei unter Einsatz der Doppler-Sonographie zu hörbaren Stickstoffblasen kam, die ein zuvor definiertes Ausmaß (engl. „grade“) respektive Lautstärke überschritten, wurden Koeffizienten der mathematischen Gleichung angepasst. Erst dann kam der nächste, ultimative Schritt bei der Validierung des Modells: 228 echte „nasse“ Tauchgänge im Puget Sound nahe der kanadischen Grenze im Westen der USA, bei Seattle (ja, es ist frisch dort unter Wasser, im Sommer ca. 12 Grad Celsius, d.h. die erfolgten Testtauchgänge haben eher als anstrengend zu gelten). Die Testpersonen waren junge und alte Taucher, Männlein/Weiblein, wenig/viel Taucherfahrung, viel Biopren/athletisch/hager, also ein guter Durchschnitt. Die Tauchgänge erfolgten über mehrere Tage, Multilevel-Tauchgänge und Wiederholungs-Multilevel-Tauchgänge inbegriffen. Nach ihrem Tauchgang wurden die Testpersonen mittels Doppler auf hörbare Stickstoffblasen überprüft, und erst nachdem keinerlei Probleme mehr zu verzeichnen waren, wurde der Algorithmus, der von Diving Science & Technology (DSAT) entwickelt wurde, freigegeben.
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