„Beim Testen der DSAT-Tabelle kam es nicht zu Caissonkrankheiten, und Dopplertests zeigten extrem niedrige Blasenwerte (Grad 0-2) – viel geringer als die Werte, die normalerweise mit dem Auftreten der Caissonkrankheit in Verbindung gebracht werden.“ („Grad“-Einteilung in vier Grade gem. Merrill Spencer, 1974; siehe Richardson, Drew, Fragen und Antworten zum Recreational Dive Planner, zu DSAT und zur Tauchtabellenforschung, The Undersea Journal, Drittes Quartal 1988, in: PADI Instructor Candidate Workbook 1991)
Insgesamt wurden 911 Testtauchgänge durchgeführt und evaluiert (Druckkammer und Freiwasser). Die Validierung erfolgte extern, das heißt: nicht durch DSAT selbst, sondern unter Leitung von Dr. Michael Powell am Institute of Applied Physiology and Medicine (IAPM) in Seattle, USA. Die gesamte Abschlussdokumentation - Development of no-stop decompression procedures for recreational diving: The DSAT Recreational Dive Planner (1994) - findet sich zum Herunterladen im Internet hier(für Leser, die im Englischen sattelfest sind); eine Vorabversion erschien bereits Ende 1987 unter dem Titel: Recreational Dive Planning … The Next Generation – New Frontiers in Hyperbaric Research, Santa Ana, California (USA).
Das folgende Bild aus der DSAT Dokumentation zeigt eine Taucherin in der Druckkammer nach ihrem „Testtauchgang“ am Rudergerät, um möglichst viele Stickstoffbläschen aus irgendwelchen Nischen in Körpergeweben herauszuagitieren. Erst danach wurde gedopplert, wobei die Testpersonen auch noch Kniebeugen machen durften.
Ohne dies zu tief auszuführen (alles ist ausführlich nachlesbar), hier nur noch stichpunktartig ein paar Details, die den Leser besonders interessieren dürften:
• Da die Entwicklung der mathematischen Gleichung (Algorithmus) von der Tauchausbildungsorganisation PADI finanziell gesponsert wurde, hatte PADI sich das Exklusivrecht für einen darauf basierenden „Tauchgang-Planer für Sporttaucher“ gesichert und als Recreational Dive Planner (RDP) auf den Markt gebracht (im Jahre 1988). Damit hatten Sporttaucher zum ersten Mal eine Tauchtabelle, die Sporttaucher nicht mit zu kurzen Nullzeiten und Nullzeitgrenzen bestraft, denn die US Navy Tabelle war bekanntlich überhaupt nicht für Sporttaucher gedacht (und für TaucherINNEN schon gar nicht). Andere Tabellen gingen lieber „auf Nummer sicher“ und verkürzten ihre (wie auch immer zustande gekommenen) Nullzeiten; der BLOB-Effekt lässt grüßen …
• Weil DSAT den Algorithmus freigegeben hatte, griffen etliche kluge (weil auf diese Weise u.a. Entwicklungskosten sparende) Tauchprodukte-Hersteller gleich zu, ließen sich gemeinsam einen Chip bzw. Mikroprozessor fertigen und montierten diesen in ihre Tauchcomputer. In den USA waren dies, nach Kenntnis des Autors, Dacor, Oceanic, Sherwood, US Divers (wenngleich auch nicht bei allen Tauchcomputer-Varianten dieser Hersteller). Damit hatten sie einen Tauchcomputer, der Sättigung und Entsättigung anhand einer validierten mathematischen Gleichung berechnete. [Auf andere Probleme von Tauchcomputern wird später eingegangen.]
• Im RDP kommen 14 Kompartimente zum Zuge (5 – 10 – 20 – 30 – 40 – 60 – 80 – 100 – 120 – 160 – 200 – 240 – 360 und 480 Minuten – zum Begriff „Kompartiment“ siehe weiter unten). Als „Kontrollgewebe“ (engl. „controlling tissue“) wurde schließlich das 60-Minuten-Kompartiment gewählt. Zum „Kontrollgewebe“ noch einige Ausführungen, die Tauchprofis wahrscheinlich bekannt sind und insofern von diesen überlesen werden können: Alle Tauchtabellen und Tauchcomputer, deren Designmerkmal ein sog. „Gewebe-Modell“ ist (siehe weiter unten), verwenden ein spezifisches Kontrollgewebe, worunter dasjenige theoretische Gewebe verstanden wird, das bei einem Tauchgang seiner maximalen, aber noch sicheren Stickstoffsättigung (engl. „gas-loading“) am nächsten kam. Bei der Entwicklung des Recreational Dive Planners (RDP) galt hierfür als Kriterium was bedeutet, keine mittels Doppler hörbaren Stickstoffblasen, die zu Symptomen der Dekompressionskrankheit führen (siehe DSAT, Recreational Dive Planning … The Next Generation – New Frontiers in Hyperbaric Research, Executive Summary, Santa Ana, California (USA) 1987). Beim RDP wurde, wie erwähnt, auf dieser Grundlage das 60-Minuten-Kompartiment gewählt, bei der US-Navy Tabelle ist es das 120-Minuten-Kompartiment. Für Militärtaucher mag ein 120-Minuten-Kompartiment als „Kontrollgewebe“ durchaus adäquat sein, für Sporttaucher ist es jedoch unnötig konservativ. Die für dieses „Kontrollgewebe“ kalkulierte (noch sichere) Sättigung wird dann verwendet, um für einen Wiederholungstauchgang die maximal sichere Tauchzeit in Form verkürzter Nullzeitgrenzen zu berechnen. So viel in aller Kürze an dieser Stelle dazu, später noch etwas mehr. Schließlich noch ein Hinweis zur Zahl der für den Algorithmus des RDP verwendeten Kompartimente: Zur Planung von Tauchgängen auf Meereshöhe bis 300 Meter Höhe liegen dem RDP die zuvor genannten 14 Kompartimente zugrunde; um den RDP mittels Umrechnungstabelle auch für Höhen über 300 Meter verwendbar zu machen, wurde mit 20 Kompartimenten gerechnet (siehe Richardson, Drew, Deep, Repetitive Diving – A New Rule Applies, The Undersea Journal, Drittes Quartal 1989).
• In der Nachfolge kamen auf Grundlage der Werte des RDP weitere Tabellen für das Tauchen mit Enriched Air / Nitrox (EANx32 und EANx36) sowie Hardware insbesondere für die Schulung hinzu – der eRDP (2005) und der eRDPML (2008).
Einige Gedanken zur Aufstiegsgeschwindigkeit
Der Recreational Dive Planner (RDP) wurde mit einer maximalen Aufstiegsgeschwindigkeit von 18 Metern pro Minute getestet und validiert (für das Tauchen in größerer Höhe, das heißt für den RDP ab 300 Meter ü.M., wurde die Aufstiegsgeschwindigkeit auf 9 Meter pro Minute limitiert). Andere Tabellen und heutige Tauchcomputer schreiben zumeist max. 10 Meter pro Minute vor oder noch langsamer; auch variable Aufstiegsgeschwindigkeiten für verschiedene Tiefenbereiche sind bei diversen Tauchcomputern zu finden. Hinweis: Auch die US Navy Tabelle war bis 1993 an 60ft/18m/min gebunden, seitdem gelten 30ft/9m/min als Limit für die Aufstiegsgeschwindigkeit („with no change made in any of the table entries“ – also ohne jegliche Änderungen der Tabellenwerte; Downloadmöglichkeit dieses Dokumentes der US Navy hier(NEDU - US Navy Experimental Diving Unit, Graphical Analysis: Decompression Tables and Dive-Outcome Data; Panama City, Florida (USA) 2004).
Was ist eigentlich der Hintergrund der Aufstiegsgeschwindigkeit?
In einem Workshop der American Academy of Underwater Sciences (AAUS) im Jahre 1989 wurde der Frage nachgegangen. Die erstaunliche Erkenntnis war, dass das zu dieser Zeit übliche 60ft/18 Meter/Minute Limit offenbar gar nicht aus dem Tauchen stammte, sondern auf einer Vorschrift beim Unterwasserausstieg aus U-Booten der Royal Navy fußte. In einem Beitrag während des AAUS Workshops führte Edward Lanphier, der seit 1951 der US Navy Experimental Diving Unit (NEDU) angehörte, interessanterweise aus: „The concern seemed to be less with the rate of ascent itself than with the chance that the diver would miss his first decompression stop if he were coming up too fast.” Nicht die Aufstiegsgeschwindigkeit selbst war demnach das Primäre, sondern Ziel war zu gewährleisten, dass der Taucher seine Stopp-Tiefe einhalten kann und nicht daran „vorbeischießt“ (Lanphier, Edward, A Historical Look at Ascent; in: Lang, MA & Egstrom, GH, Biomechanics of Safe Ascents Workshop, AAUS 1989; zum Herunterladen im Internet hier).
Diesem Hinweis wollen wir noch etwas genauer nachgehen:
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