Der Vormittag bot sich als Kurz- und Kontrollbesuch bei ihrer Mutter an. Die 72 jährige Frau entwickelte zunehmend seltsame Denkmuster. Obwohl der Aldi nur zwei Gehminuten von der komfortablen Einliegerwohnung entfernt lag, weigerte sich ihre Mutter dort weiterhin einzukaufen. Denn sie war fest davon überzeugt, dass demnächst vor oder im Aldi eine Bombe hochgehen würde.
„Ich sag dir Kind, der Aldi ist das nächste Ziel von Terroranschlägen! Die ganzen Islammisten kaufen dort ein!“
Diese Wahnidee schien sich zu intensivieren. Überall erkannte sie Selbstmordattentäter, und jede Alditüte verkörperte eine Sprengstofftüte. Vielleicht sollten wir zum Arzt, dachte Isa auf der Fahrt zu ihr.
Die beiden begrüßten sich herzlich. Frau Willibald legte sehr viel Wert auf gepflegtes Äußeres und ließ sich immer Samstagmorgens um 8 Uhr beim Friseur die Haare machen.
„Ah, meine liebe Isabella! Schön, dass du mich besuchen kommst! Geht’s dir nicht gut? Du bist blass!“
„Nur schlecht geschlafen!“, Isa winkte ab.
„Aber du schaust gut aus, Mutti! Bist du immer noch bei deinem alten Friseur?“
„Nein, du weißt doch, dass ich das Einkaufszentrum mit samt dem Aldi meide. Ich will noch ein paar Jahre leben!“ Isa seufzte. Es hatte keinen Sinn mit ihr über Aldi-Bomben zu reden.
„Tja, mein Kind, da kommen noch ganz andere Probleme auf euch zu. Ich werde es nicht mehr erleben! Aber eines Tages haben wir mit unserer Liberalität eine islamische Protestpartei mit Landtags- und Bundestagsabgeordneten im eigenen Land sitzen. Du hälst mich jetzt für verrückt, aber du wirst noch an mich denken! Dann darfst du auch im Sommer eine Mütze tragen, oder irgendwas über den Kopf ziehen. Die Kruzifixe in den Schulen sind bereits fort. Unglaublich welch eine dumme Generation das Land regiert! Es ist wahrlich die Zeit der Deppen!“ Frau Willbald holte Luft um fortzufahren. Isa nutzte ihre Chance.
„Ich fahr ins Kaufland! Soll ich dir was mitbringen?“ Demonstrativ wechselte sie das Thema.
„Oh ja, mein Liebes!“ Für Frau Willibald waren Gedankensprünge sowieso ein Leichtes. Mit zittriger Hand reichte sie ihrer Tochter ein Stück Papier.
„Hier ist meine Einkaufsliste!“ Isa überflog die sauber geschriebenen Wörter und erkannte nichts Unsinniges. Vorsichtshalber suchte sie das Bad auf, um zu sehen, ob hier noch etwas fehlte. Im Spiegelschrank fand sie zehn Packungen Zahnseide. Was soll denn das!
„Mutti! Du hast einen halben Kilometer Zahnseide im Badezimmerschrank! Wozu?“, fragte Isa fast mütterlich.
„Ach ja? Ist das wirklich so viel? Die waren im Angebot, da musste ich zugreifen! Kannst gerne welche mitnehmen!“ Zufrieden widmete sich Frau Willibald wieder mit dem Bewässern ihrer Pflanzen.
„Ist gut. Bis später!“
„Ach Isabella! Bitte kaufe mir nicht so einen Salat aus dem Zuchthaus! Ich will einen vom freien Feld. Weißt du, so wie wir ihn früher aus unserem Garten geerntet haben!“
Isa schmunzelte: „Natürlich, kaufe ich dir keinen Salat, der was ausgefressen hat!“, und zog die Tür hinter sich zu. Ihre Mutter rief noch hinterher: „Nein, auch keinen angefressenen!“
Auf dem Beifahrersitz lag der Brief an den Unbekannten. „Jetzt aber schnell weg damit, bevor ihn Mutter in die Hände kriegt, und sich irgendwelche Katastrophen ausdenkt.“
Neben dem Eingang zum Supermarkt hing ein Briefkasten. Sie klappte den Schlitz auf und stutzte noch mal. Tun oder nicht tun? Eine innere Stimme tadelte sie: „Du warst schon immer zu verhalten im Leben!“ Energisch warf Isa den Brief ein. Mit Erleichterung löste sie einen Einkaufswagen aus der Kette. „Ich habe es getan!“, lobte sie sich heimlich.
In Gedanken versunken schob sie den Metallwagen in die Gemüse und Obstabteilung. Wann würde er ihr frühestens antworten? Das müsste Dienstag oder Mittwoch geschehen.
„Grüß Gott, Frau Achentaler! Gut dass ich sie treffe. Ist denn die Praxis ihres Mannes über die Herbstferien geschlossen?“ Eine unbekannte Frau fragte sie über Bananen und Kiwihaufen hinweg. Isa überkam sofort das Gefühl, dass alle anderen Damen in der Nähe die Ohren spitzten und mit Interesse die Öffnungszeiten des Lieblings-Gynäkologen verfolgten.
„Nein, nicht dass ich wüsste! Erst Weihnachten machen wir zu!“ Freudig nickte die korpulente Lockenkopfdame und verschwand bei den Fertiggerichten.
„Das war ja noch harmlos!“, dachte Isa und hoffte, dass sonst niemand auf die Idee käme sie nach dem Befund der Mammographie zu fragen, oder wohin es heuer in den Urlaub ginge. Manche Leute sind einfach unverschämt neugierig oder geschwätzig. Trotz ihrer beklagten Einsamkeit, mochte sie das Geplauder auf den Straßen oder in Geschäften nicht leiden. Isa fand es schrecklich, wenn die Damen beim Metzger, oder sonst wo sich laut unterhielten, den Weg versperrten und man sein eigenes Wort nicht mehr verstand.
Als sie damals die Prachtvilla bauten, haben sie das Gebäude bewusst in die Mitte des großen Anwesens platziert, umgeben von haushohen Tannen, Eichen und dichtem Buschwerk. Wenigstens die Privatsphäre sollte geschützt bleiben. Nach außen hin zeigte sich die Familie Achentaler mit tadellosen Manieren und klatschfrei. Selbst die Kinder bekamen von dem schiefen Haussegen nichts mit.
Sonntagabend kehrten die Zwillinge wieder heim. Ihre gesamte Wäsche stank nach verfaulten Eiern. Der Grund seien die blöden Jungs gewesen, die den Mädchen Stinkbomben in die Reisetaschen gelegt hatten. Aber das gäbe noch Rache, versicherte Nadine.
Während schon alle schliefen, schlich sich Josef nach Mitternacht in sein Zimmer. Es blieben ihm nur ein paar Stunden Schlaf, bis die neue Arbeitswoche begann. Noch bevor die restliche Familie aufstand, hatte er ohne Frühstück das Haus auch schon wieder verlassen. Isa und die Kinder waren es gewohnt, den Tag ohne Papa zu beginnen. Diesmal steckte Isa nicht die Nase in seine Wäsche, um den Duft eines Damenparfüms zu erschnüffeln. Kurzerhand stopfte sie seine Garderobe mit der Stinkbombenwäsche in die Waschmaschine und der Alltag nahm seinen gewohnten Lauf.
Als nach über einer Woche der Fremde nichts von sich hören ließ, hakte Isa die Kontaktanzeigenaktion ab. Ein wenig war sie schon enttäuscht. Immerhin hatte sie sich dazu überwinden können und fühlte sich abgelehnt. Am Abend schaltete sie ihren Computer ein und wollte eigentlich nach einem neuen Rezept für Lammbraten suchen, entschied sich aber zuerst die Emails abzurufen. Schlagartig schoss ihr Puls in die Höhe.
Es wartete tatsächlich eine Email von einem unbekannten Herrn in ihrem Postfach. Das muss er sein! Hastig klickte sie die elektronische Nachricht zum Öffnen an und verschlang die wenigen Sätze. Mit Verwunderung las sie diese noch Mal:
Liebe Isabella, über Deinen Brief habe ich mich sehr gefreut und möchte Dich näher kennen lernen! Damit mir das gelingt, bitte ich Dich mir Deine Postanschrift mitzuteilen. Ich habe zwar Deine Handynummer, aber ich kann Dich nicht anrufen – warum das nicht geht, möchte ich Dir gerne in einem Brief erklären. Diese Mail hat ein guter Freund für mich abgeschickt. Es blieb mir nur diese eine Wahl. Bitte schreibe mir bald, Du bist mir sehr sympathisch! Es wartet ein außergewöhnlicher Mann auf Dich. Bis bald hoffentlich, Rudi
„Was ist denn das?“, rief Isa aus.
„Wieso kann dieser Mann nicht anrufen? Und eine Email kann er auch nicht schreiben! Ist er etwa behindert?“ Vor ihrem inneren Auge sah sie so eine Art Christopher Reeve im Rollstuhl sitzen.
„Ach du liebe Zeit, was habe ich da nur an Land gezogen?“ Isa atmete tief durch. Ihr Instinkt sagte ihr, dass hier was nicht stimmte. Das Kaff in dem er wohnte, hatte sie noch nie gehört, und die Postleitzahl machte den Eindruck, als sei dieser Ort weit entlegen. Kurz flackerte der Gedanke auf, die Sache hiermit ad acta zu legen. So ein Flop!
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