Wir können unsere Mitmenschen nicht alleine dadurch lieben, dass wir uns unter sie mischen. Auch ist Nächstenliebe nicht zu reduzieren auf Schübe des Mitgefühls, die sich im Geben von Almosen an die Armen zeigen. Nächstenliebe ist eine ständige Angewohnheit zum Gut anderer zu streben. Sie findet vorauseilend, immer neue Wege anderen behilflich zu sein. Die Tugend kann vereinzelt heroische Akte verlangen, wie wenn ein Unfallopfer aus einem Autowrack heraus zu holen ist. Sie mag manchmal auch politische Einsicht erfordern um die Zustände in Entwicklungsländern zu erkennen, damit die Not von Milliarden Menschen in Armut gelindert wird. Allerdings sind diese Fälle eher selten. Es ist auf der „Straße“ des Alltagslebens, wo unsere Freundlichkeit sich tatsächlich zeigen wird: in der Form kleiner Taten der Nächstenliebe, wie einem warmherzigen Gruß, einem Zeichen der Dankbarkeit, einer wohl gesinnten Korrektur, einem Wort des Trostes, einer Zusicherung der Unterstützung oder einem stillen Gebet für jemanden.
Das Gut anderer anzustreben: das ist brüderliche Nächstenliebe in aller Kürze. Wenn wir jemandem helfen oder ihn freundlich behandeln, weil wir etwas als Gegenleistung erwarten oder einen Gewinn erhoffen, dann sind wir selbstsüchtig und nicht selbstlos. Es gibt keine Liebe in einem Dienst, der getan wurde aus niederen Motiven, oder in einer Söldner-Mentalität ausgeführt wurde. Geschenke, die an Bedingungen geknüpft wurden, sind ein Fluch und kein Segen. Wahre Liebe ist altruistisch: die Art, die Menschen haben, die das Wenige, das sie haben, mit anderen teilen; die denen vergeben, die sie verletzt haben; oder die anonyme Spenden geben. Großzügigkeit berührt die Herzen der Menschen und weckt ihre guten Neigungen. 5
Eine liebenswürdige, ältere Spanische Witwe, die alleine in ihrer Wohnung lebte, platzierte eine handgeschriebene Notiz mit folgendem Inhalt beim Fahrstuhl ihres Hauses. „500 Peseta Schein verloren. Wer ihn gefunden hat, gebe ihn bitte zurück an Frau Castrillo, Apartment 6A.“ Sie empfing nur eine bescheidene Rente vom Staat; somit brauchte sie dringend den Betrag, den sie verlor. Ein Mann bekam Mitleid mit ihr, klopfte an ihre Türe (ihr Gehör war nicht mehr das Beste, weswegen es einige Zeit brauchte, bis sie öffnete) und gab ihr das Geld, als sie heraus kam. Zwei Tage später brauchte er jemanden, um einige Kleidungsstücke zu bügeln, und weil sie diesen Service anbot, um ihr kleines Einkommen aufzubessern, rief er sie an. Aufgeregt erzählte sie ihm, dass drei andere Bewohner des Hauses zu jeweils unterschiedlichen Zeiten ebenfalls zu ihr gekommen waren, mit der Behauptung ihren 500er gefunden zu haben. Als sie abgelehnt hatte, den Schein anzunehmen, bestanden sie alle darauf, dass sie ihn entgegen nahm. „Und wissen Sie was,“ lachte sie, „ich fand den fehlenden Schein in meinem Bademantel. Könnten Sie bitte so freundlich sein, den Zettel beim Fahrstuhl zu entfernen? Irgendjemand anderer mag sonst erneut mein Geld finden. 6
Eine gutherzige Person ist wie eine Oase der Liebe in einer Wüste der sozialen Gleichgültigkeit, wie ein Hauch der Liebenswürdigkeit in einer verrohten Welt. Nur wenige, wenn überhaupt, würden seine oder ihre Taten des Wohlwollens bemerken, weil sie diskret erfolgen. Güte ist für ihn wie eine zweite Natur. Aus guter Gewohnheit, meistens scheinbar mühelos, öffnet er die Türe, wenn andere eintreten möchten. Er hat nichts dagegen hinten zu sitzen. Er hilft einem alten Mann über die Straße. Er reicht anderen während der Mahlzeit Speisen. Er sagt „Danke“ zu einem Taxifahrer. Er spendiert Zeit mit seinem Kind, um ihm etwas beizubringen. Er sendet einem Kollegen einen Geburtstagsgruß. Er gibt einem Handwerker großzügige Empfehlungen. Er bittet um Entschuldigung, auch wenn es nicht notwendig ist. Er zeigt aufmerksames Interesse für einen Freund in Schwierigkeiten. Er zeigt jedem, dem er begegnet, ein Lächeln. Und er zeigt in unzähligen weiteren Zeichen seine Freundlichkeit. Die Vollendung all unserer Werke ist die Liebe. 7
Von Natur aus fühlen wir uns angezogen zu Personen mit gutem Willen, weil wir bei ihnen gute Umgangsformen, eine guten Laune, ein freundliches Lächeln, ermutigende Bemerkungen, eine freundlichen Rücksichtnahme, ein gerechtes Urteil, eine Bereitschaft zur Hilfe, positives Denken und eine seltene Offenherzigkeit bemerken. In enger Verbindung mit der Wahrheit ist Liebe ein authentischer Ausdruck der Menschlichkeit und ein Element von grundlegender Bedeutung für menschliche Beziehungen. 8
Gebefreudige Menschen haben ein großes Herz, das gleichermaßen Platz hat für die Sympathischen und für die weniger Sympathischen. Sie haben immer nette Worte über andere parat. Menschen des Herzens können diejenigen, die von anderen verachtet werden, mit Sorge und Aufmerksamkeit überhäufen. Wenn ihnen Unrecht getan wurde, werden sie es rasch vergeben und vergessen. Wir fühlen uns wohl in ihrer Gegenwart. Sie sind diejenigen, die zuhören, wenn jeder andere sich bereits entschieden hat, sich taub zu stellen. Sie sind diejenigen, die öffnen, wenn jeder andere die Türe schließen würde. Sie sind diejenigen, die aufrichten, wenn andere nieder drücken.
Genau das hat der barmherzige Samariter getan im Gleichnis, das Jesus uns im Evangelium erzählte. Erinnern wir uns an die Geschichte: ein Reisender von Jerusalem nach Jericho war ausgeraubt, nieder geprügelt und bewusstlos am Weg zurückgelassen worden. Ein Priester kam vorbei und vermied das Opfer. Dann lief ein Levit dort entlang, aber auch er ignorierte den halb-toten Mann. Letztendlich erschien ein Samariter. Dieser Fremde zeigte dann Mitgefühl mit dem Verletzten. Er versorgte ihn, verband seine Wunden, trug ihn, brachte ihn zu einer Herberge und vergewisserte sich davon, dass der Mann dort gut versorgt wird. (Vgl. Lk 10,29-37)
Ich war in beiden Städten. Sie sind nur etwa 30 Kilometer auseinander, aber der Höhenunterschied zwischen ihnen ist bemerkenswert. Jerusalem befindet sich 650 bis 840 Meter über dem Meeresspiegel, während Jericho 260 Meter darunter liegt, weswegen es die niedrigste Stadt des Planeten ist. Die Straße, die beide Orte miteinander verbindet, ist kurvenreich und abwärts gehend. Bildlich gesprochen können wir sagen, dass der Mann, der im Gleichnis dargestellt wird, sich von einem hohen Punkt zu einem niedrigen Punkt bewegte, während eines Abstiegs in sein Unglück. Er wäre vermutlich verblutet, wenn der barmherzige Samariter ihn nicht gefunden hätte. Der Erste, dessen Weg sich mit dem Seinigen kreuzte, griff ihn an. Die beiden Nächsten schauten weg. Erst der Vierte stand ihm bei. Wege, die aufeinander treffen, können, wie wir sehen, ein Grund sein, jemanden zu verletzen, ihn voller Gleichgültigkeit kalt abzuservieren oder ihm zu Hilfe zu eilen. Jesus erzählte uns dieses Gleichnis um uns allen eine Lektion über brüderliche Nächstenliebe zu lehren.
„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ (1 Kor 13,4-7)
Eine Person, die wahrhaft liebt – mit einer ungetrübten und authentischen Liebe – würde jede Gelegenheit wahrnehmen, um mit „der Fahrbahn“ anderer zusammenzutreffen, nicht so sehr, um sich in ihre Angelegenheiten einzumischen, sondern um zu helfen, wo immer es möglich ist. Keine Bürde ist zu schwer, um jemanden aufzurichten, der gefallen ist durch Armut, Krankheit, Verlassenheit, moralische oder spirituelle Schwierigkeiten. Die Person, die von christlicher Liebe verzehrt wird, scheut keine Hindernisse, um etwas Gutes für andere zu tun. Er oder sie hat eine weiten Blickwinkel, einen universellen Ausblick, und eine Sichtweise, die engstirnige Aussichten erweitert. Ein liebender Mitmensch hat ein unglaubliches Vermögen, die Bedürfnisse der anderen zu entdecken und ihnen darin zu Hilfe zu eilen. Auch wenn wir nicht der Klügste oder meist Talentierte in unserem Umkreis sind, besitzen wir die eindeutig wichtigste Sache dieses Lebens, wenn wir wissen, wie zu lieben. Der heilige Augustinus drückte es in meisterhafter Weise so aus: „Liebe und tu, was du willst; wenn du schweigst, schweige in Liebe; wenn du sprichst, sprich in Liebe; wenn du korrigierst, korrigiere in Liebe; wenn du vergibst, vergebe in Liebe.“ 9
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