Hüten Sie sich vor der Maxime des Teufels, die da lautet: „Vermuten Sie von anderen immer das Schlechte, damit Sie nicht zu kurz kommen werden!“ Einer meiner Freunde verspürte einen Ruck, als ein Geländewagen auf seine Fahrbahn schlitterte, der ihn zwang auszuweichen, wodurch er kurzzeitig die Kontrolle über sein Auto verlor. Wutentbrannt hielt er rasch an, warf die Türe seines BMWs weit auf und sprang hinaus um dem „Saukerl“, dessen Auto quietschend zum Stillstand gekommen war, lautstark die Meinung zu sagen. „Du betrunkener Fahrer, sei verdammt,“ brüllte er. Stattdessen erlebte er sein blaues Wunder als er entdeckte, dass der Kerl eine schwere Herzattacke erlitten hatte. Er eilte mit dem Mann zu einem nahegelegenen Krankenhaus, während die Reue sein Gewissen füllte: „Dummkopf! So schnell bist du damit, andere zu verurteilen.“ Der Fremde starb in seinen Armen.
Aufeinander treffende Fahrspuren, Vorfahrt gewähren. In einem positiven Licht gesehen sind „zusammentreffende Wege“ keine Bedrohung für uns. Weder signalisieren sie eine mögliche Rivalität, noch eine Gelegenheit zur Zwietracht, noch einen Grund für Uneinigkeit. Lebenswege, die zusammentreffen, sind dafür geschaffen, gemeinsame Interessen mit anderen zu teilen, sich an ihrer Gesellschaft zu erfreuen, ihre Beiträge willkommen zu heißen, ihnen von unserem Besitz etwas anzubieten, zusammen mit ihnen zu arbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen. Durch die aufeinander treffenden Wege des Alltags lernen wir, eher etwas aufzubauen, als es zu zerstören, eher eine Brücke zum anderen zu bauen, als sich von ihm zu trennen.
Auf manchen Straßen gibt es als Variante auf das Schild, das uns zum Gewähren der Vorfahrt anhält, ein Schild, dass uns ausdrücklich anhalten lässt: das Stoppschild. Etwas ähnliches machen wir auch, wenn wir andere von ihren Fehlern freisprechen, Menschen mit einem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit zuhören, anderen den besseren Teil überlassen oder niedergedrückte Freunde aufheitern. Ebenfalls „halten“ wir inne, wenn wir vergeben, eine schwierige Aufgabe übernehmen, eine helfende Hand reichen, Trost bieten und über kleinliche Streitereien hinweg sehen. Manchmal müssen wir Wege sich gleichsam kreuzen lassen, wenn wir in einer Position sind, eine Atmosphäre des vertrauensvollen Miteinanders zu schaffen, wenn es Streit gibt, um jeden Hass in der Quelle der Liebe zu ertränken. 2
Wir sehen, dass „aufeinander treffende Fahrspuren – Vorfahrt gewähren!“ stellvertretend für eine große Zahl an Manifestationen der Nächstenliebe in unserem Alltagsleben stehen kann.
Es ist in Ordnung ein Ziel ein wenig verspätet zu erreichen, sogar wenn uns das an die Grenze unserer Geduld bringen würde. Es ist besser etwas später wohlbehalten anzukommen, als in einem Krankenhaus oder gar auf dem Friedhof zu enden. Somit ist es auch in Ordnung, bei den „aufeinander treffenden Fahrspuren“ des menschlichen Austausches „Vorfahrt“ zu gewähren, auch wenn es unseren Stolz verletzt. Es ist besser, einen kleinen Vorteil zu „verlieren“ und dabei unsere guten Beziehungen zu erhalten, als den ersten Platz auf Kosten entzweiter Freundschaften einzunehmen. Ein defensiver Fahrstil hat zahllose Vorzüge. Menschliche Diskretion hat einen unermesslichen Wert.
Vielleicht wünschen wir uns, dass sich unsere Fahrspur niemals mit der eines anderen kreuzt, so dass wir die lange, breite Straße für uns alleine hätten. Sicherlich könnten wir unsere Routinearbeit schneller und unterbrechungsfrei erledigen, wenn niemand uns jemals stören würde. Wir würden verschont bleiben von Ärger, wie er von nörgelnden Ehefrauen, tyrannischen Vorgesetzten, allwissenden Kollegen, unverschämten Nachbarn oder eingebildeten Kunden verursacht wird, - wenn wir uns täglich für jeweils 24 Stunden in unserem Zimmer einsperren. Das wäre jedoch kein wirkliches Leben.
Schnellstraßen stehen jedem offen, der fahren möchte: Männern und Frauen, Reichen und Armen, Jungen und Alten, Schwarzen und Weißen, Kranken und Gesunden, Klugen und Dummen. Nächstenliebe diskriminiert nicht, denn sie ist ein Weg für jedermann. Besser noch, sie eröffnet neue Wege für andere. Unsere Pflicht zur Nächstenliebe entstammt der Tatsache, dass wir alle Mitglieder der menschlichen Familie sind, alle völlig gleichwertig, gesegnet mit einer gemeinsamen Würde, geschaffen als Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen. 1,26-27) und erlöst vom Blut Christi. Das ist die unermessliche Würde unseres Nächsten, auch wenn wir seinen Namen nicht kennen.
Wenn wir wissen, wie zu lieben, lernen wir unterschiedliche Charaktereigenschaften zu würdigen. Freundschaften und menschliche Beziehungen jeglicher Art gedeihen durch Vielfältigkeit. „Wir brauchen die lebendige, sprudelnde Person, die jede Begegnung belebt. Wir brauchen die warmherzige, kontaktfreudige Person, die unseren Geist aufrichtet. Wir brauchen die aktive, aus sich herausgehende Person, die uns motiviert unsere Aufgaben zu Ende zu bringen. Wir brauchen die stille, introvertierte Person, dessen Gesellschaft so erholsam und entspannend ist. Wir brauchen die nüchterne, besonnene Person, an die wir uns in Zeiten der Verwirrung wenden dürfen um einen guten Rat zu bekommen.“ 3
Die menschliche Person ist von Natur aus eine soziale Existenz. Wie ein bekannter Liedtext sagt, ist niemand eine Insel und steht niemand für sich alleine. Wir sind keine vollständig unabhängigen Wesen: Wir brauchen andere. „Aus sich selbst herausgehen, um sich mit den anderen zusammenzuschließen, tut gut. Sich in sich selbst zu verschließen, bedeutet, das bittere Gift der Immanenz zu kosten, und in jeder egoistischen Wahl, die wir treffen, wird die Menschlichkeit den kürzeren ziehen.“ 4
In der Nikomachischen Ethik sagt der griechische Philosoph Aristoteles, dass ein Mann alles in der Welt besitzen kann, aber dennoch nicht wirklich glücklich ist, wenn er keine Freunde hat. Als vernunftbegabte Geschöpfe besitzen wir die angeborene Eigenschaft zu kommunizieren und mit anderen Individuen zusammen zu leben. Tatsächlich entwickeln wir uns als Person nur in soweit, wie wir mit unseren Verwandten, Freunden, Bekannten und allen übrigen Menschen interagieren. Wir werden nicht reifer in einem sozialem Vakuum. Solidarität ist eine Berufung der menschlichen Person von Natur aus. Die eigene Persönlichkeit wird durch menschliche Beziehungen bereichert. Es ist keine Überraschung, dass es eine der grausamsten Foltermethoden ist, einen Menschen in einem kleinen Raum einzusperren. Er mag Wasser und Nahrung haben, aber abgetrennt von der menschlichen Gesellschaft, wird er verrückt werden.
Wenn Sie versuchen, alleine auf einer Insel zu leben, dann werden Sie innerhalb kurzer Zeit Ihren Verstand verlieren. Ich gebe zu, dass es nach einem dummen Vorschlag klingt so zu handeln. Aber ist es nicht wahr, dass im urbanen Dschungel so viele Menschen sich für ein Leben in Isolation entscheiden? Das ist der Paradox des modernen Lebens. Nehmen wir als Beispiel soziale Netzwerke wie Facebook. Es hat die erstaunliche Kapazität, eine Verbindung zu bereits seit langem verloren geglaubten Freunden wiederherzustellen. Die Welt ist wahrhaft ein globales Dorf geworden, dank dem Ausbau der modernen Kommunikationstechnologien. Leider können wir jedoch so aufgesogen werden von online Chats, online Spielen oder online Surfen, dass wir unsere Nachbarn neben uns nicht mehr bemerken. Nichts kommt einer persönlichen Begegnung und einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht gleich. Mit einer Tasse Kaffee wird es sogar noch besser.
Hightech Kommunikationsmittel bringen uns nicht von selbst näher zu einander. Sogar die schnellsten schnurlosen Verbindungen werden einen Digital Native nicht aus seiner Eierschale und Komfortzone herausholen, wenn er sich entscheidet in seiner Enklave zu verbleiben. Nächstenliebe und Solidarität gibt es in Chips und Mikroprozessoren nicht. Tugenden leben im menschlichen Herz und im Geist des Menschen. Eigensucht und Gleichgültigkeit kann nur überwunden werden durch eine klare Entscheidung in der Gemeinschaft mit anderen zu sein und etwas Erstrebenswertes für sie zu tun. Die Gesellschaft der Gegenwart ist merklich individualistisch und narzisstisch. Es ist somit kein Wunder, dass es im Tumult einer großen Metropole so viele einsame und depressive Menschen gibt, während ein Bauer auf dem Land so zufrieden, glücklich und vertraut mit seinem nächsten Nachbarn ist, der einen Kilometer entfernt lebt.
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