Wir erkunden häufig die äußere Welt. Wir wissen allerdings nur wenig über uns selbst. Rund um die Uhr füllen wir unseren Tag mit zahlreichen Aktivitäten, während wir von der einen zur Nächsten eilen. Wir surfen im Internet, wir verbringen Zeit mit Freunden, kaufen viele Sachen, lesen die Tageszeitung, fahren mit dem Auto, pflegen den Garten oder treiben Sport. Wir scheinen voller Leben zu sein, aber das ist oftmals nur die Oberfläche. Unterhalb dieses Aktivismus findet sich oftmals nur eine gähnende Höhle innerer Leerheit. Das ist der Grund, wieso so viele Menschen nach außen hin glücklich erscheinen wollen, aber tief in ihrem Inneren von Trauer erfüllt sind.
Die hohe Geschwindigkeit des modernen Lebens lässt uns nur wenig Raum für Reflexion. Zahllose Bilder verwirren unseren Verstand. Da entsteht leicht ein Rausch, die Spitze zu erreichen und materiellen Komfort an erster Stelle zu stellen. Wenn wir uns nur Zeit nehmen könnten innezuhalten und uns selbst zu prüfen, würden wir unser inneres Leben entdecken; Gedanken, Emotionen, Überzeugungen und Werte – kurz gesagt, das Verlangen des Herzens nach einem wirklich sinnvollen Leben. Auf dem ersten Blick sind die Vitalzeichen, die wir an jeder Ecke sehen bloß offizielle Regeln, die jedermanns äußere Manieren lenken sollen. Aber sie zeigen ebenfalls auf unserer inneres Selbst; sie geben den Bereichen und Tendenzen unserer Seele eine Richtung an. Nächstes Mal also, wenn Sie über die Autobahn fahren, in einem Restaurant essen, einkaufen gehen oder eine Flasche Cognac öffnen, halten Sie Ihre Augen für diese Vitalzeichen offen! Sie werden so zu Lebensprinzipien, Hinweisen zur Erfüllung Ihres Selbst. Sie werden Ihnen helfen der Frage ins Auge zu schauen, die jeder Mann und jede Frau beantworten muss: „Wohin geht die Reise Ihres Lebens?“
Henry P. Bocala
Manila, 1. November 2014
Allerheiligen
1 Fahrspuren treffen aufeinander – Vorfahrt gewähren!
R egeln und Vorschriften für den Verkehr sind heutzutage in den meisten Orten der Welt in Kraft, aber die tatsächliche Situation draußen auf den Straßen kann viel komplexer sein, als die ausführlichsten Richtlinien vorhergesehen haben. Vielleicht haben Sie mal erlebt, als Sie in hoher Geschwindigkeit über die Autobahn gefahren sind, dass auf einmal ein Verkehrsschild erschien, das Ihnen mitteilte, dass eine Fahrspur endet und von Ihnen erwartet wird, dass Sie das Reißverschlussverfahren anwenden. Ein Blick zur Seite verrät Ihnen, dass ein Auto rechts neben Ihnen auf der Fahrspur fährt, die in kurzer Entfernung in die Ihrige aufgehen wird.
Wer hat in dieser Situation Vorfahrt? Würden Sie abbremsen und dem anderen Fahrer erlauben vor Ihnen einzufädeln? Manche sagen, das Auto, das von rechts kommt, hat immer Vorfahrt. Andere meinen, dass Nutzer der endenden Fahrspur warten müssen. Wieder andere denken, dass, wer die Nase vorn hat, auch zuerst fahren darf. Vielleicht liegt die richtige Antwort ja in der richtigen Vereinigung all dieser Auffassungen.
Passen Sie Ihre Geschwindigkeit an, treten Sie auf die Bremse oder auf das Gaspedal, je nach Straßenlage. Hier sind Reflex und Intuition von entscheidender Bedeutung, denn trotz Straßenverkehrsordnung ist die Grundregel im Verkehr, dass Kollisionen zu vermeiden sind, auch wenn man eigentlich zuerst fahren darf. Vorsicht und Augenmaß können uns vor fatalen Unfällen behüten.
Über allen Normen zur Verkehrssicherheit stehen Höflichkeitsregeln und Gebote der Nächstenliebe, die von zivilisierten Menschen befolgt werden sollten. Sie sind nicht in Gesetzestexten niedergelegt worden. Sie sind in das menschliche Herz eingeschrieben worden.
Am Steuer eines Fahrzeugs sitzt immer ein Mensch, eine Person, die unabhängig von ihrem Temperament, ihrer sozialen Etikette und ihrem fahrerischen Können ein wenig Verständnis, ein Körnchen Nächstenliebe verdient.
Bildlich gesprochen ist unsere Reise durch das Leben voller „aufeinander treffender Fahrspuren“. Jeden Tag kreuzen wir den Weg der verschiedensten Menschen - zu Hause, im Büro, in der Schule, auf öffentlichen Plätzen, auf den Korridoren und Nebenstraßen des modernen Lebens. Andauernd begegnen wir verschiedenartigen Einzelpersonen aus Gründen wie Arbeit, Familie, Geschäft, Bildung, Religion, Gesundheit und Erholung. Rund um die Uhr befinden wir uns in vielerlei „Querstraßen“ zu unseren Mitmenschen. Unser eigener Lebensweg führt zur persönlichen Begegnung mit zahllosen Männern und Frauen.
Wir müssen an diesen Stellen achtsam sein, so dass wir nicht jemand anderen auf die Füße treten, ihn an seinem Weg hindern, ihn weg drängeln oder ihn zu einem abrupten Halt nötigen. Und wenn gegen uns in diesen Punkten falsch gehandelt wurde, dann lassen Sie es durchgehen, wenn Sie können. Es ist die Sache nicht Wert, viel Aufhebens um eine Kleinigkeit zu machen und die Dinge überproportional aufzublasen. Das wäre unter Ihrer Würde, abgesehen von der Beeinträchtigung Ihres Tages. Ausgedrückt in der Sprache des Autoverkehrs wäre das so, als wenn Sie einen extrem aggressiven Fahrstil an den Tag legen würden, nur weil das Fahrzeug neben Ihnen in einer Kurve ziemlich nahe an Ihre Stoßstange geriet. Seien Sie besonders vorsichtig! Sie werden bald über diese Sache hinwegkommen. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf wichtigere Angelegenheiten.
Menschen, die zusammen leben oder arbeiten, können kleine Konflikte nicht vollständig vermeiden. Reibereien sind gleichsam vorprogrammiert, weil wir unterschiedlich denken oder verschiedene Auffassungen vertreten oder weil mein Weg, eine Sache zu tun, nicht genau dem Stil eines anderen entspricht. Einige Leute scheinen Schwierigkeiten zu haben das zu akzeptieren. Meinungsverschiedenheiten sind ziemlich normal in menschlichen Beziehungen. Wir sind nicht wie ein Bündel Dollarnoten, die von jedermann jederzeit gerne gemocht werden - auch dann nicht, wenn wir versuchen jedem gefällig zu sein. Wir leben in einer unvollkommenen Welt.
Wir können sehr vorsichtig sein, wenn wir am Verkehr teilnehmen, aber dennoch dem Risiko unterliegen, dass ein Unfall geschieht, denn die Straßen dort draußen sind voller leichtsinniger Fahrer. Eine amerikanische Studie, die mittels eines Fahrsimulators erstellt wurde, zeigt, dass manche Männer eine solche Leidenschaft für das Autofahren entwickeln, dass es zu einem sehr obsessiven Verhalten wird. Sie betrachten ihr Auto als eine Verlängerung ihrer eigenen Existenz und werden somit aggressiv, wenn sie an-gehupt oder geschnitten werden. 1
Ein penetranter Fahrstil ist für manche Menschen der Weg ihre überzogene Männlichkeit zu zeigen, gestützt von einer Kultur, die in bestimmten Klischeevorstellungen des Männlichen untergeht. Diese Kraftfahrer bilden eine eigene Kategorie „Unannehmlichkeiten“ auf der Straße.
Fallen wir in diese Gruppe? Sind wir auf der Beobachtungsliste der Autobahnpolizei? Wenn ja: das Problem liegt in unseren Charaktereigenschaften. Sowohl auf der Straße wie anderswo geraten wir leicht in Schwierigkeiten, wenn wir unsere arroganten Verhaltensweisen, sarkastischen Kommentare, Aura der Selbstgerechtigkeit und Neigung das Leben anderer zu erschweren, nicht zügeln.
Die Straßen wären dann ein wenig sicherer, wenn Sie einfach zu Hause blieben. Gehen Sie dennoch hinaus, fahren Sie wohin Sie wollen! Bewegen Sie sich, wenn es notwendig ist, entlang der Kreuzungen ihrer gewöhnlichen Beschäftigungen, denn es ist über unsere häufige Begegnungen mit anderen, dass wir in der Tugend der Nächstenliebe wachsen können. Nur seien Sie von nun an rücksichtsvoller. Jene scharfe Bemerkung kann besser nicht ausgesprochen werden, es sei denn wir möchten nachher die unschönen Folgen bedauern. Eine snobistische Ausstrahlung oder kalte Abfertigung anderer kann uns in einen Kollisionskurs hineinführen (sogar unabhängig von hörbaren Worten), weswegen es besser ist, dass Sie höflich und zuvorkommend sind. Wir mögen die Eigenschaft haben, andere zu unterbrechen, wenn sie sprechen. Wenn Sie sich einmischen wollen, machen Sie es bitte in einer gefälligen Art. Vielleicht sind wir nicht gewohnt, dass man uns widerspricht. Es geht uns auf die Nerven. Es ist allerdings heilsam, eine aufgeschlossene und demokratische Gesinnung zu haben. Wir würden es nicht mögen, als in der Öffentlichkeit schreiender und brüllender Hitzkopf bekannt zu sein. Bleiben Sie ruhig! Unser aufkochendes Blut muss sich abgekühlt haben, bevor wir reagieren. Es zahlt sich aus, zu sagen „Es tut mir leid“, vor allem, wenn wir wirklich falsch lagen. Anschließend sollten wir danach streben, unseren rauen Charakter zu glätten.
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