Einige Fotos stammten zwar aus den benachbarten Städten der Universitätsgegend, Huntsdale und Wooldridge, doch der größte Teil zeigte eindeutig Illinois. Also alles in einem Umkreis von etwa dreihundert bis vierhundert Meilen. Ein paar stammten aus Indianapolis. Doch bei näherer Betrachtung erkannte Julian, dass die meisten Bilder in Chicago aufgenommen worden waren, und Chicago war nachweislich die Stadt des Blues.
»Na das passt ja hervorragend«, murmelte er gelassen.
Lake Michigan mit einer dunkelhaarigen Freundin, das ‚Hancock Center‘ mit der prächtigen Aussicht auf die Stadt. Eine Aufnahme vor dem ‚Hard Rock Hotel‘.
Soweit Julian wusste, gab es nicht allzu viele davon in den Staaten.
‚Grant Park‘, der ‚Buckingham Fountain‘.
Während Julian das Album weiter durchblätterte, begann er leise ‚Love And Marriage‘, das Titellied aus der Serie ‚Eine schrecklich nette Familie‘ zu pfeifen. Immerhin spielte dieser Brunnen im Vorspann eine Rolle. Interessiert betrachtete er einige Gruppenfotos der Mädchenclique und immer mittendrin, blond und fröhlich, Irene Morris.
Er stieß auch auf mehrere Aufnahmen in Restaurants und Bars. Zwar hatte sie auf keinem dieser Bilder das blaue Kleid an, dennoch war es offensichtlich, wo sie sich am liebsten herumgetrieben hatte. Bluesbars, Jazzclubs. Und das alles in Chicago!
Im gleichen Moment trat Will ins Zimmer.
»Wie sieht’s aus, Jul? Schon etwas entdeckt, dass uns weiterhelfen könnte? Wenn ja, raus mit der Sprache, was ist es?«
Julian drückte dem älteren Mann das Fotoalbum in die Hand.
»Hier hast du. Es ist Chicago, Mann. Sie könnte in Chicago sein.« Entschlossen zog er das geklaute Foto aus seiner Tasche hervor und hielt es Will unter die Nase.
»Schau dir das mal an. Klingelt‘s da bei dir? Na? Chicago, die Hauptstadt des Blues? Wusstest du überhaupt, dass Irene singt? Und zwar wirklich! Ich meine, zumindest so etwas in der Art, wie man hier unschwer erkennen kann. Und schau dir mal die Schrift im Hintergrund an: Chicago Blues. Scheint der Name einer Bar zu sein. Ich bin sicher wenn wir das Internet quälen, landen wir im River North District.«
»Mann bin ich bescheuert!« Will klatschte sich auf die Stirn.
»Wäre mir niemals eingefallen, dass sie, ich meine, sie hat auf ein, zwei Barbecues gesungen. Du weißt schon, Gitarrenmusik, ein paar Country-Songs, pure Unterhaltung, aber darauf wäre ich im Traum nicht gekommen.« Scheinbar verwirrte dieser Gedanke Will ein wenig. Vermutlich hatte selbst Joanne nicht daran gedacht, dass ihre Cousine ausgerechnet auf Blues und Jazz stand.
Schulterzuckend steckte Julian das Bild wieder ein.
»Nun, das wäre eine perfekte Sache für Irene. Und macht Sinn. Ich meine, sie reitet wie der Teufel, hat einen Rodeo-Freund, singt spaßhalber Country. Da denkt niemand daran, dass sie auch noch andere Hobbys hat. Ich denke, Joanne weiß doch nicht alles sooo genau. Den Verdacht hatte ich schon, als ich diese Figur da sah.« Er deutete auf die bemalte Figur der schwarzen Sängerin, die vor dem entwendeten Foto gestanden hatte.
»Dieses Bild stand dahinter, es passt perfekt.« Er hielt Will das geklaute Foto hin, der verwundert einen Blick darauf warf.
»Es schien mir Absicht von Irene es dort hinzustellen. Und dann hab ich in dieser Kiste das Album gefunden. Die meisten Fotos sind in Chicago aufgenommen. Ich glaube wirklich, das sie dort ist, Will, ich meine, ich hoffe es.« Einen Moment wog er die Tatsachen mit seiner Intuition ab, doch dann nickte er bestätigend.
»Nein, ich weiß es, Will. Mein Gefühl sagt mir, dass sie dort ist. Und morgen sollten wir unbedingt dorthin.«
Will überlegte einen Augenblick. Irgendwie erschien ihm diese Idee richtig. Julian hatte immer schon gute Instinkte gehabt.
»Okay, was solls, besser nach einem Strohhalm greifen, als jämmerlich zu ertrinken. Dann sollten wir früh ins Bett, denn die Fahrt dorthin ist lang!«
Julian nickte.
»Jep‚ Windy City‘, wir kommen!« Er grinste zufrieden. Endlich geriet Bewegung in die Sache, und seine Gedanken waren wieder auf Irene fokussiert.
Chicago - River North
Die schlanke schwarze Frau im hellen Cocktailkleid sang soeben zu einer ominösen Klavierbegleitung die letzten Töne von ‚Stormy Monday‘ als Julian seinen zweiten Scotch bestellte. Er konnte trotzdem noch hören, wie der Chicago-Regen gegen die hohen Scheiben trommelte. Etwas verdrießlich blickte er zu den Fenstern hin. Vermutlich würde der Regen heute nicht mehr aufhören.
Die Security-Männer hatten ihn vor gut einer Stunde passieren lassen, was wohl an seinem Anzug lag, in den er sich mit nur wenig Begeisterung, gezwängt hatte.
Recherchieren war generell schwierig. Es hatte schon mal gedauert, bis er und Will endlich eine annehmbare Liste des Blues-Viertels erstellt hatten. Es erleichterte die Arbeit ungemein, zu wissen, wo diverse Blues-Veranstaltungen stattfanden und wer gerade wo auftrat.
Seit gestern zogen Julian und Will getrennt durch die vielen Bars, auf der schwierigen Suche nach Irene. Die Nadel im Heuhaufen.
Es gab ein paar Gerüchte, doch keiner konnte, oder wollte ihnen bescheid geben. Der Name Irene Morris war selbstverständlich nicht bekannt. Wie auch? Falls die Frau tatsächlich hier war, was Julian fest glaubte, dann hatte sie sicher einen anderen Namen angenommen. Das ging ja heutzutage leicht.
In den beiden ersten Blues-Schuppen des heutigen Abends hatte er erfolglos sein Bier gekippt. Keiner hatte ihm weiterhelfen können. Niemand kannte die Frau auf dem Foto. Aber dort wie hier, war trotz des miesen Wetters eine Menge los. Scheinbar stürmten alle Einwohner von Chicago die Bluesbars im River North District, sobald die Woche vorüber war.
Auch in dieser vollgestopften Bar war die Atmosphäre locker und angenehm. Keiner schien sich an dem Gedränge in dem Lokal zu stören.
Seit er den Bluesschuppen betreten hatte, lauschte er der volltönenden Stimme der Mittfünfzigerin, die scheinbar eine ziemlich bekannte Nummer hier war. Julian kannte sich mit Musik ganz gut aus, auch wenn er überhaupt kein Blues-Fan war. Diese Musik verursachte Depressionen, wie er fand. Diese Frau war jedenfalls ein Profi.
Die schwarze Sängerin beendete unter dem Applaus der nahen sitzenden Zuseher ihr Lied und lächelte in die Runde, ehe sie sich entschuldigte und sich auf ihren Platz an einem kleinen Ecktisch hinsetzte.
Während Julian sich, scheinbar entspannt an die Bar lehnte, nippte er an seinem Whisky und sah sich um.
Einen Augenblick fühlte er sich in die Zeit der rauen Detektive zurückversetzt. Zigarettenrauch, der die Bar durchzog, zwielichtig aussehende Männer mit Hüten und Anzügen, schwarzgebrannter Whisky, heimlich im Hinterzimmer oder in verborgenen Geheimräumen ausgeschenkt. Ob Al Capone auch hier gewesen war, mit Mafiahut und Zigarette an der Bar? Wäre sicher möglich. Immerhin war er hier eine lokale Berühmtheit. Jeder kannte den Namen des wohl berühmtesten Mafioso aller Zeiten.
Bei diesem Gedanken musste Julian sachte grinsen. Er stellte sich die Szene hier in Schwarzweiß vor, und sein Grinsen vertiefte sich für einen Augenblick. Chicago hatte eindeutig noch genügend vom Flair der wilden Zwanziger übrig.
Er konnte nicht umhin, an diverse alte Filme, wie ‚Der Malteser Falke‘ oder die Szenen aus ‚Ricks Bar‘ aus Casablanca zu denken.
»Louis, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft«, raunte er. Sein Nachbar am Barhocker drehte sich leicht irritiert zu ihm um.
»Wie bitte?«
»Ähm, nichts, gar nichts. Ich dachte nur gerade an.« Julian winkte ab.
»Nicht so wichtig.« Das genügte dem Kerl neben ihm, der sich schulterzuckend wieder der Musik zuwandte.
Julian atmete leise aus. Rasch schob er seine Schwarzweiß-Fantasien beiseite, denn er hatte noch zu arbeiten.
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